Blinder Fleck in der Medizin: der weibliche Zyklus
Anne Krampe-ScheidlerMedizin wurde jahrhundertelang aus männlicher Perspektive gedacht und betrieben. Die Folgen sind spürbar – in Form von mangelnder Evidenz Versorgungslücken und fehlender Individualisierung. Am Beispiel der zyklusbezogenen Gesundheit diskutierten Expertinnen im Rahmen der DMEA über dringend notwendige Veränderungen, damit systematisch mehr relevante Daten erfasst, beforscht und entsprechende Erkenntnisse in die klinische Praxis überführt werden können.
Die Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler aus Berlin berichtete über eine aktuelle Studie, in der gezeigt wurde, dass eine Chemotherapie abhängig von der Phase des weiblichen Zyklus unterschiedlich wirkt. „Die Menstruation - oder auch nicht zu menstruieren - hat viele Konsequenzen für den weiblichen Körper: immunologisch, hormonell, genetisch, sodass man das eigentlich in jedem Bereich der Medizin mitdenken muss. Aber das geschieht nicht. Wir wissen nicht einmal, wann die deutsche Frau in die Menopause kommt“, sagte sie. Auch die psychische Gesundheit scheint durch den Zyklus beeinflusst zu werden. „Suizide bei jungen Frauen passieren fast immer in der zweiten Zyklushälfte“, so Prof. Mangler. Solche Erkenntnisse sind noch rar. Um eine evidenzbasierte geschlechtersensible Medizin zu etablieren, fehlt es an routinemäßig erhobenen Daten. „Wir müssen die Zyklusanamnese mit aufnehmen und auch dokumentieren, genauso wie den BMI“, forderte Prof. Mangler.
Daten weitgehend ungenutzt
Dr. Valerie Kirchberger von Evela Health, einem Unternehmen, das sich auf das Thema Wechseljahre spezialisiert hat, wies auf strukturelle Ursachen hin. Ein zentrales Problem sei die Fragmentierung des Gesundheitssystems, die es nahezu unmöglich mache, Patientinnen integriert zu betreuen. Gleichzeitig waren sich die Diskutantinnen einig, dass bereits eine große Menge an relevanten Daten existiert – etwa aus Zyklus-Tracking-Apps oder Wearables. Diese bleiben aktuell jedoch weitgehend ungenutzt, weil sie nicht sektorenübergreifend verfügbar gemacht werden können. „Eigentlich sind die Daten da, sie sind nur nicht verbunden und damit nicht analysierbar,“ so Prof. Mangler.
Frauenmedizin wird zu wenig priorisiert
„Frauengesundheit muss gefördert werden“, forderte Dr. Carina Vorisek vom Berlin Institute of Health. Sie berichtete von ermutigenden nationalen und internationalen Initiativen. Diese setzen sich dafür ein, im digitalen Raum Infrastrukturen zu schaffen, die mehr Chancengleichheit im Gesundheitssystem ermöglichen. Bei Gesundheit gehe es nicht nur um klinische Daten, sondern auch um Faktoren wie Geschlecht, Ernährung und Umwelt, betonte sie. In der Realität werde Frauenmedizin noch zu wenig priorisiert, dies erlebe sie vor allem bei der Forschungsförderung, so die Wissenschaftlerin. „Das Thema ist einfach nicht cool.“
Quelle:Inklusive Medizin neu denken: Zyklusbedingte Gesundheit und Frauengesundheit im Fokus. DMEA 2026, Berlin, 23.4.2026