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Gesundheitspolitik

12. März 2020 Stress im Job: Gesundheitspersonal am meisten belastet

Konkurrenzdruck, Mobbing, Überstunden, Schichtarbeit, ungerechte Bezahlung – und ein Smartphone, das ständige Erreichbarkeit einfordert: Immer mehr Arbeitnehmer stehen unter Dauerstress, vor allem Krankenpfleger. Das hat Folgen für die Psyche: Berufstätige leiden laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zunehmend unter seelischen Erkrankungen wie Burnout, Anpassungsstörungen, Panikattacken, Depressionen, Schlaf- und somatoformen Störungen, also körperlichen Beschwerden, die keine organische Ursache haben.
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Ärzte stellten 2018 bei KKH-versicherten Arbeitnehmern rund 321.000 Diagnosen wegen einer oder mehrerer dieser Erkrankungen. Im Vergleich zu 2008 ist das ein Anstieg von rund 40%. Die Auswertung zeigt außerdem, dass die Fehlzeiten im Job wegen seelischer Leiden in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind – pro Krankheitsfall von durchschnittlich 35,4 Tagen im Jahr 2015 auf 40,3 Tage im vergangenen Jahr. Bei den Krankenpflegern sind es im Schnitt sogar mehr als 80 Tage.

Die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung sind Depressionen. Mittlerweile ist jeder achte KKH-versicherte Arbeitnehmer betroffen – das ist rund ein Drittel mehr als noch zehn Jahre zuvor. Aufgrund von Depressionen waren Berufstätige zuletzt auch am längsten krankgeschrieben (2019 im Schnitt fast 68 Tage). Es folgen Angststörungen (knapp 56 Tage) und psychische Störungen etwa durch den Missbrauch von Alkohol und Medikamenten (rund 36 Tage). Bei sogenannten Anpassungsstörungen, also depressiven Reaktionen aufgrund körperlicher und seelischer Belastungen wie sie etwa bei hohem Leistungsdruck und Mobbing entstehen, verzeichnete die KKH den größten Anstieg um etwa zwei Drittel. Immer häufiger stellen Ärzte außerdem die Diagnose Burnout. Auch da registriert die KKH im selben Zeitraum einen deutlichen Anstieg von fast 60%. Das zeigt, dass immer mehr Berufstätige Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung haben und ausgebrannt sind. Burnout gilt als Vorstufe zur Depression und wird als Zusatzdiagnose im Zuge anderer Erkrankungen gestellt.

Krankenpfleger fehlen am häufigsten und längsten

Der Beruf als Krankenpfleger schlägt offenbar am meisten auf die Seele: So ist der Krankenstand wegen psychischer Leiden in den vergangenen drei Jahren nicht nur um die Hälfte gestiegen, sondern mit Abstand auch am höchsten (4,7%). Krankenpfleger meldeten sich zuletzt auch am längsten arbeitsunfähig (2019 im Schnitt 82,2 Tage, drei Jahre zuvor waren es noch 50,8 Tage).

Unter psychischen Druck stehen laut KKH-Statistik auch Mitarbeiter von Sozialverwaltungen und -versicherungen. Sie fehlten im vergangenen Jahr 2,7% ihrer Sollarbeitszeit. Unter den Top fünf rangieren außerdem Führungskräfte in der Krankenpflege und im Rettungsdienst (2,2%), Berufsschullehrer (2,1%) sowie Servicepersonal im Straßen- und Schienenverkehr, dazu zählen auch Kontrolleure in Bus und Bahn (1,9%).

So erklären Krankenpfleger den hohen Krankenstand: Der Personalabbau, vor allem in Kliniken, belastet extrem stark. Die verbliebenen Fachkräfte müssen nicht nur die Arbeit gestrichener Stellen kompensieren, sondern durch Gesetzesveränderungen im Gesundheitssystem zunehmend neue Aufgaben erledigen und Abläufe genauer dokumentieren. Der Zeitdruck wächst, die Zeit für Patienten schrumpft. Hinzu kommt, dass der Altersdurchschnitt eher hoch und somit auch der Krankenstand höher ist, denn psychische Leiden entwickeln sich meist über Jahre. Da der Beruf als Krankenpfleger für junge Menschen immer unattraktiver wird, fehlt zudem qualifizierter Nachwuchs.

Mehr Frauen psychisch belastet, aber Männer holen auf

Der Anteil berufstätiger Frauen ist bei den meisten psychischen Erkrankungen mehr als doppelt so hoch wie der der Männer, besonders bei Depressionen. Jede sechste Frau leidet inzwischen darunter, ab einem Alter von 50 Jahren sogar jede fünfte Arbeitnehmerin. Bei den Männern ist es hingegen jeder 13. Auch bei somatoformen Leiden und Angststörungen ist der Anteil der Frauen besonders hoch. Jede siebte bzw. jede Neunte ist davon betroffen, bei den Männern hingegen jeder 18. beziehungsweise jeder 20.

Auffällig ist, dass bei allen psychischen Erkrankungen zwar der Anteil der Frauen höher, der Anstieg bei den Männern aber deutlich größer ist, vor allem bei somatoformen Störungen, Burnout und Depressionen. Das zeigt, dass die Situation am Arbeitsplatz nach wie vor hauptsächlich den Frauen auf die Seele schlägt, der Druck sich aber auch bei den Männern immer deutlicher bemerkbar macht.

Je unsicherer der Job, desto weniger Fehlzeiten

Saisonale Beschäftigung, Projektarbeiten, Elternzeitvertretung: Die Unsicherheit im Job durch Zeitverträge ist ein enormer Stressfaktor. Dennoch melden sich Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen seltener und kürzer krank. Die Angst vor einem Jobverlust ist offenbar zu groß. Am häufigsten und längsten fehlten Berufstätige mit unbefristeten Teilzeitverträgen wegen psychischer Erkrankungen, nämlich 1,2% ihrer Sollarbeitszeit und durchschnittlich 46,2 Tage. Arbeitnehmer mit befristeten Vollzeitverträgen fehlten hingegen am seltensten und kürzesten, nämlich nur 0,6% ihrer Sollarbeitszeit sowie im Schnitt 29,8 Tage. Die zunehmende Zeitarbeit in der Altenpflege erklärt möglicherweise auch, warum sich Mitarbeiter in diesem Bereich deutlich seltener wegen psychischer Leiden arbeitsunfähig melden als Krankenpfleger, obwohl die seelische Belastung bei beiden Berufen ähnlich ist.

Neben Jobunsicherheit können unter anderem permanente Überstunden, extrem hohe Arbeitsbelastung, Mobbing, Diskriminierung und sexuelle Belästigungen psychische Erkrankungen auslösen. Belastend kann es darüber hinaus sein, wenn die eigene Rolle im Job nicht genau definiert ist oder es aufgrund dieser Rolle Konflikte gibt. Auch wer sich ständig verausgabt ohne belohnt zu werden, hat ein höheres Risiko, psychische Störungen zu entwickeln. Darüber hinaus neigen Pendler dazu, besonders gestresst zu sein, da sie aufgrund der langen Anfahrtswege weniger zur Ruhe kommen und soziale Beziehungen leiden.

Damit Stress nicht krank macht, müssen Phasen der Anspannung und Entspannung im Gleichgewicht stehen. Ein Warnsignal ist etwa, wenn Menschen die Fähigkeit zur Regeneration verlieren, sich beispielsweise im Urlaub nicht mehr erholen können. Aus Angst, sich angreifbar zu machen und den Job zu verlieren, vermeiden Betroffene häufig das Gespräch mit Kollegen und vor allem mit Vorgesetzten. Die Aussprache ist aber der erste wichtige Schritt zur Genesung. Deshalb sind Ansprechpartner für Diskriminierung und Mobbing, Beratungs- und Coaching-Angebote von der Stressbewältigung bis hin zur Suchtprävention in Unternehmen enorm wichtig.

Quelle: KKH Kaufmännische Krankenkasse


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