Dienstag, 10. Dezember 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

07. Mai 2019 Seltene Erkrankung: abdominelle Beschwerden und rezidivierende Hautschwellungen deuten auf hereditäres Angioödem hin

Plötzlich auftretende heftige Abdominalschmerzen sind möglicherweise Alarmzeichen für eine schwerwiegende Erkrankung. Trotz einer ausführlichen Differentialdiagnose wird nicht immer die Ursache gefunden. Die anhaltende Ungewissheit und die permanente Angst vor der nächsten Schmerzattacke belastet viele Patienten. Wird dann nach Jahren oder Jahrzehnten eine seltene Erkrankung diagnostiziert, z.B. das hereditäre Angioödem (HAE), sind viele Betroffene geradezu erleichtert. HAE ist eine seltene genetische Erkrankung, die durch plötzliche Schwellungsattacken der Haut und der Schleimhäute im Magen-Darm-Trakt gekennzeichnet ist. Der Verdacht auf HAE liegt nahe, wenn zusätzlich zu den abdominellen Beschwerden rezidivierende Hautschwellungen auftreten. Mit dem Befund können konkrete Behandlungsstrategien entwickelt und Krankheitsrisiken abgeschätzt werden. Im Rahmen des 125. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 2019 berichtete Dr. Emel Aygören-Pürsün, Universitätsklinikum Frankfurt, über das weite Spektrum möglicher Ursachen von Abdominalschmerzen – von harmlos bis lebensbedrohlich. Prof. Dr. Petra Staubach, Universitätsmedizin Mainz, stellte die verschiedenen Therapieansätze beim HAE und insbesondere die seit Februar verfügbare subkutane Routineprophylaxe Lanadelumab (TAKHZYRO▼®) vor.
Abdominelle Symptome gehören zu den häufigsten Beschwerden in der allgemeinärztlichen und internistischen Praxis. Die Liste der möglichen Ursachen ist umfangreich, von Appendizitis, Cholezystitis und Dünndarmobstruktionen bis hin zu akuter Pankreatitis. „Im ersten Schritt gilt es abzuklären, ob eine dringliche Intervention erforderlich ist oder weniger gravierende Ursachen eine Behandlung ohne Zeitdruck erlauben“, beschrieb Aygören-Pürsün die gängige Praxis. Die Befunderhebung ist mitunter aufwändig und mit bildgebenden Verfahren verbunden, da sich hinter einem identischen Leitsymptom mehrere Ursachen verbergen können. Die unklaren Symptome können zu Fehldiagnosen bis hin zu nicht-indizierten operativen Eingriffen führen. Ein Beispiel sind HAE-bedingte Bauchkrämpfe und kolikartige Beschwerden aufgrund von schmerzhaften Schleimhautschwellungen im Gastrointestinaltrakt. Neben den bereits genannten Differential- bzw. Fehldiagnosen werden sie häufig mit allergischen Reaktionen, Intoleranzreaktionen auf Nahrungsmittel oder – bei Hautschwellungen – Formen der Nesselsucht verwechselt (1,2). Eine Therapie mit Antihistaminika und Kortison führt in diesen Fällen nicht zur Symptomlinderung (3). Wichtige Hinweise auf die tatsächliche Ursache geben in vielen Fällen zusätzliche Hautschwellungen, z.B. im Gesicht oder an den Extremitäten. „Das wiederholte Auftreten von Hautödemen und gleichzeitig kolikartigen Abdominalschmerzen gilt als rote Flagge für ein hereditäres Angioödem“, erläuterte Aygören-Pürsün. Hautödem-Attacken können im Gesicht, an den Extremitäten oder im Bereich der Genitalien auftreten. Sind die Atemwege betroffen, kann die Erkrankung sogar zum Ersticken führen (3,4).

Indizien, die auf HAE hinweisen

„Weitere wichtige Hinweise auf das mögliche Vorliegen eines HAE sind der Anamnese und der familiären Vorbelastung zu entnehmen“, ergänzte Prof. Dr. Staubach. Die Erstmanifestation der seltenen Erkrankung erfolgt i.d.R. im Kindes- und Jugendalter. Etwa 85% sind von HAE Typ I betroffen, bei dem die Konzentration und die Aktivität des C1-Inhibitor-Proteins (C1-INH) erniedrigt ist. Bei HAE Typ II, der bei ca. 15% der Patienten festzustellen ist, treten normale bis erhöhte Werte eines funktionsgestörten C1-INH auf. Beide HAE-Typen beruhen auf einer Mutation des entsprechenden Gens. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung vererbt wurde, liegt bei 50%, wenn ein Elternteil ebenfalls Träger der Mutation ist. Bei etwa 20-25% der Patienten werden Neumutationen festgestellt (3).

Weisen die Symptome Abdominalschmerz und Hautschwellungen verstärkt auf ein HAE hin, ist die labordiagnostische Prüfung der nächste Schritt. Es werden u.a. die C1-INH-Konzentrationen, Komplementfaktor C4 und die Aktivität sowie Funktionsfähigkeit des C1-INH-Proteins erfasst. So können HAE Typ I und II diagnostisch gesichert und von anderen, noch selteneren Angioödem-Formen unterschieden werden (3).

Signifikante Verbesserung der Lebensqualität durch adäquate Therapie

Die oft lange Zeitspanne von Beginn der Beschwerden bis zur richtigen Diagnosestellung belastet viele Patienten. „Besonders beeinträchtigen die Attacken selbst sowie die ständige Angst vor der nächsten, unvorhersehbaren Attacke erheblich Privatleben, Ausbildung und Beruf der Betroffenen“, referierte Staubach (5,6). Ein optimales HAE-Management und Prophylaxe tragen daher aus ihrer Sicht zur wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität bei.

Nach den aktuellen Leitlinien der World Allergy Organization (WAO) und der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) (3) sollte die Therapie auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sein. Eine Langzeitprophylaxe sollte bei Patienten in Lebenssituationen mit erhöhter Krankheitsaktivität erwogen werden. Bei jeder Kontrolluntersuchung ist die Langzeitprophylaxe unter Berücksichtigung der Krankheitslast und der Präferenzen der Patienten zu evaluieren. Eine Kurzzeitprophylaxe wird vor Eingriffen mit Attacken-Risiko empfohlen. Eine Bedarfstherapie kommt bei allen Attacken in Betracht, v.a. bei jeder Attacke der oberen Atemwege. Attacken sollten so früh wie möglich behandelt werden (3).

Für die Langzeitprophylaxe eines HAE steht für Patienten ab 12 Jahren seit Februar 2019 Lanadelumab (TAKHZYRO▼®) zur Verfügung. Der humane monoklonale Antikörper hemmt spezifisch das Plasma-Kallikrein und wird alle 2 Wochen subkutan verabreicht. In der Zulassungsstudie konnte mit 300 mg Lanadelumab subkutan alle 2 Wochen die Häufigkeit der HAE-Attacken um 87% gegenüber Placebo reduziert werden (p<0,001). In der Steady-State-Behandlungsphase (Tag 70 bis Tag 182) waren fast 8 von 10 Patienten (77%) attackenfrei gegenüber 3% mit Placebo. Auch die Lebensqualität konnte signifikant verbessert werden (7).

Desweiteren sind verschiedene C1-INH-Konzentrate verfügbar, die intravenös (zur Langzeit- und/oder Kurzzeitprophylaxe und/oder Bedarfstherapie) (3) oder subkutan (Langzeitprophylaxe) (8) verabreicht werden. Der subkutan zu applizierende Bradykinin-B2-Rezeptor Icatibant (Firazyr®) wird zur Bedarfstherapie eingesetzt (3).

▼ Dieses Arzneimittel unterliegt einer zusätzlichen Überwachung. Dies ermöglicht eine schnelle Identifizierung neuer Erkenntnisse über die Sicherheit. Angehörige von Gesundheitsberufen sind aufgefordert, jeden Verdachtsfall einer Nebenwirkung zu melden. Hinweise zur Meldung von Nebenwirkungen, siehe Abschnitt 4.8 der Fachinformation.

Quelle: Shire

Literatur:

(1) Bork K et al. Am J Gastroenterol 2006;101:619-627.
(2) Zanichelli A et al. Ann Allergy Asthma Immunol 2016;117:394-398.
(3) Maurer M et al. Allergy 2018;73:1575-1596.
(4) Bork K et al. J Allergy Clin Immunol 2012;130:692-697.
(5) Aygören-Pürsün E et al. Orphanet J Rare Dis 2014;9:99.
(6) Caballero T et al. Allergy Asthma Proc 2014;35:47-53.
(7) Fachinformation TAKHZYRO® 300 mg Injektionslösung (Lanadelumab), November 2018.
(8) Longhurst H et al. N Engl J Med 2017;376:1131-1140.


Das könnte Sie auch interessieren

Lückenschluss zwischen ambulanter und stationärer Versorgung

Lückenschluss zwischen ambulanter und stationärer Versorgung
© upixa - stock.adobe.com

Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) erweitert sein Angebot für Patienten mit chronischen Schmerzen durch die Eröffnung einer neuen Schmerztagesklinik. Die Patienten kommen jeden Morgen zur Behandlung und erhalten nach einem individuellen Behandlungsplan ihre Therapien. In Seminaren erfahren sie Wissenswertes über krankheits- und schmerzbezogene Themen. Am Nachmittag gehen die Patienten dann wieder nach Hause. Sie bleiben somit in ihrem häuslichen Umfeld integriert – mit allen Aufgaben und Belastungen – und können beispielsweise ihre...

Wissen ist das beste Beruhigungsmittel – Das Blog zur Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense

Wissen ist das beste Beruhigungsmittel – Das Blog zur Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense
© Newsenselab GmbH

Nur wer die wesentlichen Vorgänge von Migräne- und Kopfschmerz-Attacken in seinem Körper versteht, erlangt genug Orientierung und Kompetenz im Umgang mit seiner Krankheit. Darum haben wir von der Migräne und Kopfschmerz-App M-sense ein Blog gestartet, in dem wir unsere Expertise teilen und diskutieren: von aktuellen Studien bis zur weiterführenden Link-Sammlung, von Erfahrungen, Rückschlägen und Hilfe. Doch vor allem möchten wir hier Wissen, Kompetenz und Verständnis vermitteln. Die M-sense-Nutzer sollen ebenfalls zu Wort kommen,...

Darmkrebsmonat März: Alkohol ist ein wichtiger Risikofaktor für Darmkrebs

Darmkrebsmonat März: Alkohol ist ein wichtiger Risikofaktor für Darmkrebs
© karepa / Fotolia.com

Das Trinken von Alkohol ist gesellschaftlich breit akzeptiert, trotz der Risiken, die mit seinem Konsum einhergehen. Alkohol ist an der Entstehung von mehr als 200 Erkrankungen beteiligt, so die Autoren des Alkoholatlas Deutschland 2017. Leberschäden gehören dabei zu den weitgehend bekannten Folgen. Doch auch das Risiko für Darmkrebs steigt. Anlässlich des Darmkrebsmonats März macht die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) darauf aufmerksam, dass auch der vergleichsweise moderate Konsum von Alkohol das...

Arzneimittelbehörden rufen weltweit zur verstärkten Meldung von Nebenwirkungen auf

Arzneimittelbehörden rufen weltweit zur verstärkten Meldung von Nebenwirkungen auf
© nmann77 / fotolia.com

In einer gemeinsamen Kampagne fordern derzeit Arzneimittelbehörden weltweit Patientinnen und Patienten dazu auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Appell, Verdachtsfälle von Nebenwirkungen bei Kindern zu melden. Weitere Zielgruppen sind Schwangere sowie stillende Frauen, die eine sichere Anwendung von Arzneimitteln sowie die Meldung möglicher Nebenwirkungen sensibilisiert werden sollen. In Deutschland werden diese Meldungen durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte...

Nüsse sind kein Ersatz für die Darmspiegelung

Nüsse sind kein Ersatz für die Darmspiegelung
© fredredhat / Fotolia.com

Magen-Darm-Ärzte mahnen zur Vorsicht bei Meldungen über bestimmte Nahrungsmittel, die vor Krebs schützen sollen. „Öffentliche Erklärungen wie gerade mal wieder von Ernährungswissenschaftlern der Uni Jena über den Schutzmechanismus von Nüssen sind eher irreführend als hilfreich“, betont Dr. Dagmar Mainz, die Sprecherin der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte. „Auch Nusskonsumenten sind vor Darmkrebs nicht gefeit. Sicherheit bietet nur die Darmspiegelung.“

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Seltene Erkrankung: abdominelle Beschwerden und rezidivierende Hautschwellungen deuten auf hereditäres Angioödem hin"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.