Journal MED
Medizin
Inhaltsverzeichnis

Reagieren Gedächtniszellen oder naive B-Zellen auf neue Varianten?

Das Genom von SARS-CoV-2 unterliegt ständigen Mutationen. Einige dieser Mutationen reduzieren die Wirksamkeit von RNA-basierten Impfstoffen, die in der Folge immer wieder angepasst werden müssen. Bislang war jedoch unklar, wie das Immunsystem auf neue Virusvarianten reagiert. Werden vor allem bereits vorhandene Gedächtnis-B-Zellen reaktiviert oder auch neue naive B-Zellen in größerem Umfang aktiviert? Diese Frage ist besonders für Personen relevant, bei denen die Immunantwort bereits durch frühere Impfungen und Infektionen geprägt ist.

Forschungsteam untersucht Antikörper- und B-Zell-Antworten nach JN.1-Booster

Ein interdisziplinäres Team von Mediziner:innen und Naturwissenschaftler:innen vom TWINCORE, Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung in Hannover, von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen hat deshalb die Antikörper- und B-Zell-Antworten in einer Kohorte vorimmunisierter Personen nach einer Impfung mit einem an die JN.1-Variante angepassten mRNA-Impfstoff untersucht.

„Nach der Boosterimpfung haben wir eine erhöhte Antikörperbindung und eine verbesserte Neutralisation von JN.1 und nachfolgenden Virusvarianten beobachtet”, sagt Dr. Metodi Stankov. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Prof. Georg Behrens in der Klinik für Rheumatologie und Immunologie der MHH und einer der beiden Erstautoren der Studie.

Kreuzreaktive B-Zellen dominieren zunächst die Immunantwort

Dabei fanden die Forschenden zunächst nur B-Zellen, die entweder ausschließlich die frühere Virusvariante Wu01 erkannten oder kreuzreaktiv gegen Wu01 und JN.1 waren. „Ausschließlich JN.1-spezifische B-Zellen nahmen dagegen nur langsam bis 21 Tage nach der Impfung zu“, sagt Dr. Matthias Bruhn, Postdoktorand am Institut für Experimentelle Infektionsforschung des TWINCORE und ebenfalls Erstautor des Artikels.

Somatische Hypermutation verbessert die Bindung an JN.1

Bei der anschließenden Einzelzell-RNA-Sequenzierung der antigenspezifischen Gedächtnis-B-Zellen und bei Funktionsanalysen der entsprechenden monoklonalen Antikörper zeigte sich, dass die sogenannte somatische Hypermutation eine Spezialisierung auf eine verbesserte Bindung an JN.1 und eine wirksamere Neutralisation antreibt.

Die somatische Hypermutation ist ein natürlicher Reifungsprozess des Immunsystems. Dabei entstehen gezielt Veränderungen in den Genabschnitten von Antikörpern, die für die Antigenbindung verantwortlich sind. Durch die anschließende Auswahl besonders gut bindender Antikörper kann das Immunsystem seine Abwehr gegen bereits bekannte Erreger gezielt verfeinern.

Gedächtniszellen statt neuer naiver B-Zellen als treibender Mechanismus

Die Forschenden leiten aus diesen Ergebnissen ab, dass sich vor allem bereits vorhandene Gedächtnis-B-Zellen nach einer Boosterimpfung an die neue Virusvariante anpassen. Die Aktivierung naiver B-Zellen scheint dagegen nicht der dominierende Mechanismus zu sein.

„Die JN.1-angepasste Boosterimpfung geht mit einer Anpassung eines bereits bestehenden Gedächtnis-B-Zell-Repertoires an JN.1 sowie mit einer verbesserten Neutralisation zirkulierender und antigenisch nah verwandter Virusvarianten einher”, sagt Prof. Ulrich Kalinke, Direktor des Instituts für Experimentelle Infektionsforschung am TWINCORE.

„Diese Studie ist ein erster Schritt, um besser zu verstehen, wie die Anpassung von Impfstoffen an neue Virusvarianten die Immunantwort beeinflusst“, sagt Prof. Georg Behrens. „Mit den heute verfügbaren Methoden können wir sehr viel präziser verfolgen, wie angepasste Impfstoffe das Immungeschehen steuern.”

Warum sich das Immunsystem über Jahrzehnte an Impfungen erinnert

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Warum sich das Immunsystem über Jahrzehnte an Impfungen erinnert

Jetzt lesen
Quelle:

TWINCORE - Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung

Literatur:

(1)

Stankov MV et al. (2026) JN.1-adapted vaccination is associated with readjustment of ancestral memory B cells toward neutralization within the JN.1 antigenic space Nature Communications, DOI: 10.1038/s41467-026-76035-z

Stichwörter