Pneumonie (Lungenentzündung)
Dr. rer. nat. Marion AdamIn Deutschland erkranken jährlich schätzungsweise mehr als 660.000 Menschen an einer ambulant erworbenen Lungenentzündung (CAP, community-acquired pneumonia). Die Inzidenz liegt bei etwa 9,7 Fällen pro 1.000 Personenjahre. Sowohl die Erkrankungsrate als auch die Sterblichkeit an einer Lungenentzündung sind stark alters- und komorbiditätsabhängig. Erkranken ältere Menschen an einer Pneumonie, werden sie statistisch häufiger im Krankenhaus als ambulant behandelt .
Was ist eine Pneumonie?
Eine Lungenentzündung oder Pneumonie ist eine Infektion des Lungengewebes, bei der sich die Lungenbläschen (Alveolen) einer oder beider Lungenflügel entzünden. Die Lungenbläschen können sich mit Flüssigkeit oder Eiter füllen, was zu schleimigem oder eitrigem Husten, Fieber, Schüttelfrost und Atemnot führt. Eine Vielzahl von Organismen, darunter Bakterien, Viren und Pilze, können eine Pneumonie verursachen.
Klassifikation nach klinischem Verlauf
Je nach Verlauf unterscheidet man typische von atypischen Lungenentzündungen:
Typische Pneumonien werden sehr häufig durch Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) verursacht und verlaufen in der Regel akut mit hohem Fieber, produktivem Husten und Auswurf.
Atypische Pneumonien (interstitielle Pneumonien) werden z.B. durch Mykoplasmen, Chlamydien oder Legionellen verursacht und verlaufen oft eher subakut mit milderen, unspezifischeren Symptomen.
Schweregrad und Risikopatient:innen
Der Schweregrad einer Pneumonie kann von mild bis lebensbedrohlich reichen. Am schwersten verläuft die Erkrankung bei Säuglingen und kleinen Kindern, bei älteren Menschen über 65 Jahren und bei Personen mit chronischen Erkrankungen oder geschwächtem Immunsystem.
Ursachen: Wie entsteht eine Pneumonie?
Viele Erreger können eine Lungenentzündung verursachen. Die häufigsten sind Bakterien und Viren in der Luft, die durch Einatmen eine Infektion der Lunge verursachen. Lungenentzündungen können nach der Art des Erregers, dem Ort des Erwerbs, Vorerkrankungen und Symptomen eingeteilt werden.
Ambulant erworbene Lungenentzündung (CAP)
Die ambulant erworbene Pneumonie (Community Acquired Pneumonia, CAP) ist die häufigste Form der Lungenentzündung. Laut der S3-Leitlinie (AWMF-Register Nr. 020-020, Stand 2021) ist eine CAP eine akute Lungenentzündung, die außerhalb des Krankenhauses bei nicht schwer immunsupprimierten Patient:innen auftritt.
Die CAP ist nach wie vor die häufigste Infektionskrankheit, die zu einer Krankenhauseinweisung führt, und bleibt mit einer erheblichen Morbidität und Letalität verbunden. Die Symptome reichen von einer leichten Lungenentzündung mit Fieber und Husten bis hin zu einer schweren Pneumonie mit Sepsis, schwerer respiratorischer Insuffizienz und akutem Lungenversagen (ARDS).
Häufigste Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie:
Bakterien: Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) ist der häufigste Erreger. Diese Pneumonien können von selbst oder nach einer Erkältung oder Influenza auftreten und einen Lungenlappen befallen (lobäre Pneumonie).
Atypische Erreger: Mycoplasma pneumoniae, Chlamydia pneumoniae, Legionella pneumophila verursachen meist mildere Symptome.
Viren: Influenzaviren, RS-Virus (RSV), SARS-CoV-2 und andere respiratorische Viren können eine Pneumonie auslösen. Virale Pneumonien verlaufen meist mild, können aber in Einzelfällen (z.B. COVID-19) schwer verlaufen.
Pilze: Pneumocystis jirovecii tritt vorwiegend bei immunsupprimierten Patient:innen auf.
Nosokomiale Pneumonie (HAP)
Die nosokomiale Pneumonie (hospital-acquired pneumonia, HAP) ist definiert als eine Lungenentzündung, die mehr als 48 Stunden nach Aufnahme in ein Krankenhaus auftritt (S3-Leitlinie AWMF-Register Nr. 020-013, Update März 2024). Diese Pneumonie kann schwer verlaufen, weil die verursachenden Bakterien häufig resistenter gegen Antibiotika sind und die Patient:innen bereits vorerkrankt sind.
Bei Patient:innen ohne Risikofaktoren dominieren die klassischen Erreger der CAP (ohne atypische Erreger). Bei Patient:innen mit Risikofaktoren für multiresistente Erreger (MRE) oder mit septischem Schock kommen häufiger Pseudomonas aeruginosa, resistente Enterobacterales (z.B. ESBL-Bildner) und MRSA vor.
Im Gesundheitswesen erworbene Pneumonie (HCAP)
Eine im Gesundheitswesen erworbene Lungenentzündung ist eine bakterielle Infektion, die bei Personen auftritt, die in Langzeitpflegeeinrichtungen leben oder in ambulanten Kliniken (z.B. Dialysezentren) behandelt werden. Wie die HAP kann auch die HCAP durch Bakterien verursacht werden, die gegen Antibiotika resistent sind.
Pneumonie unter schwerer Immunsuppression
Pneumonien bei immunsupprimierten Patient:innen (z.B. nach HIV-Infektion, bei angeborenen Immundefekten oder hämatologischen Erkrankungen) werden häufig durch opportunistische Erreger verursacht, können aber auch durch die gleichen Erreger wie CAP ausgelöst werden. Die Behandlung richtet sich nach der Art der Immunschwäche und dem Erreger.
Aspirationspneumonie
Eine Aspirationspneumonie entsteht durch das Einatmen von Nahrung, Getränken, Erbrochenem oder Speichel in die Lunge. Eine Aspiration ist wahrscheinlicher bei gestörtem Würgereflex, z.B. bei Hirnverletzungen, Schluckstörungen oder übermäßigem Alkohol- oder Drogenkonsum.
Wie wird eine Lungenentzündung diagnostiziert?
Klinische Untersuchung
Inspektion: Beurteilung der Atemfrequenz, Atemarbeit
Auskultation: Feuchte Rasselgeräusche, abgeschwächtes Atemgeräusch
Perkussion: Gedämpfter Klopfschall über Infiltrationen
Bildgebende Verfahren
Röntgen-Thorax: In zwei Ebenen zur Darstellung von Infiltraten (Goldstandard zur Diagnosestellung)
Thorakaler Ultraschall: Alternative bei immobilen Patienten oder als Point-of-Care-Diagnostik
Labordiagnostik
Entzündungsparameter:
CRP (C-reaktives Protein): Werte ≥ 30 mg/l erhöhen die diagnostische Genauigkeit. In Kombination mit klinischen Parametern und bei Werten > 200 mg/l besonders aussagekräftig.
Procalcitonin (PCT): Höhere diagnostische Effektivität als CRP zur Differenzierung bakterieller vs. viraler Pneumonien. PCT eignet sich auch zur Therapiesteuerung (Antibiotic Stewardship) und Prognoseabschätzung bei schwerer Pneumonie.
Weitere Laborparameter:
Blutbild (Leukozytose/Leukopenie)
Blutkulturen (bei hospitalisierten Patient:innen vor Antibiotikagabe)
Pulsoxymetrie: Messung des Sauerstoffgehalts im Blut (SpO₂)
Arterielle Blutgasanalyse bei respiratorischer Insuffizienz
Risikostratifizierung: CRB-65- und CURB-65-Score
Der CRB-65-Score dient zur Abschätzung des Schweregrades und der Letalität einer ambulant erworbenen Pneumonie. Für jedes erfüllte Kriterium wird ein Punkt vergeben (maximal 4 Punkte):
C (Confusion): Neu aufgetretene Verwirrtheit
R (Respiratory rate): Atemfrequenz ≥ 30/min
B (Blood pressure): RR systolisch < 90 mmHg oder diastolisch ≤ 60 mmHg
65: Alter ≥ 65 Jahre
Interpretation:
0 Punkte: Minimales Letalitätsrisiko (~0%), ambulante Behandlung möglich
1-2 Punkte: Mittleres Risiko, Hospitalisation erwägen (zusätzliche Faktoren: SpO₂ < 90%, dekompensierte Komorbiditäten, soziale Faktoren)
≥ 3 Punkte: Hohes Letalitätsrisiko, stationäre Aufnahme, ggf. Intensivüberwachung
Der CURB-65-Score ergänzt den CRB-65 um den Laborparameter U (Urea > 7 mmol/l bzw. Harnstoff-N > 20 mg/dl) und wird vorwiegend in der Klinik angewendet.
Zusätzliche Schweregradkriterien (ATS-Minorkriterien) für die Entscheidung zur Intensivaufnahme sollten bei Patienten mit CRB-65 > 1 berücksichtigt werden.
Wie wird eine Lungenentzündung behandelt?
Die Therapie einer Lungenentzündung zielt auf die Heilung der Infektion und Verhinderung von Komplikationen ab. Die spezifische Behandlung hängt von der Art und Schwere der Lungenentzündung, dem Alter und dem allgemeinen Gesundheitszustand der Patienten ab.
Antibiotikatherapie
Die kalkulierte Antibiotikatherapie richtet sich nach dem Schweregrad und dem Erregerspektrum:
Leichte CAP (ambulante Behandlung, CRB-65 = 0):
Aminopenicillin (z.B. Amoxicillin) 3 × 1 g/Tag oral für 5-7 Tage
Bei Penicillinallergie: Makrolid (z.B. Clarithromycin, Azithromycin) oder Fluorchinolon (z.B. Moxifloxacin)
Mittelschwere CAP (stationäre Behandlung, CRB-65 1-2):
Aminopenicillin + Betalaktamase-Inhibitor (z.B. Amoxicillin/Clavulansäure, Ampicillin/Sulbactam) i.v.
Oder Cephalosporin Gruppe 3a (Ceftriaxon, Cefotaxim)
Bei Verdacht auf atypische Erreger: Kombination mit Makrolid
Schwere CAP (Intensivstation, CRB-65 ≥ 3):
Betalaktam-Antibiotikum (Piperacillin/Tazobactam, Ceftriaxon, Cefotaxim) + Makrolid (z.B. Azithromycin, Clarithromycin)
Bei Penicillinallergie oder als Alternative: Pneumokokkenwirksames Fluorchinolon (Moxifloxacin, Levofloxacin) + Betalaktam
Bei Risikofaktoren für Pseudomonas aeruginosa: Pseudomonaswirksames Betalaktam (Piperacillin/Tazobactam, Cefepim, Meropenem)
Nosokomiale Pneumonie:
Patient:innen ohne Risikofaktoren für MRE: Aminopenicillin + Betalaktamase-Inhibitor, Cephalosporin Gruppe 3a oder Fluorchinolon
Patient:innen mit septischem Schock und MRE-Risiko: Kombinationstherapie mit Pseudomonas-wirksamem Betalaktam + Fluorchinolon oder Aminoglykosid; bei MRSA-Verdacht zusätzlich Linezolid oder Vancomycin
Therapiedauer: Bei gutem Ansprechen 5-7 Tage (leichte CAP) bis 7-8 Tage (schwere CAP/nosokomiale Pneumonie). Deeskalation nach Erregernachweis und klinischem Ansprechen.
Adjuvante Therapie
Steroidtherapie: Bei schwerer CAP kann eine Kortikosteroidgabe erwogen werden (aktuelle Studiendaten in Überarbeitung der Leitlinie)
Hustenmittel: Antitussiva bei quälendem, trockenem Reizhusten
Fiebersenkende/schmerzlindernde Mittel: Paracetamol, Ibuprofen
Atemtherapie, Physiotherapie
Frühmobilisation: Qualitätskriterium bei stationärer Behandlung
Respiratorische Unterstützung
Sauerstofftherapie: Bei SpO₂ < 90% oder PaO₂ < 60 mmHg
High-Flow-Sauerstofftherapie (HFOT) oder nicht-invasive Beatmung (NIV): Bei milder bis moderater respiratorischer Insuffizienz mit klaren Abbruchkriterien
Invasive Beatmung: Bei schwerer akuter respiratorischer Insuffizienz oder ARDS
Komplikationen der Pneumonie
Mögliche Komplikationen einer Pneumonie umfassen:
Pleuraerguss: Flüssigkeitsansammlung im Pleuraspalt
Pleuraempyem: Eiteransammlung im Pleuraspalt, erfordert Thoraxdrainage und prolongierte Antibiotikatherapie
Lungenabszess: Nekrotisierende Pneumonie mit Höhlenbildung
Sepsis und septischer Schock: Systemische Entzündungsreaktion mit Organdysfunktion
Akutes Lungenversagen (ARDS): Schwere respiratorische Insuffizienz durch überschießende Immunreaktion
Kardiovaskuläre Komplikationen: Myokardinfarkt, Herzrhythmusstörungen
Langzeit-Mortalität: Erhöht auch nach Überstehen der akuten Erkrankung
Prävention: Vorbeugemaßnahmen einer Pneumonie
Impfungen
Influenza: Jährliche Standardimpfung für alle Personen ≥ 60 Jahre und Indikationsimpfung bei chronischen Grunderkrankungen
Pneumokokken: Einmalige Impfung für alle Personen ≥ 60 Jahre; Indikationsimpfung für Kinder ab 2 Jahren, Jugendliche und Erwachsene mit Risikofaktoren (z.B. chronische Herz-/Lungenerkrankungen, Diabetes, Immunsuppression)
RSV: Einmalige Impfung für alle Personen ≥ 75 Jahre; Indikationsimpfung für Personen 60-74 Jahre mit schweren Grunderkrankungen oder in Pflegeeinrichtungen
Weitere Präventionsmaßnahmen
Raucherentwöhnung
Händehygiene
Aspirationsprophylaxe bei Risikopatient:innen
Frühmobilisation bei hospitalisierten Patient:innen
Behandlung von Grunderkrankungen
Häufig gestellte Fragen zum Thema Lungenentzündung
Rund um das Thema Lungenentzündung stellen sich für Betroffene und Angehörige oft viele Fragen: zur Diagnose, zu Behandlungsmöglichkeiten, zu Nebenwirkungen oder zum Alltag mit der Erkrankung. In dieser Patienten-FAQ finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen.
Literatur:
- (1)
Ewig S. Höffken G. Kern WV. et al. S3-Leitlinie: Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie. AWMF-Register Nr. 020-020, Stand: April 2021. abrufbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-020.
- (2)
Rademacher J. Welte T. Kolditz M. et al. S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patienten mit nosokomialer Pneumonie (Version 3.0). AWMF-Register Nr. 020-013, Stand: März 2024, abrufbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-013.
- (3)
Robert Koch-Institut. Schutzimpfung gegen Pneumokokken: Impfempfehlung. Epidemiologisches Bulletin 2/2026. Stand: 8.1.2026, abrufbar unter: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Pneumokokken/FAQ-Liste_Pneumokokken_Impfempfehlung.html.
- (4)
Robert Koch-Institut. Schutzimpfung gegen RSV (Respiratorische Synzytial-Viren): Häufig gestellte Fragen. Epidemiologisches Bulletin 32/2024. Stand: August 2024, abrufbar unter: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/RSV/FAQ_Liste_RSV.html.
- (5)
IQTIG – Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen. Qualitätssicherungsverfahren Ambulant erworbene Pneumonie (QS CAP), abrufbar unter: https://iqtig.org/qs-verfahren/qs-cap.
- (6)
Kolditz M. Ewig S. Höffken G. Management-based risk prediction in community-acquired pneumonia by scores and biomarkers. Eur Respir J. 2013;41(4):974-984.
- (7)
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Aktualisierung zur CAP-Leitlinie in Vorbereitung. Stand: 2024. AWMF, abrufbar unter: https://www.awmf.org/service/awmf-aktuell/behandlung-von-erwachsenen-patienten-mit-ambulant-erworbener-pneumonie-community-acquired-pneumonia-cap.