Polypharmazie im Alter – wenn viele Medikamente zur Herausforderung werden
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Nadine KretschmerMit zunehmendem Alter treten chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Arthrose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmend gemeinsam auf. Bei ihrer Behandlung werden dann meist mehrere Medikamente eingesetzt. Dadurch wächst die Zahl der täglich eingenommenen Arzneimittel und mit ihr das Risiko für Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Fehlanwendungen. Polypharmazie gehört deshalb zu den zentralen Herausforderungen der Geriatrie. Heute geht es allerdings nicht mehr nur darum, Krankheiten optimal zu behandeln, sondern auch darum, regelmäßig zu prüfen, welche Medikamente den Patient:innen tatsächlich noch nutzen und welche möglicherweise mehr schaden als nützen.
Polypharmazie ist mehr als eine Zahl
Als Polypharmazie gilt meist die dauerhafte Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten. Diese Definition bietet zwar eine Orientierung, sagt aber wenig über die Qualität einer Therapie aus. Manche Patient:innen profitieren von mehreren Medikamenten gleichzeitig, während bei anderen bereits wenige Arzneimittel erhebliche Probleme verursachen können. Entscheidend ist daher nicht die Anzahl der Medikamente, sondern ob jede Verordnung einen nachvollziehbaren Nutzen hat und zur aktuellen gesundheitlichen Situation passt. Die Frage lautet daher weniger „wie viele Medikamente sind zu viel?“, sondern vielmehr „sind alle Medikamente noch sinnvoll?“ [1].
Warum sich Medikamente über Jahre ansammeln
Mit der steigenden Lebenserwartung wächst die Zahl älterer Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen. Dadurch werden auch Medikationspläne komplexer, zumal Leitlinien meist einzelne Krankheiten betrachten und jeweils eigene Therapieempfehlungen geben. In der Summe entstehen häufig lange Medikamentenlisten, obwohl jede Verordnung für sich genommen sinnvoll erscheint. Hinzu kommt die sogenannte therapeutische Trägheit: Einmal begonnene Therapien werden oft über Jahre fortgeführt, obwohl sich Gesundheitszustand und Therapieziele verändert haben. Regelmäßige Medikationsüberprüfungen sind deshalb unverzichtbar [1, 2].
Warum Alter die Arzneimittelwirkung verändert
Mit zunehmendem Alter verändern sich Stoffwechsel und Organfunktion. Nieren und Leber arbeiten häufig weniger effizient, die Körperzusammensetzung verändert sich und viele Wirkstoffe werden langsamer abgebaut. Dadurch können Medikamente stärker oder länger wirken als beabsichtigt und selbst nach jahrelanger guter Verträglichkeit Nebenwirkungen verursachen [1, 3]. Diese Veränderungen betreffen sowohl die Pharmakokinetik als auch die Pharmakodynamik. Deshalb lassen sich Dosierungen jüngerer Erwachsener nicht ohne Weiteres auf hochbetagte Patient:innen übertragen. Jede zusätzliche Verordnung erhöht zudem das Risiko für Wechselwirkungen zwischen den Präparaten und unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Auch frei verkäufliche Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel sollten bei jeder Medikamentenanamnese berücksichtigt werden, da auch sie zu Wechselwirkungen führen können [3].
Wenn Medikamente selbst zum Gesundheitsrisiko werden
Insgesamt liegt die größte Gefahr der Polypharmazie im Zusammenspiel der vielen Präparate. Arzneimittel können sich gegenseitig verstärken, abschwächen oder ihren Abbau beeinflussen und dadurch vermeidbare unerwünschte Arzneimittelereignisse verursachen. Besonders problematisch sind Kombinationen, die Blutungen, Herzrhythmusstörungen, Stürze oder Verwirrtheitszustände begünstigen. Mit zunehmender Medikamentenzahl steigt außerdem die Gefahr, Nebenwirkungen als neue Erkrankung zu missverstehen und weitere Arzneimittel zu verordnen. Altersbedingte Veränderungen der Organfunktion können zusätzlich dazu führen, dass Wirkstoffe langsamer ausgeschieden werden und sich im Körper anreichern. Deshalb sollten Dosierungen regelmäßig überprüft und an die aktuelle Nieren- und Leberfunktion angepasst werden. Ebenso ist eine gute Abstimmung zwischen Hausärzt:innen, Fachärzt:innen und Krankenhaus wichtig, damit unnötige oder ungeeignete Arzneimittelkombinationen vermieden werden [1, 3].
Das geriatrische Dreieck: Drei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken
Frailty, Multimorbidität und Polypharmazie gelten heute als eng miteinander verknüpftes „geriatrisches Dreieck“. Frailty beschreibt einen Zustand verminderter körperlicher Reserven, in dem ältere Menschen empfindlicher auf Belastungen wie Infektionen, Krankenhausaufenthalte oder Änderungen der Medikation reagieren. Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen, die häufig eine Behandlung mit mehreren Arzneimitteln erforderlich machen. Dadurch steigt das Risiko einer Polypharmazie – mit allen damit verbundenen Herausforderungen [2].
Den ganzen Menschen im Blick behalten
Frailty, Multimorbidität und Polypharmazie beeinflussen sich gegenseitig: Mehr Medikamente erhöhen das Risiko für Nebenwirkungen, Stürze und funktionelle Einschränkungen, was wiederum eine Frailty begünstigen oder verschlechtern kann. Gleichzeitig erschwert eine bestehende Frailty die Behandlung chronischer Erkrankungen und macht eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung jeder Therapie erforderlich. Aktuelle geriatrische Konzepte empfehlen deshalb, nicht nur die Medikation, sondern auch Mobilität, Ernährungszustand, kognitive Leistungsfähigkeit und persönliche Therapieziele gemeinsam zu beurteilen. Erst dieser ganzheitliche Blick ermöglicht eine individuell angepasste und sichere Arzneimitteltherapie [2].
Medikamente regelmäßig hinterfragen
Noch vor wenigen Jahren galt das Absetzen von Medikamenten häufig als Ausnahme. Heute ist das sogenannte Deprescribing ein fester Bestandteil einer guten Arzneimitteltherapie. Gemeint ist das geplante und ärztlich begleitete Reduzieren oder Absetzen von Medikamenten, deren Nutzen nicht mehr überwiegt oder die nicht mehr zu den aktuellen Therapiezielen passen. Ziel ist nicht, notwendige Behandlungen zu beenden, sondern die Medikation an die veränderte Lebenssituation anzupassen. Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens – Krankheiten, körperliche Belastbarkeit und persönliche Prioritäten ebenso. Deshalb sollten Medikamente regelmäßig darauf überprüft werden, ob sie die aktuellen Therapieziele noch unterstützen [1].
Systematisch statt vorschnell absetzen
Auch ein erfolgreiches Deprescribing beginnt mit einer vollständigen Bestandsaufnahme der Medikation, ihrer Indikationen sowie der gesundheitlichen Situation und Wünsche der Patient:innen. Auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, welche Arzneimittel unverzichtbar sind und welche reduziert oder beendet werden können. Wichtig ist dabei ein schrittweises Vorgehen, da viele Medikamente ausgeschlichen werden müssen, um Absetzphänomene oder ein Wiederauftreten der Erkrankung zu vermeiden. Deprescribing bedeutet daher nicht Verzicht auf Therapie, sondern ihre gezielte Anpassung an den individuellen Bedarf [1].
Orientierung bei komplexen Medikationsplänen
Je umfangreicher eine Medikation wird, desto schwieriger ist es, Nutzen und Risiken einzelner Arzneimittel gegeneinander abzuwägen. Um Ärzt:innen dabei zu unterstützen, wurden verschiedene wissenschaftlich fundierte Bewertungsinstrumente entwickelt. Zu den bekanntesten gehören die STOPP/START-Kriterien (Screening Tool of Older Persons' Prescriptions/Screening Tool to Alert to Right Treatment) sowie die FORTA-Liste (Fit fOR The Aged). Sie helfen dabei, Medikationspläne systematisch zu überprüfen und mögliche Optimierungspotenziale sichtbar zu machen.
Über- aber auch Unterversorgung vermeiden
Die STOPP-Kriterien machen auf Medikamente aufmerksam, deren Risiken im höheren Lebensalter den erwarteten Nutzen häufig übersteigen. Ergänzend weisen die START-Kriterien auf sinnvolle Therapien hin, die trotz bestehender Indikation fehlen könnten – denn auch eine Unterversorgung kann die Gesundheit älterer Patient:innen beeinträchtigen. Die FORTA-Liste bewertet zusätzlich, welche Wirkstoffe sich für ältere Menschen besonders eignen. Zusammen bieten diese Instrumente eine wertvolle Orientierung für eine individuell angepasste Arzneimitteltherapie, ersetzen aber nicht die klinische Erfahrung und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patient:innen ([1, 3].
Therapieziele gemeinsam festlegen
Ein wesentlicher Wandel der vergangenen Jahre besteht außerdem darin, Patient:innen stärker in Therapieentscheidungen einzubeziehen. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt nicht nur von Leitlinien, sondern auch von den persönlichen Zielen der Betroffenen ab – etwa einer möglichst langen Lebenserwartung, dem Erhalt der Mobilität oder der Lebensqualität. Diese Prioritäten können sich mit zunehmendem Alter oder nach einschneidenden Ereignissen verändern und sollten deshalb regelmäßig besprochen werden. Viele ältere Menschen stehen einem Deprescribing offen gegenüber, wenn die Gründe verständlich erklärt werden und sie sich gut begleitet fühlen. Das stärkt das Vertrauen und erleichtert die gemeinsame Umsetzung therapeutischer Veränderungen [1].
Welche Rolle kann künstliche Intelligenz künftig spielen?
Auch Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) könnten die Arzneimitteltherapie älterer Patient:innen künftig sinnvoll unterstützen, vor allem dort, wo viele Informationen gleichzeitig berücksichtigt werden müssen. Moderne Systeme sind in der Lage, umfangreiche Medikationspläne, Laborwerte und Begleiterkrankungen miteinander zu verknüpfen und mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen. So könnten potenzielle Wechselwirkungen, ungeeignete Dosierungen oder Hinweise auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen schneller identifiziert werden als im klinischen Alltag allein. Auch bei der Auswahl geeigneter Medikamente oder der Anpassung bestehender Therapien könnte KI künftig als Entscheidungshilfe dienen – die endgültige Verantwortung bleibt jedoch bei den behandelnden Ärzt:innen.
Mehr Sicherheit und bessere Therapietreue durch KI?
Neben der ärztlichen Entscheidungsunterstützung sehen aktuelle Studien großes Potenzial der KI in der Begleitung von Patient:innen im Alltag. Intelligente Medikamentenspender, digitale Erinnerungsfunktionen oder sprachgesteuerte Assistenzsysteme könnten helfen, Arzneimittel regelmäßig und korrekt einzunehmen. Gleichzeitig lassen sich Einnahmefehler oder auffällige Veränderungen frühzeitig erkennen und gegebenenfalls an das Behandlungsteam weitergeben. Gerade bei komplexen Medikationsplänen könnte dies die Therapietreue verbessern und das Risiko vermeidbarer Komplikationen verringern. Voraussetzung ist allerdings, dass die Anwendungen einfach zu bedienen sind und sich an den Bedürfnissen älterer Menschen orientieren.
Technologie ergänzt, ersetzt aber nicht den Menschen
Trotz der vielversprechenden Möglichkeiten betonen Forschende aber auch deutlich, dass KI ärztliche Entscheidungen nicht ersetzen kann. Viele ältere Menschen wünschen sich außerdem weiterhin persönliche Beratung und stehen automatisierten Empfehlungen zunächst zurückhaltend gegenüber. Hinzu kommen Fragen des Datenschutzes, der Transparenz von Algorithmen und der Integration neuer Anwendungen in bestehende Versorgungsstrukturen. Die größten Chancen liegen daher in einer sinnvollen Kombination aus digitaler Unterstützung und klinischer Erfahrung. Künstliche Intelligenz kann helfen, Risiken früher zu erkennen und Routineaufgaben zu erleichtern – das Gespräch mit Patient:innen und die gemeinsame Therapieentscheidung bleiben jedoch unverzichtbar [4].
Fazit
Polypharmazie gehört zu den größten Herausforderungen der modernen Altersmedizin. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der Medikamente, sondern ihre Angemessenheit im individuellen Behandlungskontext. Alterungsprozesse, Multimorbidität und Frailty verändern das Nutzen-Risiko-Verhältnis vieler Arzneimittel und machen regelmäßige Medikationsüberprüfungen unverzichtbar. Moderne Konzepte stellen deshalb eine patientenzentrierte Arzneimitteltherapie in den Mittelpunkt. Deprescribing, strukturierte Bewertungsinstrumente, interprofessionelle Zusammenarbeit und künftig auch digitale Unterstützung können dazu beitragen, die Medikation sicherer zu gestalten. Am Ende entscheidet jedoch nicht die Zahl der Medikamente über eine gute Therapie, sondern ob sie den Bedürfnissen, Lebenszielen und der aktuellen gesundheitlichen Situation der einzelnen Patient:innen gerecht wird.
Literatur:
- (1)
Thompson und McDonald (2024): Polypharmacy and Deprescribing in Older Adults. Annual Review of Medicine, DOI: 10.1146/annurev-med-070822-101947.
- (2)
Umegaki (2025): Frailty, multimorbidity, and polypharmacy: Proposal of the new concept of the geriatric triangle. Geriatrics & Gerontology International, DOI: 10.1111/ggi.70046.
- (3)
Ngcobo (2025): Silent Dangers in Elderly Pharmacotherapy: The Interplay of Polypharmacy, Multimorbidity, and Drug Interactions. Journal of Evaluation in Clinical Practice, DOI: 10.1111/jep.70283.
- (4)
Das et al (2026): The Role of Artificial Intelligence in Medication Management for Older Adults: A Systematic Review. Aging Medicine, DOI: 10.1002/agm2.70074.