Herzrhythmusstörungen: Wenn der Taktgeber aus dem Rhythmus gerät
Dr. rer. nat. med. habil. Eva GottfriedHerzrhythmusstörungen, auch Arrhythmien genannt, bezeichnen Störungen der regelmäßigen Abfolge des Herzschlages. Dieser kann zu langsam, zu schnell oder unregelmäßig sein und geringe bis lebensbedrohliche Folgen haben. Eine der bekanntesten Formen ist das Vorhofflimmern, an dem fast zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden. Neben EKG und Ultraschalluntersuchung zur Diagnostik stehen Medikamente, Herzschrittmacher und Defibrillatoren zur Behandlung zur Verfügung.
Was sind Herzrhythmusstörungen?
Das Herz fungiert als muskuläres Hohlorgan, dessen funktionelle Architektur aus zwei Kammern und zwei Vorhöfen besteht. Durch rhythmische Kontraktions- und Relaxationsphasen gewährleistet es die kontinuierliche Perfusion des gesamten Organismus. Die koordinierte Abfolge von Systole und Diastole wird durch elektrische Impulse initiiert, die von spezialisierten Schrittmacherzellen im Sinusknoten generiert und über den Atrioventrikularknoten (AV-Knoten) weitergeleitet werden. Dieses komplexe Netzwerk bildet das kardiale Erregungsleitungssystem.
Kommt es zu Störungen in der Frequenz, Regelmäßigkeit oder Entstehung dieser elektrischen Impulse – sei es durch eine Tachykardie, Bradykardie oder irreguläre Erregungsbildung – liegt eine Herzrhythmusstörung (HRST) bzw. Arrhythmie vor. Obwohl nicht jede rhythmologische Auffälligkeit zwingend interventionsbedürftig ist, sollten Patient:innen mit entsprechender Symptomatik eine ärztliche Abklärung erhalten.
Wie häufig sind Herzrhythmusstörungen und wer ist betroffen?
Herzrhythmusstörungen zählen zu den häufigsten kardialen Erkrankungen in Deutschland. Im Jahr 2021 wurden annähernd 450.000 Patient:innen aufgrund von HRST stationär behandelt, mehr als 28.000 Personen verstarben an den Folgen rhythmologischer Komplikationen. Die Prävalenz zeigt seit 2011 eine kontinuierliche Zunahme.
Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Langzeitvergleich: Zwischen 1995 und 2015 stieg die Zahl stationärer Aufnahmen aufgrund kardialer Rhythmusstörungen um beachtliche 98,6%. Diese Dynamik ist multifaktoriell bedingt: Einerseits haben sich die diagnostischen Möglichkeiten sowie die medikamentösen und interventionellen Therapieoptionen erheblich verbessert. Andererseits spielt der demografische Wandel eine zentrale Rolle, da die Inzidenz von Herzrhythmusstörungen mit zunehmendem Lebensalter exponentiell ansteigt.
Welche Formen von Herzrhythmusstörungen werden unterschieden?
Zu Rhythmusstörungen kommt es durch Veränderung der Erregungsbildung und Erregungsleitung am Herz. Die häufigste Herzrhythmusstörung ist das Vorhofflimmern, bei dem das Herz zu schnell schlägt. Verschiedene Formen dieser schnellen Herzrrhythmusstörungen werden als Tachykardien bezeichnet; bei zu langsamem Herzschlag spricht man von Bradykardie. Daneben gibt es vielfältige Formen von unregelmäßigem Herzschlag. Herzrhythmusstörungen werden nach verschiedenen Kategorien eingeteilt, wie dem Ort der Störung, der Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Herzschläge (Frequenz) sowie dem betroffenen Taktgeber.
Supraventrikuläre Arrhythmien
Sie gehen von den Herzvorhöfen aus und erscheinen je nach Frequenz als:
supraventrikuläre Extrasystole (SVES), d.h. zusätzliche elektrische Impulse aus Vorhöfen führen zu zusätzlichen Herzschlägen
Tachykardien, d.h. erhöhte Schlagfrequenz (in Ruhe mehr als 100 Schläge pro Minute)
Tachyarrhythmien, d.h. unregelmäßige Herzschläge
Vorhofflattern/Vorhofflimmern, d.h. extrem häufige Herzschläge (teils viel mehr als 200 Schläge pro Minute in Ruhe)
Ventrikuläre Arrhythmien
Diese gehen von den Herzkammern aus und erscheinen je nach Frequenz als:
ventrikuläre Extrasystole (VES), d.h. zusätzliche Impulse in Herzkammern führen zu zusätzlichen Herzschlägen
Tachykardien, d.h. erhöhte Schlagfrequenz
Kammerflimmern/Kammerflattern, d. h. zu hohe oder unregelmäßige Kammerschläge, durch die keine regelrechte Herzkontraktion mehr möglich ist
Störungen der Sinusknotenfunktion
Hierbei ist der primäre Taktgeber des Herzschlags gestört. Dazu gehören u.a.:
Sinusbradykardie, d.h. (zu) niedrige Herzfrequenz unter 60 Schläge pro Minute in Ruhe
Sinustachykardie, d.h. Herzfrequenz über 100 Schläge pro Minute in Ruhe
Sinusarrhythmie, d.h. wechselnde Herzfrequenz
Sinusknotensyndrom, d.h. Fehlbildung am Herzen, die zu verlangsamtem Herzschlag führt
Blockbilder
Der sekundäre Taktgeber zur Anpassung des Herzschlags an unterschiedliche Bedingungen wie Belastung oder Ruhe ist hierbei gestört.
AV-Block verschiedenen Grades
Schenkelblock
Welche Ursachen haben Herzrhythmusstörungen?
Herzrhythmusstörungen können in jedem Alter auftreten, wobei das Risiko mit zunehmendem Alter steigt. Häufig sind sie Symptome anderer Herzerkrankungen, Störungen in anderen Organen oder Ausdruck einer Fehlfunktion des vegetativen Nervensystems.
Häufige Auslöser im Alltag
Auch junge und gesunde Menschen können Herzrhythmusstörungen erleben. Häufige Auslöser sind Genussgifte wie Alkohol, Nikotin oder Kaffee, die das Nervensystem stimulieren und das Herz zu schnellerem Schlagen anregen. Dabei kann es zu Extraschlägen (Extrasystolen) kommen, die sich als Herzstolpern bemerkbar machen. Ebenso können Stress, Nervosität oder Angst spürbare Herzrhythmusstörungen auslösen.
Der Herzrhythmus wird durch elektrische Impulse gesteuert, an deren Weiterleitung Mineralsalze (Elektrolyte) beteiligt sind. Ein Mangel an Kalium oder Magnesium kann Herzrhythmusstörungen auslösen oder verstärken. Ursachen sind meist längere Sporteinheiten, Alkoholkonsum, Nierenfunktionsstörungen oder bestimmte Medikamente.
Weitere Ursachen
Neben den genannten Auslösern können auch eine Schilddrüsenüberfunktion oder genetische Faktoren eine Rolle spielen. Weitere häufige Auslöser sind Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit oder unerkannte angeborene Herzfehler.
Welche Symptome hat man bei Herzrhythmusstörungen?
Herzrhythmusstörungen können sich auf sehr unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Vielen Menschen fällt ein unregelmäßiger Herzschlag zunächst als Herzstolpern oder Herzklopfen auf. Schlägt das Herz ohne körperliche Anstrengung sehr schnell, wird dies oft als Herzrasen wahrgenommen. Allerdings kann kurzes „Stolpern" auch völlig unbemerkt bleiben.
Problematischer wird es, wenn das Herz durch die Rhythmusstörung das Blut nicht mehr richtig durch den Körper pumpen kann. Erhält das Gehirn dadurch zu wenig Sauerstoff, kann das zu Schwindel oder Ohnmacht führen. Auch der Herzmuskel selbst braucht ausreichend Sauerstoff – bekommt er zu wenig, können Brustschmerzen auftreten. Weitere mögliche Symptome sind Atemnot und Schwäche. Wichtige Warnzeichen sind:
Herzstolpern, Herzklopfen oder Herzrasen
Schwindelgefühl
Beklemmungsgefühl (ähnlich Angina pectoris)
Bewusstseinsverlust und plötzliche Stürze
Wie wird die Diagnose von Herzrhythmusstörungen gestellt?
Bei Herzproblemen ist eine umfassende Diagnostik erforderlich, um verschiedene Herzerkrankungen voneinander abzugrenzen und auch koronare Herzkrankheiten (KHK) auszuschließen. Je nach Symptomen und klinischem Bild kommen verschiedene Untersuchungsmethoden zum Einsatz:
Basisdiagnostik: Körperliche Untersuchung, Erfassung der Lebensbedingungen und eingenommener Medikamente, Ruhe-EKG
Erweiterte Diagnostik: Belastungs-EKG, Langzeit-EKG, Eventrecorder/Loop-Recorder für seltene Ereignisse, Langzeit-Blutdruckmessung, Herz-Ultraschall, ggf. Herzkatheteruntersuchung mit elektrophysiologischer Untersuchung (EPU)
Wie werden Herzrhythmusstörungen behandelt?
Die Behandlung richtet sich im Wesentlichen nach dem Erkrankungstyp und der Dringlichkeit. Es gibt medikamentöse und nicht-medikamentöse Möglichkeiten der Behandlung. Weil bei einigen Patient:innen auch Kombinationen von bradykarden und tachykarden Störungen auftreten, wie z.B. beim Bradykardie-Tachykardie-Syndrom, ist auch die Behandlung von Rhythmusstörungen komplex. Zur Behandlung mit Medikamenten werden sogenannte Antiarrhythmika eingesetzt, die nach ihrer Wirkungsweise verschiedenen Klassen zugeordnet werden, wie:
Natriumkanalblocker (Klasse I nach Vaughan/Williams)
Betablocker (Klasse II)
Kaliumkanalblocker (Klasse III)
Kalziumkanalblocker (Klasse IV)
Diverse (Klasse V), u.a. Digitalis, Adenosin
Zur nicht-medikamentösen Behandlung von Rhythmusstörungen dienen ggf.:
Implantation von Herzschrittmacher
Katheterablation/Herzgewebe-Verödung
Bei anhaltenden Störungen mit Einfluss auf den Blutfluss (hämodynamische Relevanz) muss sofort eine Notfallbehandlung erfolgen, ggf. unter Einsatz von:
Kardioversion (synchronisierte Elektroschockgabe)
Defibrillator mit unsynchronisierter Elektroschockgabe
Häufig gestellte Fragen zum Thema Herzrhythmusstörungen
Rund um das Thema Herzrhythmusstörungen stellen sich für Betroffene und Angehörige oft viele Fragen: zur Diagnose, zu Behandlungsmöglichkeiten, zu Nebenwirkungen oder zum Alltag mit der Erkrankung. In dieser Patient:innen-FAQ finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen.
Literatur:
- (1)
Gesundheitsinformation, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Wie wird der Herzrhythmus gesteuert? Abrufbar unter: https://www.gesundheitsinformation.de/wie-wird-der-herzrhythmus-gesteuert.html. Zuletzt abgerufen am 12.03.2026.
- (2)
Reinhard L: Herzrhythmusstörungen: Akutbehandlung, Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege. 2016 Jun 14: 664–674, DOI: 10.1007/978-3-662-50444-4_48
- (3)
Herzmedizin: Herzbericht 2022: Herzkrankheiten sind häufigste Todesursache in Deutschland, abrufbar unter: https://herzmedizin.de/fuer-patienten-und-interessierte/wissen/fragen-zum-herzen/herzbericht-2022-die-haeufigsten-herzkrankheiten. Zuletzt abgerufen am 12.03.2026.
- (4)
DGK: Deutscher Herzbericht: Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen nehmen zu, abrufbar unter: https://dgk.org/daten/pm-herzbericht.pdf. Zuletzt abgerufen am 12.03.2026.
- (5)
Deutsche Herzstiftung: Herzrhythmusstörungen: Die Ursachen sind vielfältig, abrufbar unter: https://herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzrhythmusstoerungen/ursachen. Zuletzt abgerufen am 12.03.2026.