Freitag, 16. April 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
FSME
FSME
SchwerpunktDezember 2019
12. Dezember 2019
Seite 1/7

Musik, Musiktherapie und Krebs

Musik ist eine Dimension für sich, die die Entwicklung der Menschheit immer begleitet hat (Abb. 1). Das gesamte Leben des Menschen wird von der Wiege bis zur Bahre mit Musik unterlegt (1, 2), sie ist der Soundtrack des Lebens. Der Mensch wird von ihr in seinem Innersten berührt. Für die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen „hat Gott in der Musik den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen“ (3). Musik löst Emotionen aus, weckt Erinnerungen, lässt mit den Fingern im Takt klopfen, mit den Füßen wippen und bringt uns zum Tanzen. Musik beeinflusst Körper und Geist und löst eine Vielzahl eng verknüpfter komplexer neurobiologischer Vorgänge aus (Abb. 2). Schon die alten Ägypter versuchten, mit der Wirkung der Musik heilende Effekte für den Menschen zu erzielen. V.a. auch in der Krebsmedizin ist  dieser Ansatz heutzutage weiterhin sehr aktuell.
Anzeige:
FIASP
 
Abb. 1: Seit frühester Urzeit entwickelte der Mensch Interesse an der Musik und am Musizieren. Das sicherlich älteste Instrument war die menschliche Stimme. In der Kunst finden sich unzählige Darstellungen des Gesangs (Bronzemedaille: „Der ­Gesang“ von Prof. Karl Ulrich Nuss (Sammlung OM)).
Abb. 1: Seit frühester Urzeit entwickelte der Mensch Interesse an der Musik und am Musizieren. Das sicherlich älteste Instrument war die menschliche Stimme. In der Kunst finden sich unzählige Darstellungen des Gesangs (Bronzemedaille: „Der ­Gesang“ von Prof. Karl Ulrich Nuss (Sammlung OM)).


Ursprünge und Geschichte

Der heilsame Effekt von Musik auf die psychische und physische Gesundheit ist seit Jahrtausenden bekannt. Musik, Gesänge, Klänge und Rhythmen dienten in frühen Kulturen zur Vertreibung von Krankheiten bzw. deren Dämonen (4, 5). Die alten Ägypter und Chinesen erkannten um ca. 1500 v.Chr. die Wirkung von Musik auf Körper und Psyche des Menschen und deren Beeinflussung durch die Musik (4, 5). Im Alten Testament ist zu lesen, dass ein „böser Geist“ von Saul wich, als er Zithermusik hörte (1. Samuel 16,14-23). Im alten Griechenland um 500 v.Chr. bemühte man sich, den Zusammenhang zwischen Musik und Gesundheit rational zu beschreiben. Für Pythagoras (ca. 570-500 v.Chr.) beeinflusste Musik unmittelbar Gedanken, Gefühle und körperliche Gesundheit (4, 6). Die Pythagoreer unternahmen den ersten, historisch weitreichenden Versuch, die Wirkung von Klängen rational zu erklären (6). In der klassischen Antike sahen viele Denker die Musik als Abbild der kosmischen Ordnung. Folgerichtig konnte Musik das durch Krankheit gestörte Verhältnis zwischen Geist und Körper wiederherstellen und harmonisieren (4-7). So schrieb Aristoteles der musikbedingten „Katharsis“ zu, dass durch Musik und Tanz krankmachende und krankheitsfördernde Verspannungen gelöst und der Körper gereinigt werden (8). Dieser Denkansatz setzte sich in den nächsten Jahrhunderten fort. So schlug der römische Arzt Aulus Cornelius Celsus (um 25 v.Chr.
bis um 50 n.Chr.) „Musikstücke, das Getön von Becken und Getöse“ vor, um Kranke von traurigen Grübeleien abzubringen (9).

Seit dem 9. Jh. gibt es Berichte aus der arabischen Welt über die Wirkung der Musik auf den Menschen und die Möglichkeiten der Heilung durch Musik (4, 7). Für Ibn Hindu, Arzt und Philosoph im 10. Jh., gehörte der Musiker sogar zu den medizinischen Heilberufen (4-7). In dem vom Mamelucken-Sultan Qalawun as-Salihi (1222-1290) gestifteten Krankenhaus in Kairo waren Musiker angestellt, um die Kranken in schlaflosen Nächten zu trösten (10). Außerdem wurden in der Blütezeit des Osmanischen Reiches als Heilmethode auch Makame, kunstvolle arabische Stegreifdichtungen, genutzt. Für insgesamt 12 Makame sind die genaue Indikation und Anwendung beschrieben (11). Mit der Übersetzung arabischer Medizin-Lehrbücher seit dem 11. Jh. fanden die Erkenntnisse über die therapeutische Wirkung von Musik den Weg ins Abendland (3). Im europäischen Mittelalter war es üblich, dass sich Mediziner auch mit Musik beschäftigten. Denn da die Musik zu den 7 freien Künsten (septem artes liberales) gehörte, mussten die angehenden Ärzte auch diese lernen (4, 6, 7). So war die Musik so etwas wie die „alte Schwester der Medizin“ (12). Auch in der Neuzeit galt der Zusammenhang zwischen Musik und Gesundheit als wichtig, es wurden allerdings neue Konzepte etabliert: Die Musik wird wie ein Medikament bei der Behandlung eingesetzt. Komponisten der Klassik wie Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) arbeiteten u.a. für Menschen aus reichem Hause – die öfter auch an Depressionen oder Migräne litten. Seine Musik wird bis heute bei verschiedenen vegetativen Störungen empfohlen (13).

In der Romantik wandelte sich das klassische medizinische Bezugssystem der Musik hin zum psychologisch ausgerichteten Schwerpunkt. Diese Denkweise findet sich auch bei Novalis (1772-1802): „Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung“ (14).
 
Abb. 2: Neurobiologische Verarbeitung von Musik und ihre positiven Auswirkungen und Wechselwirkungen auf Schmerz, Stimmung, Entspannung und Angst (mod. nach 57).
Abb. 2: Neurobiologische Verarbeitung von Musik und ihre positiven Auswirkungen und Wechselwirkungen auf Schmerz, Stimmung, Entspannung und Angst (mod. nach 57).
 
Vorherige Seite
...

Anzeige:
Pradaxa
Pradaxa

Das könnte Sie auch interessieren

Essstörungen bei Diabetes können lebensgefährlich sein

Essstörungen bei Diabetes können lebensgefährlich sein
© weixx - stock.adobe.com

Essstörungen treten bei jungen Patientinnen mit Typ-1-Diabetes zwei- bis dreimal häufiger auf als bei gesunden Frauen. Die Betroffenen hoffen, Gewicht zu verlieren, indem sie zeitweise darauf verzichten, sich Insulin zu spritzen. Damit riskieren sie unumkehrbare Schäden an Nerven und Gefäßen und im schlimmsten Fall sogar ihr Leben. Anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz am 18. Juni in Berlin rufen Diabetes- und Hormonexperten dazu auf, die Kombination dieser beiden Erkrankungen stärker in den Fokus zu rücken. Insbesondere Ärzte und...

Preisgekrönte App „Rootd" gegen Angst und Panikattacken jetzt auf Deutsch verfügbar

Preisgekrönte App „Rootd" gegen Angst und Panikattacken jetzt auf Deutsch verfügbar
©shintartanya - stock.adobe.com

Rootd, eine führende App gegen Angstzustände und Panikattacken, wird von Hunderttausenden zufriedenen Nutzern auf der ganzen Welt verwendet und hilft ihnen in den Momenten, in denen sie es am dringendsten benötigen, mit interaktiven Übungen und auf kognitiver Verhaltenstherapie basierenden Lehrplänen. Ania Wysocka, die Rootd aufgrund direkter Erfahrungen mit Angstzuständen gründete, sagt, dass diese Übersetzung eine direkte Reaktion auf die Nachfrage der Benutzer in Deutschland ist, verbunden mit der weltweit erhöhten Angst und...

Forsa-Umfrage: Jede dritte Frau hat Sorgen vor Klinikaufenthalt

Forsa-Umfrage: Jede dritte Frau hat Sorgen vor Klinikaufenthalt
© VILevi / Fotolia.com

Vergessenes OP-Besteck im Körper, Komplikationen durch fehlerhafte Medizinprodukte oder Infektionen mit Keimen – immer wieder kommt es in deutschen Krankenhäusern zu solchen Zwischenfällen. Laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen (MDK) lag die offizielle Zahl der bestätigten Behandlungsfehler im vergangenen Jahr bundesweit bei knapp 3.500. Das verunsichert Patienten verständlicherweise vor wichtigen medizinischen Eingriffen. Frauen sorgen sich häufiger als Männer vor einem Klinikaufenthalt, so das aktuelle Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Musik, Musiktherapie und Krebs"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Impfen in der Hausarztpraxis: Spezifische Bestellung des COVID-Impfstoffs möglich
  • Impfen in der Hausarztpraxis: Spezifische Bestellung des COVID-Impfstoffs möglich