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Medizin

14. Januar 2021 Schmerzen und neuropsychiatrische Erkrankungen: Medizinisches Cannabis

Der Einsatz von medizinischem Cannabis ist zu einer wichtigen Behandlungsoption bei vielen Indikationen geworden, etwa Schmerzen oder neuropsychiatrische Erkrankungen. Mit der Produktpalette unter dem Markennamen Naxiva®-Panaxol ist es nun für alle Apotheken in Deutschland möglich, ohne größeren Zusatzaufwand Cannabis-Extrakte oder Extrakt-Konzentrate in wenigen Arbeitsschritten selbst zu abgabefertigen Arzneimitteln zu verarbeiten. Dies bietet auch Vorteile für Ärzte: Sie können Cannabis rechtssicher in patientenindividueller Menge und Dosierung verordnen mit der Gewissheit, dass diese Verordnungen auch adäquat in den Apotheken beliefert werden können.
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Als Heilpflanze ist Cannabis bereits seit über 4.000 Jahren bekannt. Die Inhaltsstoffe zeigen verschiedene medizinisch relevante Wirkungen und haben unter anderem antioxidative, entzündungshemmende und neuroprotektive Eigenschaften (1). Die neu in Deutschland verfügbaren Cannabis-Produkte enthalten als Hauptbestandteile den psychoaktiven Wirkstoff Δ-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und/oder den nicht psychoaktiven Wirkstoff Cannabidiol (CBD) in unterschiedlichen Konzentrationen.

Verordnet wird medizinisches Cannabis in Deutschland vor allem von Anästhesiologen, Neurologen, Allgemeinmedizinern und Internisten (2). Abgesehen von wenigen zugelassenen Fertigarzneimitteln liegt das Anwendungsgebiet im Ermessen des behandelnden Arztes und seiner Beurteilung über eine zu erwartende Symptomverbesserung (3). Neben Schmerzen gehören in Deutschland laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Spastik, Anorexie, Übelkeit/Erbrechen, Depressionen sowie ADHS zu den häufigsten Einsatzgebieten (2).

Sets mit medizinischem Cannabis für Apotheken

Das Unternehmen neuraxpharm bietet nun Naxiva®-Panaxol Rezeptur-Sets zur Herstellung von standardisiertem Extrakt an. Die Rezeptur-Sets enthalten jeweils 30 ml Vollextrakt mit standardisierten Gehalt an THC (25 mg/ml oder 50 mg/ml), CBD (25 mg/ml), oder THC und CBD (jeweils 25 mg/ml) zur Herstellung von abgabefertigem, öligem Cannabis-Extrakt. Besonders geeignet für höheren Bedarf und die regelmäßige Herstellung individualisierter Rezepturen sind die ebenfalls 30 ml enthaltenden THC- oder CBD-Konzentrate (250 mg/ml), wahlweise gelöst in mittelkettigen Triglyceriden oder Ethanol.

Mit diesen Produkten erhalten Apotheken die Möglichkeit, in wenigen Arbeitsschritten und mit geringem Zeitaufwand auf Basis ärztlicher Verordnungen von Cannabis-Vollextrakten individuelle Rezepturen für Patienten herzustellen. Die Sets enthalten nicht nur die Vollextrakte im jeweiligen Lösungsmittel, sondern auch viele weitere Hilfsmittel, die Apotheken für die Prüfung und Verarbeitung benötigen. Hierzu gehören neben einer Prüf- und Herstellungsanweisung unter anderem Testkits, Pipetten und Gefäße zum Abfüllen des fertigen Rezepturarzneimittels. Die Produktpalette von neuraxpharm ist in dieser Form in Deutschland einzigartig.

Regelungen für die Verschreibung von Cannabis

Im Sozialgesetzbuch (SGB V) ist geregelt, dass seit März 2017 Ärzte jeder Fachrichtung Cannabisblüten und -extrakte auf einem Rezept für Betäubungsmittel (BTM) verordnen können (4). Voraussetzung ist, dass eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung entweder nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach begründeter Einschätzung des Arztes unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes und zu erwartender Nebenwirkungen nicht zur Anwendung kommen kann. Es muss zudem eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome bestehen (4).

Nach einem Antrag auf Kostenübernahme muss die Entscheidung der gesetzlichen Krankenkasse innerhalb von 3 Wochen vorliegen; sofern eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) erfolgt, innerhalb von bis zu 5 Wochen. Die Kasse darf Anträge nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen (4). Bei einer Beantragung im Rahmen einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung beträgt die Genehmigungsfrist 3 Tage. Für privat Krankenversicherte gibt es dagegen keinen generellen Genehmigungsvorbehalt (5). Laut Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) liegt die Höchstmenge, die Ärzte ihren Patienten verschreiben dürfen, bei 1.000 mg Cannabisextrakt (bezogen auf den THC-Gehalt) innerhalb von 30 Tagen (6).

Breites Wirkspektrum im Endocannabinoid-System

Der Wirkstoffgehalt von Arzneipflanzen kann durch Züchtung sowie aufgrund natürlicher Schwankungen erheblich variieren. Standardisierte Extrakte bieten in dieser Hinsicht Vorteile, da der Gehalt pharmakologisch wirksamer Hauptbestandteile genau definiert ist. Auch die Naxiva®-Panaxol-Extrakte enthalten definierte Konzentrationen von THC und CBD, die auf Basis einer patientenindividuellen ärztlichen Verschreibung entweder verdünnt oder unverdünnt abgegeben werden können.
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein Neurotransmittersystem, das aus körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoiden) besteht, etwa Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol (7). Diese binden unter anderem an die G-Protein-gekoppelten Rezeptoren CB1 und CB2. Der CB1-Rezeptor ist in Hirnarealen verbreitet, die mit Schmerzempfindung, motorischer Kontrolle, emotionalen Reaktionen, Verhaltenssteuerung und Energiehomöostase assoziiert sind. In der Peripherie wird der gleiche Rezeptor beispielsweise im Fettgewebe, der Bauchspeicheldrüse, der Leber, dem Gastrointestinaltrakt, den Skelettmuskeln und im Herzen exprimiert. Der CB2-Rezeptor findet sich hauptsächlich im Immunsystem und reguliert dessen Funktion.
Endocannabinoide wirken als retrograde Signalbotenstoffe und als Modulatoren der postsynaptischen Erregungsübertragung und interagieren auch mit vielen anderen Neurotransmittersystemen. Das ECS ist somit auch an der Regulation zahlreicher weiterer Stoffwechselprozesse beteiligt. Die zentrale Rolle des Endocannabinoidsystems und dessen Modulierbarkeit durch definierte Dosen pflanzlicher Cannabinoide wird weiterhin intensiv erforscht und dürfte daher auch zukünftig neue therapeutische Perspektiven eröffnen.

Quelle: Neuraxpharm

Literatur:

(1) Fiani B et al. Current application of cannabidiol (CBD) in the management and treatment of neurological disorders. Neurol Sci 2020; doi: 10.1007/s10072-020-04514-2.
(2) Dr. med. Peter Cremer-Schaeffer. Cannabis als Medizin – Erste Erkenntnisse aus der Begleiterhebung. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). 09.05.2019.
(3) Horlemann J, Schürmann N, Horlemann C. DGS-PraxisLeitlinie: Cannabis in der Schmerztherapie. 2018; ISBN: 978-3-9817530-4-2.
(4) Das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch – Gesetzliche Krankenversicherung – (Artikel 1 des Gesetzes vom 20. Dezember 1988, BGBl. I S. 2477, 2482), das zuletzt durch Artikel 311 der Verordnung vom 19. Juni 2020 (BGBl. I S. 1328) geändert worden ist, § 31, Absatz 6.
(5) https://www.derprivatpatient.de/infothek/nachgefragt/erstattet-die-pkv-die-kosten-fuer-eine-cannabis-therapie (zuletzt aufgerufen am 22.10.2020)
(6) Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung vom 20. Januar 1998 (BGBl. I S. 74, 80), die zuletzt durch Artikel 2 der Verordnung vom 2. Juli 2018 (BGBl. I S. 1078) geändert worden ist; § 2, Absatz 1.
(7) Cristino, L., Bisogno, T. & Di Marzo, V. Cannabinoids and the expanded endocannabinoid system in neurological disorders. Nat Rev Neurol 16, 9–29 (2020).


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