Mehr Fleisch, mehr Fett – wenig Evidenz: Vorsicht bei neuen US-Ernährungsempfehlungen
Zum „Tag der gesunden Ernährung“ warnt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) vor einer unkritischen Betrachtung und Übernahme neuer US-Ernährungsempfehlungen in Deutschland – etwa in den sozialen Medien. Die von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. vorgestellten Leitlinien betonen tierische Proteinquellen und vollfette Milchprodukte deutlich stärker als bisher und setzen etwa bewährte Grenzwerte für die tägliche Eiweiß-Zufuhr deutlich nach oben. Die DGVS kritisiert genauso wie die American Society for Nutrition die wissenschaftliche Herleitung der Empfehlungen.
Fokus auf tierisches Protein und Vollfettprodukte
Anfang des Jahres hat US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. neue Ernährungsempfehlungen für US-Amerikaner:innen vorgestellt. Das Besondere: Entgegen bisher gültiger, wissenschaftlich basierter Empfehlungen räumen die neuen Empfehlungen tierischen Proteinen und Vollfettprodukten eine prominente Rolle ein. „Zahlreiche Studien zeigen, dass ein übermäßiger Konsum von rotem Fleisch und gesättigten Fettsäuren mit erhöhten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebserkrankungen, entzündliche Prozesse und metabolische Störungen verbunden ist“, erklärt Professor Dr. Johann Ockenga, Gastroenterologe und Ernährungsmediziner, der auch Ärztlicher Direktor im Klinikverbund Gesundheit Nord Bremen ist.
US-Ernährungsempfehlungen aus fachlicher Sicht nicht sinnvoll
Sowohl die American Society for Nutrition als auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bringen Zweifel auf, wie die wissenschaftlichen Grundlagen konkret in die neuen Empfehlungen übersetzt wurden. Während beide Organisationen die Reduktion von Zucker sowie den Verzehr von Obst und Gemüse begrüßten, stößt die starke Gewichtung von rotem Fleisch und vollfetten Milchprodukten bei den Fachleuten auf Skepsis. „Tierische Lebensmittel in der Ernährung pauschal in den Vordergrund zu stellen, ist aus fachlicher Sicht nicht sinnvoll“, so der Bremer Experte Ockenga.
Soziale Medien verbreiten Ernährungstrends
Geänderte US-Gesundheitsstandards sind keine rein amerikanische Angelegenheit. „Ernährungstrends machen nicht an Landesgrenzen halt, sondern schwappen über Social Media in kürzester Zeit auch zu uns herüber“, sagt Dr. Miriam Wiestler, Ernährungsmedizinerin an der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Was politisch oder medial in den USA kommuniziert wird, findet sich unter Umständen kurze Zeit später in deutschen Medien, Influencer-Kanälen und Ernährungsratgebern wieder.“ Dies könne Menschen verunsichern – insbesondere dann, wenn etablierte Leitlinien infrage gestellt werden.
Proteinzufuhr: Kein Handlungsbedarf in Deutschland
Deutlich wird der Unterschied zwischen den US-Empfehlungen und den hierzulande geltenden Richtwerten etwa beim Thema Proteinzufuhr: Die neuen US-Leitlinien empfehlen 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag – deutlich mehr als die in Deutschland geltenden 0,8 Gramm für gesunde Erwachsene unter 65 Jahren. „Referenzwerte können und müssen entsprechend der individuellen Lebensumstände und des Gesundheitszustands angepasst werden. Es gibt aber keinen Anlass, die wissenschaftlich fundierten deutschen Referenzwerte grundlegend zu verändern“, betont Wiestler. In Deutschland basieren die von der DGE ausgesprochenen Empfehlungen auf einem transparenten, wissenschaftlich dokumentierten Verfahren und berücksichtigen die vorhandene Evidenz zu Gesundheit, Prävention und zunehmend auch Nachhaltigkeit. „Als Expertinnen und Experten bleiben wir dabei: Eine ausgewogene Ernährung mit hohem Anteil pflanzlicher Lebensmittel, Vollkornprodukten, moderatem Konsum tierischer Produkte und begrenztem Anteil gesättigter Fette entspricht dem Stand der aktuellen Wissenschaft.“
Wissenschaftliche Evidenz entsteht durch transparente Methodik
Ernährungsassoziierte Erkrankungen wie Adipositas, Fettleber, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen betreffen auch in Deutschland immer mehr Menschen. „Ernährungsempfehlungen sind daher kein Lifestyle-Thema, sondern ein zentraler Bestandteil der Prävention“, so Terjung. „Gerade deshalb muss das, was von offizieller Stelle als gesunde Ernährung deklariert wird, wissenschaftlich basiert, unabhängig, nachvollziehbar und frei von politischen oder wirtschaftlichen Interessen entwickelt werden.“
Zum „Tag der gesunden Ernährung“ appelliert die DGVS, ernährungsmedizinische Aussagen nicht aus dem Kontext zu reißen oder ideologisch zu instrumentalisieren. „Wissenschaftliche Evidenz entsteht durch transparente Methodik und sorgfältige Bewertung“, sagt Terjung. „Diese Sorgfalt sollten auch alle diejenigen an den Tag legen, die auf Social Media oder anderweitig Ernährungstipps abgeben.“
Quelle:Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) e.V.