Journal MED
Patienteninfos

Krankheiten diagnostizieren und behandeln – darin ist unser Gesundheitssystem gut. Doch viele Erkrankungen, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder chronische Lungenkrankheiten, entstehen über viele Jahre hinweg. Die zentrale Frage ist deshalb laut DGIM-Vorsitzender und Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen Prof. Dr. Dagmar Führer-Sakel, wie sich früher ansetzen lässt, um Erkrankungen zu verhindern. „Prävention und Gesundheitsförderung müssen künftig eine deutlich stärkere Rolle im Gesundheitssystem spielen“. Denn: „Vorbeugung ist keine freundliche Ergänzung zur behandelnden Medizin, sondern eine systemrelevante Zukunftsaufgabe“.

Wir müssen uns stärker von einer Medizin lösen, die erst reagiert, wenn Krankheit bereits entstanden ist, und uns stärker hin zu einer Medizin entwickeln, die Risiken früh erkennt, Ursachen adressiert und Menschen dabei unterstützt, gesund zu bleiben

Prof. Dr. Führer-Sakel

Kostenloses Lungenkrebsscreening – eine große Chance

Nach wie vor ist Lungenkrebs hierzulande die häufigste krebsbedingte Todesursache [1]. Jedes Jahr erkranken rund 58.000 Menschen neu daran, etwa 45.000 versterben an den Folgen der Erkrankung [1]. Schließlich ist die Prognose nach den Worten von Prof. Dr. Tim O. Hirche, Direktor der Klinik für Pneumologie an den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, weiterhin schlecht – trotz erheblicher Fortschritte in Chirurgie, Strahlentherapie und medikamentöser Behandlung. „Das liegt hauptsächlich daran, dass Lungenkrebs meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird, wenn heilende Behandlungen nicht mehr möglich sind“.

Vor diesem Hintergrund ist die geplante Einführung eines bundesweiten kostenlosen Lungenkrebsscreenings mittels Niedrigdosis-CT zum 1. April 2026 von herausragender medizinischer und gesundheitspolitischer Bedeutung. Erstmals, so Prof. Hirche, „wird damit in Deutschland ein strukturiertes Früherkennungsprogramm für eine Hochrisikogruppe, die Raucher, etabliert, das auf einer soliden wissenschaftlichen Basis steht und das Potenzial hat, die tödliche Gefahr des Lungenkrebses deutlich zu senken“. Denn der entscheidende Vorteil des Screenings liegt darin, dass es die Stadien der Diagnose verschiebt. „Ein durch Symptome entdeckter Lungenkrebs befindet sich überwiegend in Stadium III oder IV. Im Screening werden indessen überwiegend Tumoren im Stadium I entdeckt. In einem Stadium also, in dem noch eine Heilung realistisch ist“.

Zielgruppe des Screenings sind Personen mit erhöhtem Risiko, besonders aktive und ehemalige Raucher:innen zwischen 50 und 75 Jahren sowie Personen mit einer relevanten Rauchervorgeschichte (mehr als eine Packung pro Tag über 15 Jahre und länger). Ansprechpartner zur Teilnahme sind vor allem die Hausarztpraxen. Kritik am Lungenkrebsscreening gibt es unterdessen reichlich. Doch Prof. Hirche entgegnet: „Es ermöglicht langfristig, die Kosten durch die Vermeidung fortgeschrittener Krankheitsstadien zu reduzieren. Der Nutzen des Screenings wird mithin medizinisch und ökonomisch deutlich überwiegen“.

Das deutschlandweite Lungenkrebsscreening eröffnet die realistische Möglichkeit, die Prognose einer der tödlichsten Krebserkrankungen durch systematische Früherkennung substanziell zu verbessern.

Prof. Dr. Tim O. Hirche

Blutfette im Blick haben

Die Blutfettwerte haben einen großen Stellenwert in der Vorbeugung – vor allem zum Schutz der Gefäße und damit der Herz-Kreislauf-Gesundheit. Zudem, so Prof. Dr. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, „sind sie ein leicht zu detektierendes, ideales Target zur Prävention“. Zentral wichtig ist nach seinen Worten der Wert des LDL-Cholesterins – des sogenannten schlechten Cholesterins. Doch auch die Menge an Triglyceriden, Blutfette mit ebenfalls negativen Auswirkungen, spielen eine Rolle. „Sie sollten entsprechend routinemäßig mit in die regulären Blutuntersuchungen aufgenommen werden“.

Umbruch in der Versorgung von Diabetes

Diabetes mellitus ist eine Volkskrankheit, besonders in Deutschland. Es gehört zu den Ländern mit der höchsten Krankheitslast in Europa. Insofern ist es gerade für uns hierzulande sehr relevant, dass sich in der Diabetologie derzeit ein grundlegender Wandel vollzieht: weg von einer rein reaktiven Behandlung erhöhter Blutzuckerwerte hin zu einer präziseren, vorausschauenden und teilweise präventiven Versorgung.

Dabei stehen zwei Entwicklungen im Fokus, so Dr. Annie Mathew, Oberärztin an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. „Erstens verbessern Systeme zur automatisierten Insulinsteuerung die Sicherheit und Alltagstauglichkeit der Insulintherapie deutlich“. Denn diese passen die Insulinabgabe fortlaufend an Sensordaten an und gelten als bevorzugte Insulintherapie, weil sie konsistent die Zeit im Zielbereich verbessern und Hypoglykämien reduzieren. Studien zeigen, dass dies die Kontrolle des Blutzuckers deutlich verbessert [2, 3]. „Für viele Betroffene bedeutet das erstmals ein deutliches Gefühl von Sicherheit im Alltag, insbesondere nachts“. Zweitens steht mit dem monoklonalen Antikörper Teplizumab erstmals ein Medikament zur Verfügung, das bei Erwachsenen und Kindern ab acht Jahren mit Stadium-2-Typ-1-Diabetes den Übergang zum klinisch manifesten Stadium 3 verzögern kann. „Damit ist erstmals eine frühe Immunprävention des Typ-1-Diabetes möglich, wodurch Betroffene und Familien Zeit ohne manifeste Erkrankung und unmittelbarer Insulinpflicht gewinnen“.

Moderne Diabetes-Versorgung wird heute nicht mehr nur als Glukose-Kontrolleverstanden, sondern als Kombination aus digitaler Präzisionstherapie und früher Prävention. Wir können Diabetes heute nicht nur besser behandeln, sondern wirkönnen ihn früher erkennen und erstmals teilweise verzögern

Dr. Annie Mathew

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Quelle:

Vorab-Pressekonferenz anlässlich des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) am 09.04.2026

Literatur:

(1)

Krebs in Deutschland. Zentrum für Krebsregisterdaten. Robert Koch-Institut, 15. Auflage 2025, abrufbar unter: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE

(2)

Brown S. A. et al. Six-Month Randomized, Multicenter Trial of Closed-Loop Control in Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2019; 381(18): 1707 – 1717.

(3)

Wilmot E. G. et al. Tubeless automated insulin delivery versus multiple daily injections in children and adults with type 1 diabetes with elevated HbA1c (RADIANT): a multicentre, international, parallel-group, open-label, randomised, controlled trial. Lancet Diabetes Endocrinol. 2026; 14(4): 305 – 316.