Erkrankungen der Bauchorgane besser vorbeugen
Birgit Frohn Dipl. biol.Bei der Prävention von Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten gibt es viel Luft nach oben. Der Schutz der dazu zentralen Organe im Bauchraum hinkt im EU-Vergleich hinterher. Dringender Anlass für Nachbesserungen – allen voran beim Leberschutz und Zuckerkonsum.
„Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme, aber nicht das Beste“. Diese Aussage des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Prof. Dr. Karl Lauterbach hat leider nach wie vor ihre Berechtigung. Das gilt auch für die Prävention. Hier ist Deutschland derzeit und noch immer Schlusslicht in Europa – neben kardiovaskulären Erkrankungen auch bei anderen Volkskrankheiten wie etwa Typ-2-Diabetes, Adipositas und Fettleber. Das ruft selbstverständlich die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) auf den Plan. Sie hat entsprechend kürzlich die Präventionsmöglichkeiten in ihrem Fachbereich zusammenfassend vorgestellt [1]. Denn die existierenden präventiven Maßnahmen, deren Nutzen bereits heute wissenschaftlich belegt ist, müssen auch jetzt schon konsequent angewendet werden.
Nur wenn Prävention stärker in den Mittelpunkt rückt, wird es gelingen, die medizinische Versorgung langfristig sicherzustellen und unser Gesundheitssystem leistungsfähig zu halten.
Leberprävention? Stark vernachlässigt
Eine der größten Präventionslücken klafft beim Schutz der Lebergesundheit. Denn Lebererkrankungen werden in Deutschland noch immer deutlich unterschätzt, wie Prof. Dr. Heiner Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover und Präsident der DGVS warnt. So weisen mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland Fettablagerungen in der Leber auf. „Die Epidemie der Fettleber steht vor der Türe und wird total unterschätzt“. Hinzu addieren sich bis zu fünf Millionen Bundesbürger, die an einer chronischen Leberentzündung leiden. Rund 500.000 von ihnen sind von chronischen Virushepatitiden betroffen. Bis zu einer Million Menschen in Deutschland haben eine Leberzirrhose entwickelt. Harte Fakten, die indessen zu wenig Beachtung finden [2]. Das muss sich angesichts der hohen Krankheitslast und der guten Möglichkeiten zur Früherkennung dringend ändern. „Während Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebserkrankungen zunehmend systematisch erfasst werden, spielt die Leberdiagnostik im allgemeinen Gesundheits-Check-up bislang nur eine untergeordnete Rolle“, gibt Prof. Wedemeyer zu bedenken.
Die Leber leidet still
Rechtzeitig erkannt und therapiert, kann das Risiko schwerwiegender Folgen wie Leberversagen, Leberzirrhose oder Leberzellkrebs deutlich reduziert werden. Was dem zentralen Stoffwechselorgan und größten Organ im Bauchraum jedoch zum Verhängnis wird, ist sein langes „Durchhaltevermögen“. Denn selbst bei fortgeschrittenen pathologischen Veränderungen verursacht die Leber meist keine Beschwerden – sie leidet vielmehr stumm vor sich hin. Obwohl bereits eine relevante Lebererkrankung besteht, fühlen sich viele der Betroffenen deshalb oft noch gesund. Erst wenn in späten Stadien irreversible Schäden entstanden sind, treten die Symptome auf. „Gerade deshalb eignet sich die Leber in besonderer Weise für strukturierte Früherkennungsprogramme im Rahmen allgemeiner Gesundheitsuntersuchungen“, so Prof. Wedemeyer.
Leberdiagnostik in den Gesundheits-Check-up integrieren
Um den Leberschutz zu verbessern, hat die DGVS drei Forderungen formuliert. So sollte der Gesundheits-Check-up künftig eine strukturierte Leberdiagnostik beinhalten. Denn, so Prof. Wedemeyer: „Mit einfachen, bereits verfügbaren Laborparametern kann das Risiko für fortgeschrittene Lebererkrankungen frühzeitig erkannt werden“. Zudem sollte das FIB-4-Screening bundesweit etabliert werden. Laut Prof. Wedemeyer ist das ein „kostengünstiges und wissenschaftlich validiertes Instrument, mit dem Risikopersonen gezielt identifiziert und einer weiterführenden Diagnostik zugeführt werden können“. Weiterhin essentiell ist die Leber-Elastographie. Diese etablierte, nicht-invasive und ultraschallbasierte Methode ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Leberfibrose und Leberzirrhose sowie eine deutlich präzisere Abschätzung des individuellen Risikos für Langzeitkomplikationen. „Sie sollte flächendeckend ermöglicht und angemessen vergütet werden“, so Prof. Wedemeyer.
Krank durch Zucker
Zu hoher Konsum von Zucker birgt einigen gesundheitlichen Sprengstoff. So begünstigt er beispielsweise Typ-2-Diabetes, Fettleber und Adipositas – Gefahren, vor denen Experten-Organisationen wie auch die DGVS seit längerem eindringlich warnen [3]. Zweifelsohne benötigen wir den süßen Treibstoff zwingend. Allerdings sind 25 bis maximal 50 Gramm täglich laut WHO vollauf genügend. Die Realität sieht indessen laut Prof. Dr. Birgit Terjung, Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin/Gastroenterologie am St. Josef Hospital der GFO Kliniken Bonn, anders aus: Derzeit werden in Deutschland durchschnittlich 61–78 Gramm Zucker pro Tag verzehrt [4]. „Oftmals völlig unbewusst“, so Prof. Terjung, „da der tatsächliche Zuckergehalt eines Nahrungsmittels dank „versteckter Zucker“ schwer zu bestimmen ist“. Was vor allem mit an Verpackungsbezeichnungen für zugesetzte Zucker wie etwa Maissirup, Traubenfruchtsüße, Süßmolkenpulver oder Gerstenmalz liegt. „Besonders bedenklich ist der in vermeintlich gesunden Obstsäften oder Smoothies in hohen Mengen enthaltene Fruchtzucker“. Denn er wird direkt über den Blutstrom zur Leber transportiert und dort zu Fett umgebaut – einer der Startpunkte für die Entstehung einer Fettleber [5].
Übermäßiger Zuckerkonsum ist ursächlich für die Entstehung einer Reihe von ernährungsbedingten Krankheiten wie Adipositas, Diabetes Typ 2 und Fettleber verantwortlich – die bittersüße Wahrheit über Zucker.
Zuckersteuer – effektives Mittel zur Prävention
Viel und lange diskutiert soll die Zuckersteuer nun 2028 starten. Endlich, da laut Prof. Terjung „deren ungenutztes Präventionspotenzial in Deutschland, dass bei der Vermeidung ernährungsbedingter Krankheiten Schlusslicht ist, dringlich gehoben werden muss“. Wie wirksam die Zuckersteuer ist, zeigt das Vorbild Großbritannien, wo diese bereits vor acht Jahren eingeführt wurde. Der Anteil an steuerpflichtigen Süßgetränken mit einem Zuckergehalt von über fünf Gramm pro hundert Milliliter hat um über 30% abgenommen, zugleich mit einem deutlichen Rückgang des durchschnittlichen Zuckerkonsums aus Süßgetränken [6].
Wer argumentiert, dass gesunde Ernährung allein Privatsache ist, verschließt die Augen vor der Realität: Alles, was wir essen und trinken, hängt maßgeblich auch mit dem Angebot zusammen.
Neben gesundheitlichen bringt die Zuckersteuer auch deutliche finanzielle Vorteile mit sich: Wenn der Zuckerkonsum real sinkt und es zu weniger Erkrankungen wie Fettleber, Adipositas und Typ-2-Diabetes kommt, könnten die gesetzlichen Krankenkassen längerfristig bis zu 170 Millionen Euro jährlich einsparen [7]. Binnen 20 Jahren sollen sogar vier Milliarden Euro weniger Behandlungskosten sowie etwa 16 Milliarden Euro weniger für Krankheitstage und krankheitsbedingte Frühverrentungen wegen dieser Krankheiten anfallen [8].
Genderaspekte mehr in den Fokus rücken
Zentral wichtig zur effektiveren Prävention ist es auch, geschlechterspezifische Unterschiede in Bezug auf Risikofaktoren, Häufigkeit, Krankheitsverlauf und Therapieansprechen stärker zu berücksichtigen. Dies ist für alle medizinischen Fachbereiche relevant, inklusive der Gastroenterologie. So sind nach den Worten von Prof. Dr. Verena Keitel-Anselmino, Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie, Universitätsklinikum Magdeburg, bei vielen Leber- und Gallenwegserkrankungen schon lange geschlechterspezifische Unterschiede bekannt [9]. So haben Frauen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Gallengrieß und Gallensteinen [10]. Was laut Prof. Keitel-Anselmino „unter anderem mit den weiblichen Geschlechtshormonen zusammenhängt, die direkten Einfluss auf die Gallebildung haben“. Frauen erleiden zudem häufiger Rezidive eines Gallensteinleidens nach der Entfernung der Gallenblase [11]. Diese Geschlechterunterschiede bezüglich Gallensteinleiden werden gerade systematisch recherchiert. Die Erkenntnisse daraus fließen direkt in die aktuelle Überarbeitung der S3-Leitlinie zum Gallensteinleiden ein. „Diese wollen wir nun erstmalig geschlechtersensibel gestalten“. Dabei, so Prof. Keitel-Anselmino weiter, „werden wir viele Empfehlungen erneut unter die Lupe nehmen“. Denn die Erkenntnisse zu gendersensiblen Aspekten beim Gallensteinleiden sind noch spärlich [12].
Wann geht Gesundheit in Krankheit über?
Erkrankungen behandeln, sobald sie auftreten und dazu gezielt die krankheitstreibenden Prozesse blockieren – allen voran darauf konzentriert sich die Medizin. Dieses Verständnis bleibt zentral wichtig, ist indessen laut Prof. Dr. Britta Siegmund, Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie an der Charité Berlin langfristig nicht mehr ausreichend. „Wir brauchen neue präventive Ansätze, die früher ansetzen“. Dazu muss sich der Blick auch auf die Phase vor der eigentlichen Erkrankung weiten. Genau diesen Ansatz verfolgt das neue Exzellenzcluster ImmunoPreCept an der Charité [13]. Es hat sich die Klärung dessen zum Ziel gesetzt, wie der Übergang von Gesundheit zu Erkrankung früher erkannt und gezielt beeinflusst werden kann. „Neue Technologien und moderne diagnostische Verfahren helfen uns dabei, diese frühen Prozesse immer besser zu verstehen“, so Prof. Siegmund. Beispielsweise lassen sich Risikogruppen anhand bestimmter Blutmarker oder früher Veränderungen im Gewebe inzwischen besser identifizieren. All diese Erkenntnisse müssen nach den Worten von Prof. Siegmund intensiv weiter erforscht und in klinischen Studien geprüft werden.
Quelle:Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) „Gesunder Bauch – gesundes Leben. Check-up-Lücken, geschlechterspezifische Risiken und neue Ansätze“ am 1. Juni 2026 .
Literatur:
- (1)
Siegmund B. Wedemeyer H. et al. The gut is where health begins: How gastroenterological diseases can be prevented. Inn Med (Heidelb). 2026.
- (2)
EASL Lancet Comission 2026: Liver health: a neglected aspect of the NCD agenda - The Lancet.
- (3)
Schaller K. et al. Prävention nichtübertragbarer Krankheiten – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Grundsatzpapier der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) 2016, abrufbar unter: https://www.dankallianz.de/files/content/dokumente/DANK-Grundsatzpapier_ES.pdf, letzter Zugriff: 10.07.2026.
- (4)
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker: 33,2 Kilogramm, abrufbar unter: https://www.ble.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/260112_Zuckerbilanz.html, letzter Zugriff: 10.07.2026.
- (5)
Tacke F. et al. Aktualisierte S2k-Leitlinie nicht-alkoholische Fettlebererkrankung der DGVS. Z Gastroenterol 2022; 60: 1346 – 1421.
- (6)
Luick M. et al. The impact of the UK soft drink industry levy on the soft drink marketplace: An interrupted time series analysis with comparator series. PLoS One. 2024; 19(6): e0301890.
- (7)
FinanzKommission Gesundheit. Erster Bericht der FinanzKommission Gesundheit 2026, abrufbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/finanzkommission-gesundheit, letzter Zugriff: 10.07.2026.
- (8)
Peters A. et al. Projected health and economic impacts of sugar-sweetened beverage taxation in Germany. PLoS Med 2023; 20(11): e1004311.
- (9)
Burra P. et al. Hepatic immune regulation and sex disparities. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2024; 21(12): 869 – 884.
- (10)
Rodriguez Gatta D. et al. Sex disparities in gallstone disease: insights from the MAUCO prospective population-based cohort study. BMJ Open Gastroenterol. 2024; 11 (1): e001457.
- (11)
Dong C. et al. Low-phospholipid-associated cholelithiasis syndrome: Prevalence, clinical features, and comorbidities. JHEP Rep. 2020; 3 (2): e100201.
- (12)
Chouairi F. et al. Evaluation of socioeconomic and healthcare disparities on same admission cholecystectomy after endoscopic retrograde cholangiopancreatography among patients with acute gallstone pancreatitis. Surg Endosc. 2022;36 (1): 274 – 281.
- (13)
Exzellenzcluster ImmunoPreCept, abrufbar unter: https://immunoprecept.weichie.dev, letzter Zugriff: 10.07.2026.