Schlechter oder zu wenig Schlaf: Ein unterschätzter Risikofaktor
Birgit Frohn Dipl. biol.Eine wesentliche Basis unserer Gesundheit ist qualitativ guter Schlaf. Ist dieser gestört oder Mangelware, hat das auf vielen Ebenen negative Konsequenzen. Besonders die Herz- und Kreislaufgesundheit leiden enorm unter Schlafstörungen und Schlafmangel.
Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir Menschen im Schlaf. Das ist auch gut so. Denn während wir schlummern, passiert im Körper eine ganze Menge, dass wie ein Medikament wirkt. Das Immunsystem bekommt einen Kick, zelluläre Reparaturprozesse laufen auf Hochtouren, Fett- und Zuckerstoffwechsel werden optimiert, Blutdruck und Herzfrequenz sinken – um nur einiges zu nennen. Die altbekannte Redewendung „sich gesund zu schlafen“ hat mithin ihre volle Berechtigung.
Wenn das Sandmännchen nicht kommt
Ist die Nachtruhe wiederholt gestört oder zu kurz, führt dies keineswegs „nur“ zu Erschöpfung und Müdigkeit am Tag darauf. Vielmehr hat dies schwerwiegende und weitreichende gesundheitliche Konsequenzen: Wer über Jahre hinweg zu wenig oder schlecht schläft, so warnen Wissenschaftler:innen, gefährdet seine Gesundheit und provoziert eine geringere Lebenserwartung. Angesichts der enormen Bedeutung von Schlaf ist das gut verständlich.
Schlechter und zu wenig Schlaf nagt an Herz und Gefäßen
Wie die Forschungen der letzten Jahre übereinstimmend zeigen, sind die Herz- und Gefäßgesundheit am stärksten bedroht. So erhöhen Schlafstörungen und eine Schlafdauer von weniger als fünf Stunden pro Nacht das Risiko für einen Herzinfarkt massiv um über 60% [1]. Schlafmangel erhöht zudem die Gefahr, eine koronare Herzkrankheit (KHK) zu entwickeln [2]. Das gilt allen voran für Herzschwäche [3]. Ein gestörter und mangelhafter Schlaf kann zudem die Arterien verstopfen: Wer davon betroffen ist, hat ein weitaus größeres Risiko für Arteriosklerose [4].
Dass eine gute und erholsame Nachtruhe ein wirksamer Herzschutzfaktor ist, liegt vor allem daran, dass währenddessen Blutdruck und Herzfrequenz sinken – ein Vorgang, den die Medizin „Dipping“ nennt. Dieses ist bei Menschen, die zu wenig oder schlecht schlafen, jedoch abgeschwächt oder sogar ganz aufgehoben. Das führt dazu, dass die Blutdruckwerte ansteigen. Ist das nächtliche Dipping regelmäßig beeinträchtigt, erhöht sich die Gefahr für Bluthochdruck und damit verbunden für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich [5].
Wer bereits herzkrank ist, sollte noch mehr auf ausreichend und erholsamen Schlaf achten. Denn Schlafstörungen und Schlafmangel wirken sich bei Menschen mit KHK deutlich nachteiliger aus als bei Gesunden. Sie haben dadurch ein um 29% höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden oder gar an der koronaren Herzkrankheit zu sterben [6]. Bei KHK-Patient:innen mit Schlafapnoe steigt das Risiko für diese Folgen um 12% [6].
Was die schlaflosen Herzen so in Gefahr bringt
Die Gründe für die verheerenden Wirkungen von zu wenig oder schlechtem Schlaf sind im sympathischen Nervensystem zu finden. Dieses wird durch die Schlafprobleme in verstärkte Alarmbereitschaft versetzt – den „Kampf-oder-Flucht“-Modus. Die Folge dessen ist, dass der Körper, statt zur Ruhe zu kommen, vermehrt Stresshormone ausschüttet: Deren Produktion in den Nebennieren ist in ruhelosen Nächten deutlich messbar gesteigert. Der hohe Spiegel an Adrenalin & Co. treibt Blutdruck und Herzfrequenz in die Höhe.
Von Schlafmangel und Schlafstörungen gehen allerdings noch weitere Gefahren für die kardiovaskuläre Gesundheit aus. Denn beide stoßen Entzündungsprozesse im Körper an, die zur gesteigerten Entwicklung von freien Radikalen im Körper führen [3]. Diese aggressiven Sauerstoffmoleküle machen oxidativen Stress, indem sie Zellen sowie Gewebe angreifen und Prozesse im Stoffwechsel aus ihrer Balance entgleisen lassen. Zu den fatalen Folgen gehören eine beschleunigte Verkalkung der Blutgefäße durch Ablagerung von Plaques sowie eine erhöhte Neigung zur Ausprägung eines sogenannten metabolischen Syndroms [3]. Dabei addieren sich die vier Risikofaktoren Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, zu hoher Blutzucker und Übergewicht zum „tödlichen Quartett“. Treffend so benannt, weil das metabolische Syndrom koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfällen und Herzinfarkten von Herz und Gefäßen als Hauptursache den Weg ebnet.
Auch Schlafapnoe ist ein Herz- und Gefäßrisiko
Bei der häufigen Schlafstörung namens Schlafapnoe setzt während des Schlafens immer wieder der Atem aus. Diese Atempausen dauern durchschnittlich zehn bis 15 Sekunden an. Die Gefahr, im Schlaf zu ersticken, besteht glücklicherweise nicht. Denn wenn der Sauerstoffgehalt im Blut absinkt, wachen die Betroffenen unbemerkt ganz kurz auf und atmen wieder normal weiter. Dennoch sind die nächtlichen Atempausen gefährlich, da der Herzmuskel wegen des wiederholten Sauerstoffmangels und den Unterdruck im Brustraum kräftiger pumpen muss. Das lässt Blutdruck und Herzfrequenz ansteigen – nicht nur während des Schlafens, sondern nach kurzem auch tagsüber. Damit klettert das Risiko für Arterienverkalkung, Herzschwäche, Herzinfarkt und Schlaganfall in die Höhe.
Unausgeschlafen zu sein fordert auch Verkehrsopfer
Schlafstörungen und die damit verbundene Tagesschläfrigkeit bergen auch Risiken für den Straßenverkehr. Bereits nur eine Stunde zu wenig Schlaf erhöht das Unfallrisiko um satte dreißig Prozent. Noch prekärer können die Folgen eines kurzen Einnickens am Steuer sein – was leider keine Seltenheit ist.
Schlaflos in Depression und Angst
Ein Viertel bis ein Drittel der Menschen mit Schlafstörungen leidet unter Depressionen und Angststörungen [7]. Hintergrund dessen ist, dass die beeinträchtigte Nachtruhe zu einer emotionalen Dysregulation führt. Das bedroht die mentale Gesundheit und erhöht die Gefahr für Angststörungen und Depressionen um das Dreifache [8].
Nächtliches Gehirn-Anti-Aging beeinträchtigt
Guter Schlaf ist essenziell für die geistige Leistungsfähigkeit. Denn vor allem im Tiefschlaf werden die Nervenzellen im Gehirn von schädlichen Stoffen gesäubert – besonders von Beta-Amyloiden, die eine ursächliche Rolle bei Alzheimer-Demenz spielen. Chronisch schlechter Schlaf beeinträchtigt das nächtliche Anti-Aging fürs Gehirn. Entsprechend geht er mit einem Abfall der Hirnleistungen und einem allmählichen Verlust von Hirnsubstanz bei ansonsten gesunden älteren Erwachsenen einher [3]. So kann regelmäßig gestörter Schlaf die Alzheimer- Erkrankung und weitere Formen von Demenz begünstigen [3].
Literatur:
- (1)
Dean Y. et al. Association between insomnia and the incidence of myocardial infarction. Clin Cardiol. 2023; 46(4): 376 – 385.
- (2)
Sadabadi F. et al. The importance of sleep patterns in the incidence of coronary heart disease. Nature 2023; 13, 2903.
- (3)
Herzkrank durch schlechten Schlaf? | Herzstiftung, abrufbar unter: https://herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/gesund-bleiben/herzgesundheit-im-alltag/schlaf-herz, abgerufen am 7.01.2026
- (4)
Dominguez F. et al. Association of sleep duration and quality with subclinical atherosclerosis. J Am Coll Cardiol. 2019; 73(2): 134 – 144.
- (5)
Javaheri S., Redline S. Insomnia and risk of cardiovascular disease. Chest 2017; 152(2): 435 – 444.
- (6)
Barger L.K. et. al. Short Sleep Duration, Obstructive Sleep Apnea, Shiftwork, and the Risk of Adverse Cardiovascular Events in Patients After an Acute Coronary Syndrome. J Am Heart Assoc. 2017; 6(10): e006959.
- (7)
Taylor D. J. et al. Epidemiology of insomnia, depression and anxiety. Sleep 2005; 28(11): 1457 – 1464.
- (8)
Hertenstein E. et al. Insomnia as a predictor of mental disorders. Sleep 2019; 43: 96 – 105.