Journal MED
Schwerpunkte
Inhaltsverzeichnis

Zahlreiche Menschen auch in Deutschland von Mangelernährung betroffen

Mangelernährung? Das ist doch nur in armen Ländern und Katastrophenregionen ein Thema… Irrtum. Auch hierzulande und in anderen westlichen Industrienationen sind zahlreiche Menschen davon betroffen. Das gilt besonders für den stationären Bereich: 20 bis 30% sind hier mangelernährt und etwa die Hälfte aller geriatrischen Patient:innen leidet bereits bei Aufnahme in die Klinik darunter oder hat ein erhöhtes Ernährungsrisiko [1]. In Pflegeeinrichtungen liegt der Anteil bei 23%, vor allem bei Menschen mit chronischen und schweren Erkrankungen [2]. Aber auch im ambulanten Bereich ist Mangelernährung ein häufiges, ernstes und vielfach unterschätztes Gesundheitsproblem, gibt Prof. Dr. Matthias Pirlich, Vizepräsident der DGEM und niedergelassener Ernährungsmediziner in Berlin zu bedenken.

Mangelernährung ist keine Randerscheinung, sondern eine stille Volkskrankheit. Sie verschlechtert die Prognose, erhöht die Sterblichkeit und verursacht Milliardenkosten für das Gesundheitssystem.

Prof. Dr. Matthias Pirlich

Gravierende Folgen durch Mangelernährung

Die negativen Auswirkungen von Mangelernährung zeigen sich auf vielen Ebenen, so Prof. Pirlich: „Sie vermindert die Lebensqualität, verlangsamt den Heilungsprozess und erhöht die Komplikationsrate“. Das führt dazu, dass sich die Dauer der stationären Behandlung von mangelernährten Menschen um über 40% steigert [1]. Die Sterblichkeit während einer Klinikbehandlung ist um das mehr als Dreifache erhöht [2]. Zugleich klettern auch die Behandlungskosten in die Höhe [3]. „Die jährlichen Mehrkosten durch Mangelernährung für das deutsche Gesundheitssystem werden allein im stationären Bereich auf fünf bis 8,6 Milliarden Euro beziffert“. Das entspricht etwa 4,1 bis 7,1% der Gesamtkosten der stationären Versorgung.

Zu alt für gute Ernährung?

Allen voran stehen ältere Menschen im Fokus des Problems. Denn, so Prof. Dr. Jürgen Bauer, Ärztlicher Direktor des Geriatrischen Zentrums der Universitätsklinik Heidelberg, „Altern bedingt eine besondere Empfindlichkeit für Mangelernährung“. Fatal, da diese den Abbau des alternden Muskels beschleunigt. „Wenn Energie und Eiweiß fehlen, baut der Körper Muskelmasse ab“. Allein im Krankenhaus verliert ein älterer Patient innerhalb von drei Tagen bis zu ein Kilogramm Muskelmasse. „Das entspricht etwa vier Steaks – ein Bild, das man nicht vergisst“. In Folge der Sarkopenie erhöht sich das Risiko für Stürze und Frakturen sowie der Aufnahme ins Pflegeheim – vom Krankenhaus in die Pflegebedürftigkeit.

Mangelernährung hat allerdings noch weitere bedrohliche Folgen für den älteren Menschen. Sie schwächt das Immunsystem und beeinträchtigt die Wundheilung. So weisen mangelernährte Krankenhauspatient:innen laut Prof. Bauer eine um das Dreifache erhöhte Mortalität auf [4]. Die Ursachen für eine Mangelernährung im Alter sind vielfältig. Größeren Analysen zufolge entfallen zehn bis 15% auf neuro-psychiatrische Faktoren, zehn bis 15% auf Medikation und 20 bis 30% auf Appetitstörungen. Fünf bis 10% sind Folge einer Behinderung und bei 15 bis 25% liegen sozioökonomische Faktoren zugrunde [5, 6]. Vor Letzterem warnt auch Prof. Bauer: „Die zunehmende Altersarmut wird die Situation weiter verschärfen“.

Ein Kilo weniger im Jahr wirkt harmlos – ist es aber nicht. Jede ungewollte Gewichtsabnahme im höheren Alter sollte medizinisch abgeklärt werden

Prof. Dr. Jürgen Bauer

Mangelernährt trotz Übergewicht

Auch Menschen mit Übergewicht, Adipositas oder Typ-2-Diabetes können von Mangelernährung betroffen sein. Das bestätigt Prof. Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Ärztliche Direktorin, Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie, Universitätsklinik Heidelberg. „Trotz ausreichender oder sogar erhöhter Kalorienzufuhr finden sich in dieser Patientengruppe bei einem Drittel häufig Defizite an essenziellen Mikronährstoffen wie Vitamin D, Zink, Eisen oder Vitamin C, die Immunabwehr, Wundheilung und Muskelfunktion beeinträchtigen können“. Besonders relevant ist laut Prof. Szendrödi das Risiko einer sarkopenen Adipositas – einem Zustand aus Muskelabbau bei gleichzeitigem Fettzuwachs. Er resultiert daraus, dass die Ernährungstherapie bei Typ-2-Diabetes den Fokus häufig auf eine strikte Kalorien- und Kohlenhydratreduktion legt, während der Erhalt von Muskelmasse zu wenig berücksichtigt wird. Doch der Muskelabbau schwächt den Körper, schränkt die Beweglichkeit ein und verschärft die Insulinresistenz. „Das mindert den Therapieerfolg und steigert das bei Diabetikern ohnehin erhöhte Risiko für Stürze und Frakturen weiter“. Gezieltes Muskeltraining und Support durch interprofessionelle Ernährungsteams sollten deshalb sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich fest in der Diabetes-Therapie verankert werden, so Prof. Szendrödi.

Diese paradoxe Form der Mangelernährung ist ein wachsendes Problem, das wir viel früher erkennen müssen“.

Prof. Dr. Julia Szendrödi

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Prävention: Gesund leben einfach machen – aber wie?

Jetzt lesen

Malnutrition Awareness Week

Krankheitsbedingte Mangelernährung wird häufig übersehen oder nicht angemessen behandelt. Das zu ändern und Strukturen für eine bessere Therapie zu schaffen, ist Ziel der Malnutrition Awareness Week. Sie fand 2025 zum dritten Mal bundesweit in Deutschland statt. Alle Infos unter www.mangelernaehrung-bekaempfen.de.

Neue Instrumente zur Qualitätssicherung: E-Zert und nutriZert

Ernährung ist in aller Munde, im wahrsten Wortsinn: Immer mehr Menschen wird bewusst, wie bedeutsam es ist, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Das stetig wachsende Interesse bringt als negative Kehrseite jedoch zunehmend selbsternannte Ernährungsexperten hervor. Die DGEM warnt bereits vor dem wachsenden Wildwuchs unqualifizierter Ernährungsangebote. Denn laut Dr. Gert Bischoff, Leitender Arzt am Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention, Krankenhaus Barmherzige Brüder München, ist es für Laien meist unmöglich zu bewerten, ob die Informationen und Angebote qualifiziert und seriös oder falsch und gar gefährlich sind. „Detox-Versprechen und Influencer-Diäten auf Instagram & Co. ersetzen keine qualifizierte ernährungsmedizinische Beratung“, betont Dr. Bischoff. „Statt „Heilsversprechen“, so der Präsident der DGEM weiter, „benötigen wir geprüfte Qualität“.

Um das zu gewährleisten, haben die führenden ernährungsmedizinischen Fachgesellschaften neue Instrumente zur Qualitätssicherung entwickelt und etabliert. Die Plattform E-Zert zeichnet qualifizierte Ernährungsfachkräfte aus und die Initiative nutriZert zertifiziert ganze ernährungsmedizinische Einrichtungen. Beide Programme stehen für Transparenz, Interdisziplinarität und wissenschaftlich geprüfte Kompetenz. Das macht Qualität sichtbar und bietet Orientierung. „Zur Wahl einer Ernährungsberatung sollte mithin künftig nicht mehr „gegoogelt“, sondern „genutriZertet“ und „ge-E-zertet“ werden“, rät der Münchener Experte.

Mangelernährung ist vermeidbar…

…wenn die Strukturen stimmen. „Mangelernährung ist kein unausweichliches Schicksal, das wissen wir aus großen Studien“, so Dr. Bischoff. Wie aktuell gezeigt wurde, kann ein strukturiertes und systematisches Ernährungsmanagement die Kliniksterblichkeit um 27 und die Wiederaufnahme in die Klinik nach Entlassung um 24% senken [1]. Andere Daten belegen, dass durch systematisches Screening bei Klinikaufnahme und leitliniengerechte Ernährungstherapie während des Klinikaufenthaltes bundesweit jährlich über 50.000 Todesfälle verhindert werden könnten [2]. Dass gezielte Ernährungstherapie die stationäre Mortalität um bis zu 50 Prozent senken kann, haben bereits auch frühere Studien ergeben [7, 8].

Die Gesamtbehandlungskosten reduzieren sich nach den Worten von Prof. Pirlich trotz des Mehraufwandes durch die Ernährungstherapie deutlich: „Binnen einem Zeitraum von sechs Monaten um 2.600 Euro pro Behandlungsfall“ [9]. Bezogen auf das gesamte deutsche Gesundheitswesen sind das sieben bis neun Milliarden Euro pro Jahr. „Die Kostenersparnis resultiert vor allem aus einer niedrigeren Infektionsrate und der geringeren ungeplanten Wiederaufnahme ins Krankenhaus“, so Prof. Pirlich.

Ernährungsmedizin besser verstehen und umsetzen

Verbindliche Ernährungsteams in allen Krankenhäusern, flächendeckendes Screening bei Aufnahme, konsequente Umsetzung qualitätsgesicherter Standards wie nutriZert und E-Zert – aus Sicht der DGEM dringend erforderlich. Um dies stärker in der medizinischen Versorgung zu verankern und damit die ernährungsmedizinische Betreuung zu verbessern, hat die Gesellschaft mehrere ihrer zentralen Leitlinien grundlegend überarbeitet. Videos bereiten deren Inhalte praxisnah und verständlich auf.

Die aktualisierten Leitlinien finden sich unter: https://www.dgem.de/leitlinien

Die Videos stehen auf dem YouTube-Kanal der DGEM zur Verfügung: https://www.youtube.com/@DGEM_Ern%C3%A4hrungsmedizin

Pflanzliche Ernährung kann Lebenserwartung mit Typ-2-Diabetes erhöhen

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Pflanzliche Ernährung kann Lebenserwartung mit Typ-2-Diabetes erhöhen

Jetzt lesen
Quelle:

Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) anlässlich der Malnutrition Awareness Week 2025 vom 10. bis 14.11.25 am 11.11.25.

Literatur:

(1)

Pirlich M. Krankheitsbedingte Mangelernährung: Neue Perspektiven für ein ungelöstes Problem. Nutrition News 2025; 22(1/25): 1 – 5.

(2)

Volkert D. et al. Ernährungssituation in Krankenhäusern und Pflegeheimen – Auswertung der nutritionDay-Daten für Deutschland. Deutsche Gesellschaft für Ernährung: 14. DGE-Ernährungsbericht 2020; 199 – 258.

(3)

Curtis L.J. et al. Costs of hospital malnutrition. Clin Nutr. 2017; 36(5): 1391 – 1396.

(4)

Mori N. et al. Clin Nutr. 2023; 42(2): 166 – 172.

(5)

Dent E. et al. Lancet. 2023; 18;401: 951 – 966.

(6)

Volkert D. et al. Gerontol Geriatr Med. 2019;5:2333721419858438.

(7)

Schuetz et al. EFFORT Lancet 2019; doi: 10.1016/S0140-6736(18) 32776-4.

(8)

Deutz et al. NOURISH Clin Nutr 2016; doi: 10.1016/j.clnu.2015.12.010.

(9)

Schuetz P. et al. Cost savings associated with nutritional support in medical inpatients: an economic model based on data from a systematic review of randomized trials. BMJ Open 2021.

Stichwörter