Telemedizin kann Schlaganfall-Versorgung beschleunigen
Bei einem Schlaganfall ist die schnellstmögliche Versorgung entscheidend für den Therapieerfolg. Forschende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) haben im Rahmen einer Studie ermittelt, wie schnell Patient:innen behandelt werden können und wie telemedizinische Versorgung die Schnelligkeit der Versorgung optimieren könnte. Die Studienergebnisse wurden nun in The Lancet Regional Health veröffentlicht [1].
180 von 100.000 Menschen betroffen
Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und einer der häufigsten Gründe für eine Langzeitbehinderung. In Deutschland sind rund 180 von 100.000 Menschen von einem Schlaganfall betroffen, Tendenz steigend. Unterschieden wird zwischen dem ischämischen Schlaganfall, der durch den Verschluss eines Gefäßes im Gehirn durch ein Gerinnsel ausgelöst wird, und dem hämorrhagischen Schlaganfall, der auch als Hirnblutung bekannt ist.
Lysetherapie innerhalb von viereinhalb Stunden erforderlich
Entscheidend für die Therapie eines ischämischen Schlaganfalls ist eine möglichst schnelle Versorgung nach dem Auftreten der ersten Symptome. Das kann entweder durch eine medikamentöse Auflösung des Gerinnsels (Lysetherapie) oder durch einen kathetergestützten Eingriff, bei dem das Blutgerinnsel mechanisch entfernt wird (Thrombektomie), erfolgen. Je schneller eine dieser Maßnahmen eingeleitet wird, desto mehr Hirngewebe kann gerettet werden und desto besser ist die langfristige Prognose. Die Lysetherapie sollte innerhalb von viereinhalb Stunden nach dem Auftreten erster Symptome erfolgen.
Weniger als ein Sechstel erhält frühzeitige Behandlung
„Schon wenige Minuten Verzögerung der Therapie verschlechtern messbar die Chance auf eine gute Erholung" berichtet Prof. Dr. Michael Gliem, kommissarischer Direktor der Klinik für Neurologie und Leiter der Stroke Unit (beides UKD). Dennoch erhält in Europa bislang weniger als ein Sechstel der Patient:innen eine frühzeitige Behandlung. Häufige Gründe sind verspätetes Eintreffen im Krankenhaus und lange Wege bis zur geeigneten Einrichtung. Selbst in gut ausgebauten Großstädten zeigt sich, dass nur ein kleiner Anteil der Betroffenen innerhalb der ersten Stunde nach Symptombeginn behandelt wird.
Hub-and-Spoke-Modell vs. Stroke Unit
Vor diesem Hintergrund haben die Forschenden untersucht, wie gut Menschen in Deutschland zeitkritische Schlaganfallversorgung erreichen können und ob ein alternatives Versorgungsmodell das Potential hat, Behandlungszeiten zu verkürzen. Dazu haben sie zwei Strategien miteinander verglichen. Zum einen die direkte Fahrt in eine zertifizierte Stroke Unit, zum anderen ein sogenanntes Hub-and-Spoke-Modell.
CT-Geräte breiter verfügbar als Stroke Units
Bei dem Hub-and-Spoke-Modell, das der direkten Fahrt in eine Stroke Unit gegenübergestellt wurde, würden die Patient:innen zunächst in das nächstgelegen Krankenhaus gebracht werden, das über eine Computertomografie (CT) zur Diagnose verfügt. Dort könnte unmittelbar eine bildgebende Untersuchung stattfinden. Die Entscheidung zur Lysetherapie könnte per Telemedizin gemeinsam mit einer spezialisierten Stroke Unit getroffen werden und dann vor Ort im zuerst angefahrenen Krankenhaus erfolgen. Bei Bedarf könnte eine Weiterverlegung in ein spezialisiertes Zentrum, etwa für eine Thrombektomie, erfolgen. Die Idee: CT-Geräte sind in Deutschland deutlich breiter verfügbar als zertifizierte Stroke Units. Diese vorhandene Infrastruktur könnte genutzt werden, um Diagnostik und Therapiebeginn zu beschleunigen.
98,9% erreichen CT-Krankenhaus in 30 Minuten
Für die Analyse wurden bundesweit Krankenhäuser mit CT, stroke-ready-Krankenhäuser mit hoher Schlaganfall-Expertise sowie zertifizierte Stroke Units erfasst. Mit Hilfe einer geographischen Modellierung wurden Fahrzeiten von 5 bis 60 Minuten berechnet und mit Bevölkerungs- und Siedlungsdaten überlagert. Zusätzlich wurden verschiedene Szenarien simuliert, etwa unterschiedliche Rettungswagen-Geschwindigkeiten oder zusätzliche Verzögerungen im erstangefahrenen Krankenhaus, die im Hub-and-Spoke-Modell auftreten könnten.
Die Ergebnisse zeigen eine klare Staffelung der Erreichbarkeit. Innerhalb von 30 Minuten können nahezu alle Menschen in Deutschland ein CT-ausgestattetes Krankenhaus erreichen (98,9%). Ein stroke-ready-Krankenhaus liegt für 90,0% innerhalb dieser Zeit. Eine zertifizierte Stroke Unit ist hingegen nur für 85,0% innerhalb von 30 Minuten erreichbar.
Zeitgewinn von 10 Minuten bei 36,4% der Bevölkerung
Genau an dieser Stelle kann das Hub-and-Spoke-Modell Vorteile bringen. Im Vergleich zur direkten Fahrt in eine Stroke Unit könnten 36,4% der Bevölkerung die Bildgebung mindestens 10 Minuten früher starten; für 14,2% ergäbe sich sogar ein Zeitgewinn von mindestens 20 Minuten. Je nach Annahmen zu Fahrgeschwindigkeit und innerklinischen Verzögerungen schwankten diese Werte allerdings deutlich. Der potenzielle Nutzen nahm zudem ab, wenn im erstangefahrenen Krankenhaus zusätzliche CT-Verzögerungen simuliert wurden.
Größte Vorteile in ländlichen Regionen
Die Analyse zeigte zudem, dass die möglichen Zeitgewinne vor allem in ländlichen Regionen liegen, in denen Wege zu spezialisierten Stroke Units länger sind. Zwischen den Bundesländern bestanden erhebliche Unterschiede. In Sachsen-Anhalt könnten unter Standardannahmen fast die Hälfte der Einwohner:innen vom Hub-and-Spoke-Modell profitieren, während der Vorteil in Hamburg, Bremen oder Berlin unter 5% lag. Insgesamt unterstreichen die Daten, dass auch innerhalb eines hochentwickelten Gesundheitssystems wie Deutschlands deutlich messbare Ungleichheiten in der schnellen Schlaganfallversorgung bestehen.
Quelle:Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Literatur:
- (1)
Masanneck L. et al. (2026) Direct stroke unit access versus a hub-and-spoke model with telemedicine-assisted CT in Germany a corss-sectional geospatial analysis, The Lancet Regional Health, DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101604.