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Medizin

19. März 2019 Borderline-Persönlichkeitsstörung: Erhöhte Aktivierung spezifischer kortikaler Areale

Angst, Trauer oder Freude – emotionale Hypersensitivität ist ein charakteristisches Merkmal von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein Forschungsteam der Universität Innsbruck hat in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Ulm gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Trauer und Verlustsituationen von einer erhöhten Aktivierung spezifischer kortikaler Areale begleitet wird, die dem Spiegelneuronensystem zugewiesen werden.
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Borderline-Patienten haben Schwierigkeiten, ihre inneren Gefühlszustände und Emotionen richtig zu erkennen und zu regulieren. Dieser Zustand kann zu einer extremen inneren Anspannung führen, die Betroffene als unerträglich erleben. „Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden darunter, dass sie sehr intensive und für sie nicht differenzierbare Gefühle erleben. Patienten haben zudem große Schwierigkeiten, ihre Emotionen angemessen zu regulieren. Stimmungsschwankungen und depressive Symptome begleiten in der Regel die Krankheit“, erläutert Karin Labek, Innsbruck.

Fehlende Impuls- und Affektkontrolle

Impulsives, aggressives oder selbstverletzendes Verhalten ist für die Betroffenen eine Möglichkeit, diesen inneren Spannungszustand zu bewältigen. „Können gerade junge Frauen ihre Emotionen oder Affekte nicht richtig wahrnehmen oder regulieren, werden sie gerne zu voreilig als ‚hysterisch‘ oder ‚übersensibel‘ bezeichnet. Durch dieses Nicht-Berücksichtigen der Kommunikation über die inneren psychischen Zustände wird es für junge Borderline-Patientinnen noch schwieriger, ihre emotionalen Erfahrungen richtig einzuordnen und zu verstehen“, verdeutlicht Roberto Viviani, Innsbruck, der weiter erläutert, dass vor allem junge Frauen häufiger von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind als Männer und Frauen im Erwachsenenalter.

Aktivierung von Trennungsängsten durch Spiegelneuronen

Die Angst, verlassen zu werden, sitzt bei Betroffenen besonders tief. Deshalb ist der Umgang mit Verlust- und Trennungssituationen für sie besonders schwierig und schmerzhaft. In einer funktionellen Bildgebungsstudie konnten die Wissenschaftler auf neuronaler Ebene zeigen, dass bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bei der Betrachtung von Bildern, auf denen Verlust-, Trennungs- und Trauerszenen dargestellt sind, Gehirnareale, die mit dem Spiegelneuronensystem assoziiert sind, stärker aktiviert werden.

Emotionale Ansteckung

Die möglicherweise einfachste Form der emotionalen Kommunikation ist laut Viviani die durch Spiegelneuronen verursachte „emotionale Ansteckung“. „Das Wissen über Spiegelneuronen stammt aus der neuropsychologischen Forschung bei Primaten. Bei Experimenten konnte gezeigt werden, dass manche Neuronen im motorischen und prämotorischen Cortex der Affen aktiv sind, auch wenn der Affe Bewegungen von anderen nur beobachtet und sich selbst gar nicht bewegt“, erklärt der Wissenschaftler. Dabei geht es um einen Mechanismus im Gehirn, der so funktioniert, dass beobachtete und selbst ausgeführte Bewegungen von denselben Neuronen encodiert werden. Um mit den Mitmenschen erfolgreich und empathisch interagieren zu können, ist es von zentraler Bedeutung, in unterschiedlichen Kontexten soziale Signale mit den dazugehörenden Emotionen richtig wahrzunehmen und zu interpretieren. „Beim Menschen liegt die Vermutung nahe, dass jener Teil des Spiegelneuronensystems, der bei der Beobachtung eines emotionalen Ausdrucks aktiviert wird, für Phänomene wie die ‚emotionale Ansteckung‘ zuständig ist“, so Labek. Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können sehr schnell von Emotionen wie Angst, Wut, Trauer, Scham oder Begeisterung von ihrem Umfeld „angesteckt“ werden, ohne selbst durch ein Erlebnis diese Emotion zu verspüren. Die in der Studie festgestellte erhöhte Aktivierung des Spiegelneuronensystems könnte ein zentraler Baustein bei der Erklärung der emotionalen Instabilität dieser Störung sein.

Psychischer Schmerz

Die Wissenschaftler haben sich dafür interessiert, wie ansteckend die Emotion von psychischem Schmerz für Patientinnen und Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. „Wir haben uns für das Thema von Schmerz, Trauer und Verlust entschieden, da es für Betroffene sehr zentral ist“, so Viviani. Den ausgewählten Probanden wurden Bilder von einer typischen Trauerhaltung eines Menschen gezeigt. Menschen ohne diese Störung encodieren die Emotion, ohne selbst Trauer zu empfinden. „Menschen mit Borderline sind hypersensitiv gegenüber anderen und können diese Emotionen nicht einordnen. Deswegen ist die emotionale Ansteckung schon bei der Betrachtung von Bildern sehr stark“, erläutert Labek.

Mentalisierungsdefizite

Spiegelneuronen sind Teil des Mechanismus, wodurch sie eine spezielle Form des Mitgefühls erleben, die durch das Betrachten der Bilder ausgelöst wird. „Dieses Verhalten ist sehr impulsiv und lebendig, geht aber leider auch in die negative Richtung. Dies ist charakteristisch für die emotionale Instabilität in der Borderline-Persönlichkeitsstörung“, so Labek weiter. Eine emotionale Ansteckung gibt es auch bei gesunden Menschen. Diese können aber im Gegensatz zu Borderline-Patienten die Situation des Gegenübers besser einschätzen. „Ein weiterer wesentlicher Befund ergab sich aus einer weniger starken neuronalen Aktivierung in präfrontalen Arealen bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Im Gegensatz zum Spiegelneuronensystem sind die Aktivierungen in diesen Arealen mit reflektiven Prozessen assoziiert. Diese Prozesse ermöglichen beispielsweise eine adäquate Differenzierung von unterschiedlichen Emotionen und sind die Voraussetzung für die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle von anderen Menschen hineinzuversetzen und damit soziale Interaktionen besser verstehen und regulieren zu können“, sagt Labek. Die Experten sprechen bei dieser Art der Empathie von „Mentalisierung“. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung an Mentalisierungsdefiziten leiden und deswegen die Absichten und Motivationen von anderen Personen weniger gut einschätzen können. „Die Demonstration eines Ungleichgewichts zwischen dem Spiegelneuronensystem und einem reflektiven Verständnis von anderen liefert eine neurobiologische Grundlage für innovative Psychotherapieansätze der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die die Fähigkeit fördern, interpersonelle Kommunikation reflektiv zu verstehen“, so Viviani, der verdeutlicht, dass so die Ergebnisse der Studie direkt wieder den Patientinnen und Patienten in Form von neuen Therapieansätzen zugute kommen. Die Ergebnisse der Studie wurden im Magazin „NeuroImage Clinical“ publiziert.

Quelle: Universität Innsbruck


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