Mittwoch, 1. April 2020
Navigation öffnen

Patientenbereich

07. Dezember 2019 Gemeinsam zurück ins Leben: Austausch in Selbsthilfegruppen

In Deutschland gibt es mindestens 70 000 Selbsthilfegruppen. Dahinter steckt mehr als das Klischee von Stuhlkreis und schummrigen Räumen. Was Selbsthilfe tatsächlich bewirken kann.
Am Tiefpunkt ihrer Krankheit hatten die Ärzte Lea Gericke aufgegeben. Austherapiert - so lautete die niederschmetternde Bilanz nach 15 Jahren Magersucht, nach unzähligen Klinikaufenthalten und Therapiestunden. Nun also die Kapitulation: Keine Hoffnung mehr, ärztlich bestätigt. Was folgte, war Einsamkeit. Die Anorexie übernahm die volle Macht und ließ keinen Platz für das Leben.
 
Heute, Jahre später, hat Lea Gericke es sich zurückerobert. Die 31-Jährige ist immer noch zierlich - aber stabil. Der Grund dafür? „Meine Selbsthilfegruppe“, sagt sie. „Erst durch sie habe ich mich erholt.“ Dort finden sich keine Menschen, die mit hängenden Schultern und trüber Stimmung im Stuhlkreis ihre Schicksale erzählen. „Ein Klischee aus amerikanischen Filmen und Serien“, sagt Ella Wassink von Sekis, der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle in Berlin.
 
Klar gibt es die klassischen Stuhlkreise - aber eben noch viel mehr: zum Beispiel die tangotanzenden Parkinsonpatienten, die Spaziergänger, Sport- und Theatergruppen. Mindestens 70 000 Selbsthilfegruppen gibt es in Deutschland. Menschen mit denselben Krankheiten, Ängsten, Sorgen und Nöten treffen sich hier. Sie tauschen sich aus, hören zu und stützen sich gegenseitig.
 
Herzlichkeit und persönlicher Austausch
 
So unterschiedlich Selbsthilfegruppen sein können, eins haben sie immer gemeinsam: Die Betroffenen bleiben unter sich. Kein Arzt, kein Therapeut hat das Heft in der Hand und moderiert die Treffen. Sich nicht erklären zu müssen, unter sich zu sein - das war es, was auch Lea Gericke half. Weil es für Menschen mit Magersucht noch keine Selbsthilfegruppe in Berlin gab, gründete sie mit Hilfe von Sekis selbst eine.
 
Der Zulauf war so groß, dass daraus das Projekt „Ana Dismissed“ entstand. Es bietet neben der Selbsthilfe Beratung und Begleitung für Menschen mit Anorexie und Bulimie. In Gerickes Gruppe treffen sich bei ihr zu Hause regelmäßig neun Menschen mit Essstörung. Herzlich gehe es zu, erzählt die Berlinerin. „Erstmal werden alle gedrückt.“ Dann suche sich jeder einen Platz - auf dem Sofa, Bett oder Klappstuhl - und mit Tee in der Hand dürften alle von sich erzählen.
 
Die Idee der Selbsthilfe ist nicht neu. Bereits in den 1950er-Jahren bildeten sich Gruppen von Menschen mit Alkoholproblemen, die sich gegenseitig unterstützten. Daraus entstanden die Anonymen Alkoholiker und später unzählige andere Selbsthilfegruppen. „Der große Nutzen ist der persönliche Austausch“, sagt Jutta Hundertmark-Mayser, stellvertretende Geschäftsführerin von Nakos, der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen.
 
Selbsthilfegruppe nicht für jeden das Richtige
 
Natürlich könne man sich heutzutage im Internet informieren und austauschen. „Aber dort kann einen keiner in den Arm nehmen“, so Hundertmark-Mayser. Genau diese Nähe zu anderen Betroffenen sei für viele Menschen heilsam. Doch es gibt auch Risiken. „Gerade magersüchtige Menschen vergleichen sich viel mit anderen“, weiß Gericke. „Es besteht also auch die Gefahr, sich sogar in der Selbsthilfegruppe noch zu dick zu fühlen, weil vielleicht eine andere Person noch dünner ist.“
 
Außerdem stürze das Leid der anderen völlig ungefiltert und ohne ärztliche Einschätzung auf die Teilnehmer ein. „Deshalb betone ich auch immer, dass Selbsthilfe nicht für jeden das Richtige sein muss“, sagt Gericke. Sie empfiehlt jedoch, es einfach auszuprobieren. Damit die Treffen nicht in die falsche Richtung abdriften und Betroffene sogar zum Abnehmen animieren, führt sie vor jeder Neuaufnahme ein Einzelgespräch. So kann sie die individuelle Situation der Teilnehmer besser einschätzen.
 
Außerdem gibt es Regeln, an die sich alle Mitglieder halten. „Wir reden beispielsweise nie über Mitglieder, die nicht anwesend sind und führen niemals Kaloriendiskussionen“, sagt die 31-Jährige. Die Regeln hat die Gruppe gemeinsam entwickelt. „Das ist ein wichtiger Aspekt der Selbsthilfe“, sagt Wassink. „Die Gruppe entscheidet ganz allein, wie sie ihre gemeinsame Zeit gestaltet.“
 
Krankenkassen fördern Selbsthilfegruppen
 
Aber was, wenn Probleme auftreten? Wenn Gruppenmitglieder sich etwa gegenseitig hochschaukeln und Ängste entstehen anstatt Erleichterung? „Dann können sich die Gruppen an uns wenden“, bietet Wassink an. „Unsere geschulten Mitarbeiter kommen dann auch persönlich in die Gruppen und helfen.“
 
Mehr als 300 Selbsthilfekontaktstellen gibt es in Deutschland. Sie sind nicht nur Ansprechpartner für die Gruppen, sondern helfen auch dabei, eine neue zu gründen. „Hierfür benötigt niemand sein privates Geld“, erklärt Wassink. „Die Krankenkassen fördern gesundheitliche Selbsthilfegruppen.“ Wer auf der Suche nach einer bereits bestehenden Gruppe ist, findet bei Nakos eine deutschlandweite Datenbank.
 
Hundertmark-Mayser betont jedoch: „Selbsthilfe ersetzt nicht den Arzt oder Psychologen. Sie kann aber eine sehr sinnvolle Ergänzung sein.“ So sieht es auch Lea Gericke, die ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben hat: „Wir bieten keine medizinische Hilfe, dafür aber unsere eigenen Erfahrungen. Jeder darf erzählen, muss aber nicht. Es gibt keine Zwänge, nur einen geschützten Raum, in dem dich jeder versteht.“
 

dpa


Weitere Beiträge zum Thema

Vorsorgekoloskopie gehört zu den effektivsten Maßnahmen in der Medizin

Vorsorgekoloskopie gehört zu den effektivsten Maßnahmen in der Medizin
© Crystal light - stock.adobe.com

Anlässlich des Darmkrebsmonats März ruft die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) dazu auf, die Vorsorgekoloskopie besser zu nutzen. Das von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlte Angebot gehört zu den effektivsten Früherkennungsmaßnahmen, die in der Medizin zu Verfügung stehen: In den ersten 10 Jahren nach Einführung der gesetzliche Darmkrebsfrüherkennung sank die Darmkrebssterblichkeit bei Männern ab 55 Jahren um fast 21 %, bei Frauen dieser Altersgruppe sogar um mehr als 26 %....

Patienten-Information.de im neuen Design – seriöse Gesundheitsinformationen leichter finden

Patienten-Information.de im neuen Design – seriöse Gesundheitsinformationen leichter finden
© LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Die Webseite präsentiert sich im modernen Design und mit übersichtlicher Struktur. Die neu gestaltete Startseite ermöglicht einen schnellen Sucheinstieg zu rund 100 Krankheitsbildern und Gesundheitsthemen. Alle Inhalte sind kostenlos, werbefrei und leicht verständlich. Außerdem beruhen sie auf aktuellen Forschungsergebnissen. So können Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt gute Entscheidungen bei Gesundheitsfragen treffen.   

Ausgewogene Ernährung reduziert Krebsrisiko

Ausgewogene Ernährung reduziert Krebsrisiko
© Daniel Vincek / Fotolia.com

Mit einer ausgewogenen und ballaststoffreichen Ernährung erhält der Körper nicht nur wertvolle Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette, sondern auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Umgekehrt gilt: Mit dem stetigen Bevorzugen bestimmter Lebens- und Genussmittel schadet man der eigenen Gesundheit. „Das heißt, schon mit der Ernährung kann das Risiko für Darmkrebs erhöht oder gesenkt werden“, betont Lars Selig, Leiter des Ernährungsteams am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). „Also: Nicht...

Wenn das Wetter krank macht: Tipps gegen Wetterfühligkeit

Wenn das Wetter krank macht: Tipps gegen Wetterfühligkeit
© Thaut Images - stock.adobe.com

Mal Sonne, mal Regen, mal warm, mal kalt: Der Frühling bringt – oft in schneller Abfolge – die unterschiedlichsten Wetterverhältnisse mit sich. Viele Menschen leiden dann unter der sogenannten Wetterfühligkeit. Genaue Zahlen gibt es nicht, schätzungsweise kämpft aber jeder zweite Deutsche mit den entsprechenden Symptomen. Dr. Wolfgang Reuter, Gesundheitsexperte der DKV Deutsche Krankenversicherung, gibt Tipps, wie Wetterfühlige gegensteuern können.

Das könnte Sie auch interessieren

Reha-Maßnahme bei Diabetes Typ 2 – so geht‘s

Reha-Maßnahme bei Diabetes Typ 2 – so geht‘s
© Robert Kneschke - stock.adobe.com

Sie wissen nicht, wie Sie am Arbeitsplatz mit Ihrer Diabeteserkrankung umgehen sollen? Sie bekommen Ihren Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c nicht in den Griff oder leiden zusätzlich unter Depressionen? Sie müssten dringend abnehmen, sich mehr bewegen und gesund ernähren? Dann könnte eine medizinische Rehabilitation die richtige Maßnahme für Sie sein. Was bei der Antragstellung zu beachten ist, erklären Experten. 

Ausgewogene Ernährung reduziert Krebsrisiko

Ausgewogene Ernährung reduziert Krebsrisiko
© Daniel Vincek / Fotolia.com

Mit einer ausgewogenen und ballaststoffreichen Ernährung erhält der Körper nicht nur wertvolle Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette, sondern auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Umgekehrt gilt: Mit dem stetigen Bevorzugen bestimmter Lebens- und Genussmittel schadet man der eigenen Gesundheit. „Das heißt, schon mit der Ernährung kann das Risiko für Darmkrebs erhöht oder gesenkt werden“, betont Lars Selig, Leiter des Ernährungsteams am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). „Also: Nicht...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Gemeinsam zurück ins Leben: Austausch in Selbsthilfegruppen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden