Donnerstag, 8. Dezember 2022
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Medizin

Alzheimer: Positive Studie zu neuem Amyloid-Antikörper Lecanemab – seriöse Einordnung vor Vollpublikation nicht möglich

Alzheimer: Positive Studie zu neuem Amyloid-Antikörper Lecanemab – seriöse Einordnung vor Vollpublikation nicht möglich
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In einer Pressemeldung wurde über die positiven Ergebnisse der klinischen Clarity-AD-Studie zur Alzheimer-Therapie mit dem neuen Amyloid-Antikörper Lecanemab berichtet (1). Expert:innen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) raten, die Vollpublikation abzuwarten, denn bisher handelt es sich um eine Teilbekanntmachung der Daten. Hinzu komme, dass die Verbesserung der CDR-SB-Werte trotz statistischer Signifikanz den Unterschied von 0,5 Punkten, ab dem ein Effekt von Expert:innen als klinisch relevant eingestuft wird (2), mit 0,45 nicht ganz erreichte. Insgesamt sei zum jetzigen Zeitpunkt ohne Kenntnis aller Daten keine seriöse Einordnung möglich.

Pressemeldung zu Lecanemab gibt ersten Ausblick auf Ergebnisse der Clarity-AD-Studie

Die am 27.09.2022 publizierte Pressemeldung der Firma Biogen/Eisai gibt einen ersten Ausblick auf die Studienergebnisse (1). Die Daten sollen am 29.11.2022 auf dem CTAD-Kongress („Clinical Trials on Alzheimer’s Congress“) präsentiert werden.

Design der Clarity-AD-Studie zu Lecanemab bei Alzheimer

Bei der Studie handelt sich um eine weltweite, doppelblind randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-III-Studie im Parallelgruppendesign. Ziel war es, die typischen Eiweißablagerungen (Beta-Amyloid), die bei der Alzheimer-Erkrankung im Gehirn der Betroffenen entstehen, zu reduzieren. Es wurden 1.795 Alzheimer-Betroffene in frühen Stadien der Erkrankung (d.h. leichte Alzheimer-Erkrankung bzw. „mildes kognitives Defizit/MCI“ bei M. Alzheimer) eingeschlossen und in 2 gleich große Gruppen randomisiert. Die Gruppen erhielten entweder 2x wöchentl. 10 mg/kg Lecanemab oder Placebo

Endpunkt der Clarity-AD-Studie: Verbesserung des CDR-SB-Scores mit Lecanemab vs. Placebo

Der primäre Endpunkt war das Ausmaß der klinischen Verbesserung gegenüber den Werten in der Placebogruppe – gemessen mit dem CDR-SB-Score („Clinical Dementia Rating-Sum of Boxes“). Der Score quantifiziert verschiedene Schweregrade von Demenz-Symptomen und wird nach Befragung der Betroffenen und deren Angehörigen bzw. Pflegenden berechnet; enthalten sind die Bereiche Erinnerung, Orientierung, Urteilsvermögen, Problemlösung, „Community affairs“, „Haus und Hobbys“ und Körperpflege.
 
 

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CDR-SB-Score mit Lecanemab signifikant besser als mit Placebo

Im Ergebnis war der CDR-SB-Score in der Lecanemab-Gruppe nach 18 Monaten um 0,45 Punkte besser als mit Placebo, und das Ergebnis war statistisch hochsignifikant (p=0,00005). Die Behandlung mit Lecanemab verlangsamte demnach im Vergleich zum Placebo den fortschreitenden Verlust kognitiver und funktioneller Funktionen über den Zeitraum um 27%.

Erhöhte Nebenwirkungsrate unter Lecanemab-Therapie

Die Behandlung mit Lecanemab ging mit einer erhöhten Nebenwirkungsrate einher: Die gesamte Inzidenz unerwünschter Wirkungen lag mit Lecanemab bei 21,3% und mit Placebo bei 9,3%. Dies waren vor allem Auffälligkeiten in der zerebralen Bildgebung (wie beispielsweise Ödem) bei 12,5% in der Verum- und bei 1,7% in der Placebo-Gruppe (symptomatisch 2,8% bzw. 0%); aber auch Einblutungen ins Hirngewebe: 17% in der Lecanemab-Gruppe und 8,7% in der Placebo Gruppe (symptomatisch 0,7% und 0,2%).

Schlussfolgerungen der Pressemitteilung zu Lecanemab

In der Mitteilung heißt es, das neue Medikament gebe Betroffenen und ihren Familien Hoffnung, dass künftig möglicherweise mit einer klinisch bedeutsamen Wirkung auf Kognition und Funktion das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung verlangsamt werden könnte. Die signifikanten Ergebnisse auch der sekundären Endpunkte bestätige das insgesamt gute Studienergebnis. Die Nebenwirkungen seien im Rahmen des Erwartenden geblieben.
 
 

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Kritik der DGN: Erst CDR-SB-Score-Unterschied von 0,5 Punkten gilt als klinisch bedeutsam

„Die Studie zeigt nach dieser Meldung, dass der Antikörper die Amyloid-Beta-Ablagerung im Gehirn vermindert und dass dies mit einer Progressionsverlangsamung bei Betroffenen in frühen Stadien der Erkrankung assoziiert ist“, fasst auch Prof. Dr. Richard Dodel, Alzheimer-Experte der DGN, zusammen. „Die Ergebnisse waren statistisch signifikant, jedoch ist zurzeit noch unklar, ob klinisch bzw. im Lebensalltag tatsächlich ein Nutzen für die Betroffenen zu spüren war. Statistisch signifikant bedeutet nicht automatisch klinisch relevant. Unter Alzheimer-Experten gilt üblicherweise ein Score-Unterschied von 0,5 Punkten als klinisch bedeutsam für die Betroffenen (2). Dieser wurde mit 0,45 Punkten in der Studie nicht ganz erreicht.“

DGN mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse der Clarity-AD-Studie vor der Vollpublikation

Auch der DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit mahnt zum jetzigen Zeitpunkt zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. „Es handelt sich um die Teilpublikation einer abgeschlossenen Phase-III-Studie, die, soweit erkennbar, gut designt war, eine relativ große Teilnehmendenzahl hatte und abgeschlossen wurde. Auch wenn das alles in die richtige Richtung weist, möchten wir als Fachgesellschaft die Ergebnisse noch nicht bewerten oder kommentieren. Wir werden die offizielle Vollpublikation abwarten, mit Veröffentlichung aller Ergebnisse und Messwerte, um für Betroffene, Angehörige und Behandelnde eine seriöse Einordnung zu geben.“
 

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 11.000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Literatur:

[1] LECANEMAB CONFIRMATORY PHASE 3 CLARITY AD STUDY MET PRIMARY ENDPOINT, SHOWING HIGHLY STATISTICALLY SIGNIFICANT REDUCTION OF CLINICAL DECLINE IN LARGE GLOBAL CLINICAL STUDY OF 1,795 PARTICIPANTS WITH EARLY ALZHEIMER’S DISEASE. 27.09.2022; abrufbar unter https://investors.biogen.com/news-releases/news-release-details/lecanemab-confirmatory-phase-3-clarity-ad-study-met-primary
(2) Borland E, Edgar C, Stomrud E et al. Clinically Relevant Changes for Cognitive Outcomes in Preclinical and Prodromal Cognitive Stages: Implications for Clinical Alzheimer Trials. Neurology 2022; 14: 10.1212/WNL.0000000000200817. doi: 10.1212/WNL.0000000000200817. Epub ahead of print.



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