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Selbstreaktive B-Zellen: Gehirn als besonders empfindliche Umgebung

Die meisten Menschen tragen B-Zellen in sich, die potenziell selbstreaktiv sind, also körpereigene Proteine erkennen können. Unter normalen Umständen ist dies nicht gefährlich. Treffen solche Zellen auf ihr Ziel im Körpergewebe, werden sie zwar kurzzeitig aktiviert, anschließend jedoch durch strenge Kontrollmechanismen des Immunsystems ausgeschaltet, bevor sie Schaden anrichten können.

Das Gehirn ist jedoch eine besonders empfindliche Umgebung. Bei Infektionen oder Entzündungen können B-Zellen vorübergehend in das Gehirngewebe eindringen. In den meisten Fällen bleibt dies folgenlos – doch unter ungünstigen Umständen kann eine Verkettung seltener Ereignisse dazu führen, dass die Sicherheitsmechanismen versagen.

Virales Protein ahmt Freigabesignal nach – Schäden an Myelinschicht nachgewiesen

Die aktuelle Studie zeigt, dass das Epstein-Barr-Virus die normale Kontrolle der B-Zellen stören kann. Ein virales Protein ahmt ein entscheidendes Freigabesignal nach, das B-Zellen sonst von anderen Immunzellen erhalten. So überleben selbstreaktive B-Zellen, obwohl sie eigentlich ausgeschaltet werden sollten.

In Experimenten mit Mäusen führten diese überlebenden B-Zellen zu lokalen Schäden an der Myelinschicht um die Nervenfasern. Diese Schäden ähneln frühen MS-Läsionen. Der Prozess war nicht mit einer großflächigen Immunattacke verbunden, sondern wurde lokalisiert im Gehirn durch eine bestimmte Abfolge von Ereignissen ausgelöst.

„Die Rolle des Epstein-Barr-Virus bei MS war lange Zeit ziemlich rätselhaft. Wir haben eine Reihe von Ereignissen identifiziert – darunter eine Infektion mit ebendiesem Virus –, die in einer klar definierten Abfolge stattfinden muss, um eine lokalisierte Entzündung im Gehirn auszulösen„, sagt Tobias Derfuss. „Das erklärt zwar nicht alle Aspekte von MS, könnte aber der Auslöser für eine chronische Entzündung im Gehirn sein.“

B-Zellen bereits in frühesten Stadien direkt beteiligt

Bislang ging man davon aus, dass B-Zellen vor allem durch indirekte Mechanismen zur MS beitragen, etwa indem sie andere Immunzellen beeinflussen. Die neuen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass B-Zellen nicht nur indirekt wirken, sondern möglicherweise bereits in den frühesten Stadien der Läsionsbildung direkt beteiligt sind.

Damit fügen sich mehrere seit Langem bekannte Beobachtungen der MS-Forschung zusammen: der enge Zusammenhang mit einer Infektion durch das Epstein-Barr-Virus, die zentrale Rolle der B-Zellen und die Wirksamkeit von Therapien, die gezielt gegen sie gerichtet sind. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass es sich nicht um eine alleinige Ursache von MS handelt. Vielmehr beschreibt die Studie einen möglichen Auslöser, der erklären könnte, warum die Krankheit beginnt – lange bevor erste Symptome auftreten.

„Fachleute auf diesem Gebiet sind sich weitgehend einig, dass sowohl B-Zellen als auch das Epstein-Barr-Virus an der Erkrankung beteiligt sind, aber es gibt keinen Konsens darüber, wie„, erklärt Nicholas Sanderson. „Das Modell, das sich aus der Arbeit unseres Teams ergibt, ist sehr einfach und daher sehr überzeugend. Kurz gesagt gehen wir davon aus, dass virusinfizierte B-Zellen die Läsionen verursachen.“

Präventionsstrategien durch Impfung denkbar

Die Studie richtet den Blick auf die frühesten Stadien der MS, in denen sich das Krankheitsrisiko noch beeinflussen lässt: Sie zeigt, wie Zeitpunkt, Ort und die individuelle Vorgeschichte des Immunsystems darüber entscheiden, ob es überhaupt zu Schäden kommt. Dieses neue Verständnis könnte dazu beitragen, Strategien zur Prävention von MS zu entwickeln. Eine Möglichkeit wäre eine Impfung, die schwere Epstein-Barr-Virus-Infektionen verhindern und so das Eindringen fehlregulierter B-Zellen ins Gehirn reduzieren könnte.

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Epstein-Barr-Virus als Ursprung und Treiber der Multiplen Sklerose

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Quelle:

Universität Basel

Literatur:

(1)

Hyein Kim. et al. (2025) Myelin antigen capture in the CNS by B cells expressing EBV latent membrane protein 1 leads to demyelinating lesion formation Cell (2026), DOI: 10.1016/j.cell.2025.12.031.

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