Herzinfarktverdacht: Wie schnell ist eine sichere Diagnose möglich?
Wie schnell lässt sich bei Menschen mit akutem Brustschmerz sicher feststellen, ob ein Herzinfarkt vorliegt oder ausgeschlossen werden kann? Mit dieser Frage beschäftigen sich zwei große internationale Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt wurden. Maßgeblich daran beteiligt ist Prof. Jasper Boeddinghaus, der kürzlich vom Universitätsspital Basel an das Universitätsklinikum Bonn (UKB) gewechselt ist und dort das neue Institut für klinische Herz-Kreislaufforschung aufbaut.
Troponin als zentraler Biomarker der Diagnostik
Im Mittelpunkt der Diagnostik steht dabei das herzspezifische Troponin, ein Biomarker, dessen Konzentration im Blut Hinweise auf eine Schädigung des Herzmuskels liefert. Internationale Leitlinien empfehlen für die schnelle Abklärung bei Verdacht auf einen Herzinfarkt den sogenannten 0/1-Stunden-Algorithmus als bevorzugte Strategie. Dabei wird der Troponinwert bei Aufnahme und bereits nach einer Stunde erneut bestimmt.
Mit PRESC1SE-MI untersuchte ein internationales Forschungsteam, wie sicher und effektiv die Einführung dieses beschleunigten Verfahrens im Vergleich zum bisherigen 0/3-Stunden-Vorgehen unter realen Bedingungen in Notaufnahmen ist. In die große randomisierte Studie flossen über 67.000 Patientenvorstellungen an 19 Krankenhäusern in zehn Ländern ein. Als zentrale Endpunkte untersuchten die Forschenden zum einen Tod oder einen neuen Typ-1-Herzinfarkt innerhalb von 30 Tagen und zum anderen die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme.
Schnellere Labordiagnostik führt nicht automatisch zu kürzerer Verweildauer
Die Ergebnisse zeigen: Hinsichtlich des kombinierten Sicherheitsendpunkts aus Tod jeglicher Ursache oder einem neuen Typ-1-Herzinfarkt innerhalb von 30 Tagen war das 0/1-Stunden-Verfahren dem 0/3-Stunden-Verfahren nicht unterlegen. Bei den beiden Einzelkomponenten zeigte sich allerdings ein gegenläufiges Bild, das nach Einschätzung der Forschenden weiter untersucht werden muss. Gleichzeitig erfolgte die zweite Troponinmessung beim schnelleren Verfahren im Median knapp zwei Stunden früher. Dies führte jedoch nicht zu einer kürzeren Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme: Sie betrug in beiden Gruppen im Median 309 Minuten.
Damit zeigt die Studie zugleich, dass eine schnellere Labordiagnostik allein nicht automatisch zu einer schnelleren Versorgung führt. Nach Einschätzung der Forschenden spielen vielmehr auch die weiteren diagnostischen und organisatorischen Abläufe in den Notaufnahmen eine entscheidende Rolle.
Metaanalyse mit Daten von mehr als 110.000 Patient:innen
Unmittelbar nach PRESC1SE-MI wurden beim ESC-Kongress auch die Ergebnisse einer zweiten großen Forschungsarbeit vorgestellt. Für diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wurden die individuellen Patientendaten aller verfügbaren randomisierten Studien zum Vergleich des 0/1- mit dem 0/3-Stunden-Verfahren zusammengeführt und nach einheitlichen Kriterien neu ausgewertet. Insgesamt umfasst die Analyse 110.933 Patientenvorstellungen aus fünf randomisierten Studien, 46 Studienzentren und 14 Ländern.
Auch diese übergreifende Analyse zeigt, dass die frühere Wiederholung der Troponinmessung allein im Durchschnitt weder die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme verkürzt noch den Anteil der Patient:innen erhöht, die direkt aus der Notaufnahme entlassen werden können. Kurzfristige schwerwiegende Ereignisse waren insgesamt selten. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Entscheidung für einen 0/1-Stunden-Algorithmus nicht allein von der Erwartung bestimmt werden sollte, die Abläufe in einer Notaufnahme zu beschleunigen. Vielmehr müssen auch die diagnostischen und organisatorischen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Die Arbeit ist von The Lancet bereits zur Veröffentlichung angenommen und soll im Laufe des Septembers erscheinen.
Biomarker und Künstliche Intelligenz für eine präzisere Diagnostik
Die beiden Arbeiten stehen exemplarisch für einen zentralen Forschungsschwerpunkt von Prof. Boeddinghaus. Er beschäftigt sich insbesondere mit Biomarkern und neuen diagnostischen Verfahren bei akuten Herzerkrankungen sowie mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Herzdiagnostik. Am Cardiovascular Research Institute Basel legte er den Grundstein für seine heutige Forschung und leitete zuletzt zwei Forschungsgruppen. Arbeiten zum Einsatz von KI in der kardiovaskulären Diagnostik, die während seiner Tätigkeit an der University of Edinburgh entstanden, publizierte er unter anderem in Nature Medicine. 2025 wurde er mit dem Forschungspreis der Schweizerischen Herzstiftung ausgezeichnet.
„Das herzspezifische Troponin ist ein Eiweiß in den Muskelzellen des Herzens und ein wunderbarer Biomarker im Blut für die Erkennung von akuten Herzschädigungen, wie sie zum Beispiel bei einem Herzinfarkt auftreten. Da jedoch die heutigen Troponin-Tests hochempfindlich sind, wird bei vielen Menschen ein Herzinfarkt vermutet“, sagt Prof. Boeddinghaus. Sein Ziel sei es deshalb, neue Verfahren zu entwickeln, mit denen ein Herzinfarkt rascher und genauer diagnostiziert oder ausgeschlossen werden kann.
Quelle:Universitätsklinikum Bonn
Literatur:
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Boeddinghaus J et al. (2026): Safety and efficacy of the 0/1-hour pathway for myocardial infarction in the emergency department: an international, pragmatic, stepped-wedge, cluster-randomised, controlled trial; The Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(26)01654-5