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45% aller Demenzfälle sind nicht schicksalhaft vorbestimmt, sondern hängen mit Faktoren zusammen, auf die wir als Individuen oder Gesellschaft Einfluss nehmen können. Diese Zahl nennt die Lancet-Kommission, eine Arbeitsgruppe der Fachzeitschrift The Lancet, in einem Report [1], für den sie weltweit Literatur ausgewertet hat, um Faktoren zu identifizieren, die das Risiko für eine Demenz nachweislich erhöhen. Dabei haben die Forscher:innen insgesamt 14 Risikofaktoren gefunden, wie etwa mangelnde Bildung, Rauchen, soziale Isolation, Diabetes und Luftverschmutzung. Wer alle diese Faktoren in seinem Lebensstil berücksichtigt, kann sein Demenzrisiko um die Hälfte senken. Die 45% sind dabei ein theoretischer Wert, weil nicht alle 14 Faktoren vollständig vermieden werden können.

Multidomänenintervention gegen Demenz

Wie sich der kognitive Abbau von Menschen mit einem erhöhten Risikoprofil für Demenz verlangsamen lässt, wird in der finnischen Finger-Studie untersucht. Dabei beobachteten die Forscher:innen in einem randomisiert-kontrollierten Setting, wie die Studienteilnehmer:innen auf eine Multidomänenintervention reagieren, die aus Maßnahmen aus fünf Bereichen bestand: gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, kognitives Training, soziale Interaktion und Management von Gefäßrisiken wie Blutdruck und Cholesterin. Die Ergebnisse des elfjährigen Follow-ups wurden im letzten Jahr veröffentlicht [2]  und von Prof. Dr. Jenni Kulmala, Professorin für Gerontologie an der Universität Tampere in Finnland, auf der „8. Bundeskonferenz – Gesund und aktiv älter werden“ am 22.April 2026 in Köln vorgestellt.

Die Interventionsgruppe zeigte dabei deutlich bessere Werte als die Kontrollgruppe. So war bei ihr etwa das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse um 20% gesenkt, das Risiko, im Alltag beeinträchtigt zu sein, um 30% geringer und das Risiko, eine (weitere) chronische Krankheit zu entwickeln, sank in der Interventionsgruppe sogar um 60%. Um das Fachpersonal über die Ergebnisse zu informieren und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben, entwickelte Kulmala zusammen mit Kollegen ein Online-Programm, das auf den Erkenntnissen der Finger-Studie basiert. Auch für die allgemeine Bevölkerung gibt es mit der Finger Academy ein Online-Angebot.

Alzheimerforschung in Köln und Leipzig

In Deutschland gibt es ähnliche Vorstöße bislang vor allem auf städtischer Ebene. So können sich Kölner:innen ohne kognitive Beeinträchtigungen im Kölner Alzheimer-Präventionszentrum, das zur Universität zu Köln gehört, über ihr persönliches Demenzrisiko informieren. In einer Pilotstudie [3] mit 162 Kölner:innen wurde festgestellt, dass vor allem Übergewicht, eine ungesunde Ernährung, eine schlechte Schlafqualität und Stress als belastend empfunden werden. Deshalb konzentrieren sich die Forscher:innen des Zentrums bei der Aufklärung über Demenz auf die Bereiche: Ernährung und Bewegung, Stress, Resilienz und Depression.

Auch in Leipzig wird zum Thema Demenzprävention geforscht. Hier konnten im Rahmen der AgeWell.de-Studie die Ergebnisse der Finger-Studie bestätigt werden. Die Untersuchung von 1.152 älteren Hausarztpatient:innen mit erhöhtem Demenzrisiko zeigte, dass ein multimodaler Lebensstil-Ansatz das Demenzrisiko der Teilnehmenden signifikant verringert. Gemessen wurde dies mit dem LIBRA-Index, der zwölf beeinflussbare Risikofaktoren für Demenzen erfasst [4].  Auch die Leipziger Forscher:innen planen in Deutschland eine Art „Finger-Academy“ zu starten, also ein Online-Angebot, das Interessierte informiert und zu positiven Lebensstiländerungen anregt.

Digitale Patientenaufklärung mit Selbsttest

Um dies zu erreichen, übersetzen die Leipziger Wissenschaftler:innen derzeit die niederländische App „MijnBreincoach“ [5], die von Wissenschaftler:innen des niederländischen Alzheimer Centrums Limburg entwickelt wurde. Nutzer:innen der App machen einen Selbsttest, erhalten ein persönliches Risikoprofil und bekommen anschließend täglich umsetzbare Impulse (Quizze, Tipps, Herausforderungen) zu Themen wie Bewegung, Ernährung, Rauchen oder Bluthochdruck.

Einen digitalen Ansatz verfolgt auch die australische „Maintain Your Brain-Studie“ [6]. Zu Beginn der Untersuchung führten die Teilnehmer:innen einen Selbsttest durch, um ihr persönliches Risikoprofil in den Bereichen körperliche Aktivität, kognitive Aktivität, Ernährung und Depression zu ermitteln. Je nach Ergebnis wurden ihnen automatisiert zwei bis vier spezifische Interventionsmodule zugewiesen, die sie über ein Jahr hinweg weitgehend selbstständig bearbeiteten. Auch diese Studie zeigte, dass sich die kognitive Leistungsfähigkeit der Interventionsgruppe im Untersuchungszeitraum im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich verbesserte.

Fokus auf Gesundheit von Angehörigen

Ein großer Teil der Demenzversorgung wird in Deutschland zu Hause durch Angehörige geleistet, die dadurch oft hohen Belastungen und Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Wie sich die Gesundheit der pflegenden Angehörigen schützen lässt, wird derzeit im Rahmen des Projekts „Living@home“ [7] erforscht. Es wird über fünf Gedächtnisambulanzen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen umgesetzt. Das Projekt setzt explizit in Haushalten an, in denen bereits eine Demenzdiagnose vorliegt. Diese Haushalte werden ein Jahr lang von einer Fachkraft unterstützt – per App und persönlich. Das Ziel: offene Bedarfe identifizieren und senken, damit die Belastung für die Angehörigen nicht zu gesundheitlichen Schäden für sie selbst führt. Das Projekt läuft noch bis Ende 2028.

Zugelassene Medikamente bei Alzheimer

Zwei Wirkstoffe für Menschen mit leichter Demenz sind derzeit von der europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen: Lecanemab und Donanemab. In klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass diese beiden Präparate den Krankheitsverlauf bei Patient:innen um etwa 30% verzögern können. Allerdings kam das deutsche Institut IQWiG zu dem Schluss, dass durch die Wirkstoffe kein Zusatznutzen gegenüber der derzeit gängigen Therapie erreicht werden konnte. Der Gemeinsame Bundesausschus (G-BA) ist dieser Einschätzung gefolgt. Für die Hersteller ist dieses Urteil ein schwerer Schlag, weil es die derzeit stattfinden Preisverhandlungen mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) erschwert.

Trotz der kritischen Haltung von IQWiG und G-BA empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Anwendung der beiden Präparate bei geeigneten Patient:innen im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung. Auch Prof. Dr. Frank Jessen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln, ist ein zufriedener Anwender. „Wir selbst behandeln ungefähr 50 Patienten in Köln“, sagte er auf der Kölner Demenz-Konferenz im April. „Wir haben bis jetzt sehr gute Erfahrungen gemacht, sehen eine extrem gute Verträglichkeit bei keinen relevanten Nebenwirkungen.“

Enttäuschende Ergebnisse für Semaglutid

Wie GLP-1-Rezeptoragonisten bei früher Alzheimer-Erkrankung helfen können, wird derzeit in verschiedenen Studien untersucht. Die Ergebnisse dieser Studien wurden im April auf dem Jahrestreffen der American Academy of Neurology (AAN) in Chicago präsentiert. Als Hoffnungsträger galt der Wirkstoff Semaglutid. Denn Beobachtungsstudien zeigen, dass Menschen, die Semaglutid als Mittel gegen Diabetes oder Übergewicht einnehmen, seltener an Demenz erkrankten. Zwei große Phase-III-Studien (EVOKE und EVOKE+) mit jeweils 1.800 Patient:innen lieferten in Chicago aber ernüchternde Ergebnisse. Beim primären Endpunkt der klinischen Progressionsverlangsamung bei früher symptomatischer Alzheimer-Erkrankung, zeigte Semaglutid keine überlegene Wirkung gegenüber dem Placebo [8].

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Living Guideline Demenzen aktualisiert: Erstmals Empfehlung zur Antikörpertherapie

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Literatur:

(1)

Livingston G et al. (2024) Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission, Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0

(2)

Ngandu T et al. (2025) Long‐term adherence to lifestyle changes and association with cognitive change: 11‐year results from the FINGER randomized, controlled trial, Alzheimer's & Dementia, DOI: 10.1002/alz70860_106542

(3)

Zeyen P et al. (2023) Brain health services: individual dementia risk profiling at the Cologne Alzheimer Prevention Center, Der Nervenarzt, DOI: 10.1007/s00115-023-01451-1

(4)

Universitätsmedizin Leipzig: AgeWell.de – Geistig fit ins Alter, abrufbar unter: https://www.uniklinikum-leipzig.de/einrichtungen/isap/Seiten/AgeWell.aspx, zuletzt abgerufen am 11.06.2026.

(5)

Mijn Breincoach, abrufbar unter: https://www.mijnbreincoach.eu/, zuletzt abgerufen am 11.06.2026.

(6)

Maintain your brain, abrufbar unter: https://www.unsw.edu.au/cheba/research-and-impact/research-projects/maintain-your-brain, zuletzt abgerufen am 11.06.2026.

(7)

living@home - Multimodale, dyadische, App-gestützte Intervention, abrufbar unter: https://www.dzne.de/forschung/studien/projekte-der-versorgungsforschung/livinghome/, zuletzt abgerufen am 11.06.2026.

(8)

GLP-1 Receptor Agonists Show Translational Potential in Alzheimer Disease Despite Mixed Study Results, abrufbar unter: https://www.neurologylive.com/view/glp-1-receptor-agonists-show-translational-potential-ad-despite-mixed-study-results, zuletzt abgerufen am 11.06.2026.

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