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Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“

Das deutsche Gesundheitssystem sieht sich mit grundlegenden strukturellen Herausforderungen konfrontiert: Fachkräftemangel, demografischer Wandel, zunehmende Multimorbidität und kostenintensive Innovationen verändern die Anforderungen an die Versorgung grundlegend. Auch die Innere Medizin ist im Umbruch. „Wir stehen an einem Punkt, an dem sich grundlegende Fragen neu stellen“, gibt Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM 2025/2026 sowie Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen, zu bedenken. „Angesichts der derzeitigen Dynamik, in der neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische sowie gesellschaftliche Veränderungen aufeinandertreffen, stoßen die bisherigen Versorgungswege zunehmend an ihre Grenzen“. Entsprechend lautet das Motto des diesjährigen Kongresses auch „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“.

Was dies konkret bedeutet, zeigt sich unter anderem in der Endokrinologie und Diabetologie. „Dank neuer, gezielt wirkender Hormontherapien ist etwa zum ersten Mal eine erheblich individuellere Therapie möglich. Zugleich wird deutlich, dass wir uns stärker damit befassen müssen, für wen welche Therapie tatsächlich sinnvoll ist“, so Prof. Führer-Sakel. Ein weiteres Beispiel für den Wandel in der Inneren Medizin ist das Management von Adipositas – eine Volkskrankheit, die weit mehr ist als einfach die Fortsetzung von Übergewicht.

Nicht die Kilos entscheiden: Adipositas neu denken

Bewegt sich der Zeiger der Waage immer weiter nach rechts, wird aus Übergewicht schließlich Adipositas – so die langjährige Auffassung. Diese muss inzwischen zu den wissenschaftlichen Akten gelegt werden. Denn die Volkskrankheit lässt sich nicht mehr länger einzig über das Körpergewicht definieren. Dank intensiver internistischer und metabolischer Forschung wurde Adipositas als komplexe, systemische chronische Erkrankung entschlüsselt, bei der mehrere Organsysteme eng miteinander interagieren. Im Zuge dessen zeigte sich, dass nicht primär die Menge an Körperfett über die gesundheitlichen Risiken bestimmt. Wesentlich bedeutsamer ist nach den Worten von Prof. Dr. Michael Stumvoll, Direktor der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Leipzig, die Reaktion des Stoffwechsels auf die Fettmenge. „Die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sicher zu speichern und im Organismus richtig zu verteilen, spielt eine wichtige Rolle“. Ist diese Regulation gestört, wird Fett vermehrt in Organen wie der Leber abgelagert. Welche Bedeutung die Stoffwechselantwort hat, zeigt sich in der ausgeprägten interindividuellen Variabilität der Krankheitsverläufe, an den Komplikationen und dem Therapieansprechen [1]. „Diese Unterschiede lassen sich zunehmend durch individuelle Stoffwechselprozesse erklären – nicht allein durch das Körpergewicht“, so Prof. Stumvoll.

Das Paradigma, dass Adipositas eine bloße Fortsetzung von Übergewicht ist, gilt nicht mehr. Sie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Spektrum unterschiedlicher biologischer Zustände. Statt allein auf Gewichtsreduktion zu fokussieren, sollten wir stärker die individuelle Stoffwechselsituation berücksichtigen

Prof. Dr. Michael Stumvoll

Der BMI genügt nicht

Die Komplexität der Erkrankung zeigt sich besonders deutlich in der begrenzten Aussagekraft einfacher bisheriger Kenngrößen wie des Body-Mass-Index. „Ein BMI über 30 definiert zwar eine Adipositas, er bildet jedoch weder die Körperzusammensetzung noch die Fettverteilung ab“. Entscheidend für das individuelle Risiko, so der Leipziger Experte weiter, ist jedoch, ob Fett subkutan, viszeral oder in Organen wie der Leber gespeichert wird [2]. Ein eindrückliches Beispiel hierfür sind Lipodystrophien – seltene genetische Erkrankungen, bei denen subkutanes Fettgewebe fehlt. Die Betroffenen haben oft einen normalen BMI, entwickeln jedoch schwerste metabolische Komplikationen, da Fett in Organen gespeichert wird [2]. „Solche Krankheitsbilder verdeutlichen, dass die reine Quantität von Fett nicht ausreicht, um das Risiko zu beurteilen“. Zur genaueren Erfassung der Fettverteilung werden zunehmend differenziertere Verfahren eingesetzt, wie etwa der Taillen-Hüft-Quotient. Sie liefern erste Hinweise, erfassen jedoch keine intra-organischen Fettdepots. Das gilt auch für komplexere Modelle wie den metabolischen BMI [3], der eine Vielzahl von Stoffwechselparametern einbezieht.

Das Fettgewebe ist ein eigenständiges Organ

Im Rahmen der jüngsten Forschungsaktivitäten entpuppte sich das Fettgewebe als eigenständiges und hormonell aktives Organ, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert. Dazu gehört die Umwandlung und Speicherung überschüssiger Energie in Fett. „Ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus“, wie der Leipziger Endokrinologe erklärt. Wird diese Speicherfunktion jedoch gestört oder dauerhaft gefordert, kommt es zur krankhaften Fehlverteilung von Fett – mit Ablagerungen in Organen wie Leber, Herz oder Muskulatur. „Diese Prozesse gelten als entscheidender Treiber für Insulinresistenz und weitere metabolische Folgeerkrankungen“. Zentral wichtig ist mithin, wo die Energie in Form von Fett geparkt und verteilt wird. Wodurch sich der Blick auf betroffene Patientengruppen erweitert. „Auch Menschen mit unauffälligem Körpergewicht können ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen haben“, so Prof. Stumvoll.

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Geschlechtsspezifische Unterschiede stehen ebenso im Fokus

Laut Prof. Stumvoll haben auch geschlechtsspezifische Unterschiede eine hohe Bedeutung. So sind Männer häufiger übergewichtig und lagern Fett eher viszeral ein, was mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden ist. Frauen entwickeln hingegen häufiger schwere Adipositas-Formen und sind stärker von bestimmten Folgeerkrankungen wie Depression betroffen. Hormonelle Faktoren, Schwangerschaften und die Menopause beeinflussen zusätzlich das individuelle Risiko und erschweren die Prognose [4].

Prädiabetes bildet sich auch ohne Gewichtsverlust zurück

Mögliche neue Wege in der Prävention von Typ-2-Diabetes ebnet eine Studie, die zeigt, dass sich die gestörte Glukoseregulation bei Prädiabetes auch ohne Gewichtsverlust wieder normalisieren kann [5]. „Dies erfolgt auf Basis von Veränderungen der Insulinsensitivität und der Betazellfunktion“, erklärt Dr. Arvid Sandforth, Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er und sein Team haben für ihre Arbeit den Präventionspreis der DGIM und der Deutschen Stiftung Innere Medizin (DSIM) erhalten. In der Studie war das Erreichen einer Prädiabetes-Remission auch ohne Gewichtsreduktion mit einer über 70% niedrigeren Diabetes-Inzidenz assoziiert [5]. „Das legt nahe, dass eine Rückkehr zu einer normalen Glukoseregulation bereits im Prädiabetes ein eigenständiges therapeutisches Ziel sein kann – auch unabhängig von Gewichtsverlust“, so Dr. Sandforth.

Selbstverständlich bleibt die Gewichtsreduktion ein wichtiger Bestandteil der Prävention. „Doch unsere Ergebnisse zeigen, dass auch andere metabolische Mechanismen zu einer Normalisierung des Stoffwechsels beitragen können“.

Neben körpergewichtsbezogenen Zielen sollte bei Prädiabetes die Rückkehr zu einer normalen Glukoseregulation stärker in den Mittelpunkt rücken.

Dr. Arvid Sandforth

Digitale Transformation: unverzichtbar für das Gesundheitssystem

Auch hier vollzieht sich ein unaufhaltsamer Wandel: künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in die Medizin. Angesichts überbordender Bürokratie, immer mehr Dokumentationspflichten sowie organisatorischer Hürden einerseits und gravierendem Fachkräftemangel andererseits ist sie unverzichtbar. „Ohne digitale Unterstützung“, so Prof. Dr. Dr. Jens Kleesiek, Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin, Universitätsklinikum Essen und Universität Duisburg-Essen, „werden wir das schlicht nicht stemmen“. Digitale Werkzeuge sind bereits heute eine unerlässliche, wirkungsvolle Hilfe bei der Versorgung – in allen medizinischen Disziplinen. Das reicht laut Prof. Kleesiek von der durch sein Institut entwickelte Diktiersoftware MeDict, welche die Dokumentation erleichtert, über die Erfassung von Kennzahlen wie der Schnitt-Naht-Zeit im OP und medizinischen Verläufen [6] bis hin zu agentischen Sprachmodellen [7] wie „EMR Guard“. Dabei handelt es sich um ein System zur Qualitätssicherung, das in Echtzeit prüft, ob beispielsweise eine vom Patienten berichtete Allergie auch strukturiert in der Krankenakte hinterlegt ist. Inzwischen, so Prof. Kleesiek, „haben wir mehr als 80 Softwareprodukte für Forschung und Versorgung entwickelt“. Vorhersagealgorithmen [8] helfen dabei einzuschätzen, wie viele Blutprodukte in den kommenden Tagen benötigt werden [9] oder wie ein Patient auf eine Chemotherapie ansprechen wird. „Mit erklärbarer KI können wir außerdem den Einfluss einzelner diagnostischer Maßnahmen und Therapien auf das individuelle Patientenrisiko sichtbar machen [10].

Genetische Faktoren werden zunehmend wichtiger

Die Erkenntnisse aus der Humangenetik erweisen sich immer mehr als sehr relevante Schnittstelle für die internistische Versorgung. „Wenn wir vom Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin sprechen, gehört die Integration genetischer Erkenntnisse zwingend dazu“, betont Prof. Führer-Sakel. Denn, wie Prof. Dr. Andreas Neubauer, Sprecher der DGIM-Task-Force Humangenetik und Leiter des Zentrums für Personalisierte Medizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, bestätigt: „Genetik ist kein Spezialthema einzelner Zentren mehr. Sie betrifft die gesamte Innere Medizin – in Klinik und Praxis“. Internistinnen und Internisten müssen genetische Befunde verstehen und ihre klinische Bedeutung einordnen können [11].

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Quelle:

Pressekonferenzen anlässlich des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden am 18. und 20.04.2026 sowie Vorträge im Rahmen des Kongresses.

Literatur:

(1)

Blüher M. Nat Rev Endocrinol 2019; 15: 288 – 298.

(2)

Medawar E. et al. Gut. 2024; 73: 298 – 310.

(3)

Chakaroun R.M. et al. Nat Med. 2026; 32:113 – 125.

(4)

Müller M.J. Bosy-Westphal A. Deutsches Ärzteblatt International. 2024; 121(5): 73 – 80.

(5)

Sandforth A. et al. Nat Med 2025; 31: 3330 – 3340.

(6)

Brehmer et al. JMIR 2024.

(7)

Lee et al. Nat. Cancer. 2024.

(8)

Engelke et al. JAMIA 2025.

(9)

Engelke et al. Blood 2023.

(10)

Keyl et al. Nat. Cancer 2025.

(11)

Möller, L. et al. Innere Medizin 2026; 67: 383 – 389.