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Medizin

20. September 2017
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Mikrobiom-Modulation: Neue Therapiekonzepte bei Darmerkrankungen

Das intestinale Mikrobiom trägt nicht nur zur Aufrechterhaltung der Darmbarriere und Funktionalität des Immunsystems bei, sondern beeinflusst über die Darm-Hirn-Achse emotionale und kognitive Prozesse im Hirn (1-4). Das Wissen um die Wechselbeziehung zwischen Mikrobiotika und Wirt und die klinischen Folgen wächst exponentiell. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass eine geringe Diversität und Verschiebungen im Verhältnis der Bakterienstämme zueinander zur pathologischen Entwicklung einer Vielzahl von Erkrankungen führen können (5). Die hohe Relevanz einer Modulation des Mikrobioms als Ansatzpunkt zukünftiger Therapien erörterten Experten im Rahmen eines Symposiums. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass mikrobiologische Präparate zur Symptomreduktion und zum Remissionserhalt bei Darmerkrankungen beitragen und den teilweise enormen Leidensdruck lindern können.
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Fachinformation
In die Thematik des Potenzials des Mikrobioms als Therapieansatz leitete Prof. Dr. Stefan Bischoff, Hohenheim, ein und informierte die Zuhörer über die Ergebnisse experimenteller Daten, die verdeutlichen, dass sich das Darmmikrobiom an die Nahrungsaufnahme anpasst und dabei die Gewinnung von Energie aus der Nahrung optimiert. Diese Plastizität des Mikrobioms kann bei Nahrungsmangel von Vorteil sein. Eine veränderte Mikrobiom-Zusammensetzung kann allerdings metabolische Entgleisungen begünstigen wie zum Beispiel Adipositas, Fettlebererkrankung und Diabetes-Typ-2 (6). Der Einfluss des Mikrobioms geht weit über den Darm hinaus. Denn das Mikrobiom kann vagal oder endokrin entlang der Darm-Hirn-Achse mit dem Gehirn kommunizieren. So deuten präklinische Untersuchungen darauf hin, dass das intestinale Mikrobiom eine zentrale Rolle in der Entstehung von psychologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus sowie psychiatrischen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Depression und Morbus Parkinson spielt (7). Einige Erkrankungen sind mit einer Dysbiose als pathogenetischem Faktor assoziiert. Insbesondere bei Darmerkrankungen, wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, primär sklerosierende Cholangitis, unkomplizierte Divertikelkrankheit und Reizdarmsyndrom (RDS), wurden solche charakteristischen Dysbiosen festgestellt (8,9). Da das Mikrobiom mit so vielen Erkrankungen assoziiert ist, liegt es nahe, dass durch Manipulation des Mikrobioms therapeutische Effekte erzielt werden können. Dies kann auf verschiedenen Wegen geschehen, beispielsweise durch Ernährungsintervention (10), durch fäkalen Mikrobiomtransfer (auch als Stuhltransplantation bezeichnet) (11) oder durch die Einnahme von Probiotika mit spezifischen Eigenschaften an der Darmbarriere. Insgesamt verdeutlicht die Evidenz eine hohe Notwendigkeit, die bisherigen Erkenntnisse zu vertiefen, um sie zukünftig zur Diagnostik, Prävention und zielgerichteten Therapie in den klinischen Alltag zu integrieren. Über die Analyse des Mikrobioms lassen sich zudem in Zukunft Risikogruppen identifizieren (6).

Colitis ulcerosa: Reduktion des Aktivitätsindex

Der erfolgreiche Einsatz mikrobiologischer Präparate zeigt sich bei der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa. Hier ist ein Einfluss des intestinalen Mikrobioms auf die Pathogenese zu beobachten, wie Prof. Dr. Max Reinshagen, Braunschweig, verdeutlichte. Eine neue, wirksame Form der Therapie ist die Stuhltransplantation (12). Eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde und placebo-kontrollierte Studie zeigte, dass eine dosisintensive Transplantation des Mikrobioms verschiedener gesunder Spender auf einen Patienten nach acht Wochen zur klinischen Remission der Erkrankung und entsprechenden, endoskopisch sichtbaren Verbesserungen führen kann (13). Eine Abstimmung der Mikrobiome von Spender und Empfänger vor der Transplantation könnte zukünftig die Ergebnisse weiter verbessern. Als wirksam erweist sich auch der Einsatz mikrobiologischer Präparate, wie verschiedene randomisierte klinische Studien belegen. Sie können einen Schub der Colitis ulcerosa in einem Maß vermeiden, das mit dem von 5-Aminosalicylsäuren vergleichbar ist (14). Eine, die medikamentöse Standardtherapie der milden bis mittelschweren Colitis ulcerosa begleitende Therapie mit einem Präparat, das acht definierte Bakterienstämme enthält und in Deutschland als Innovall® CU erhältlich ist, kann zur deutlichen Symptomlinderung und schnelleren Remission der Erkrankung beitragen (15-17). Unter anderem konnte gezeigt werden, dass das mikrobiologische Präparat in Kombination mit 5-Aminosalizylsäure (5-ASA) und/oder einem Immunsuppressivum bei über 60% der Patienten unter der Kombinationstherapie den Aktivitätsindex um die Hälfte des Ausgangswerts reduzieren kann (12). Auch kann die Kombination die Zeit bis zur Remission im Vergleich zur Standardtherapie alleine deutlich verkürzen (15).
 
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