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Medizin

03. Juli 2019 Multiple Sklerose: Schmerzreduktion unter Ocrelizumab bei aktiv schubförmigem oder frühem primär progredienten Verlauf

Neue Daten zeigen, dass Patienten mit aktiver schubförmiger Multipler Sklerose (RMS) oder früher primär progredienter MS (PPMS) durch die Behandlung mit Ocrelizumab seltener über Schmerzen berichten – ein Ergebnis von hoher Relevanz für die Lebensqualität der Betroffenen (1). Weiterhin bestätigten Langzeitdaten über mehr als 5 Jahre das konstant positive Sicherheitsprofil für die Therapie mit dem Anti-CD20-Antikörper Ocrelizumab (2). Aktuelle Studien untersuchen darüber hinaus die Sicherheit von Ocrelizumab unter Real-World-Bedingungen (3) sowie die Machbarkeit einer verkürzten Infusionsdauer für eine noch patientenfreundlichere MS-Therapie (4). Zur Behandlung von Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) wurden Phase-III-Daten des monoklonalen Anti-Interleukin-6 (IL-6)-Rezeptor-Antikörpers Satralizumab präsentiert: Satralizumab reduziert das Risiko für einen Schub signifikant, wie Ergebnisse von der 5. Jahrestagung der European Academy of Neurology (EAN) zeigten (5).
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Fachinformation
Schmerzreduktion Hinweise auf verringerte Neuroinflammation
 
MS-Patienten leiden bedingt durch ihre Erkrankung häufig unter Schmerzen, die je nach Intensität zu einer dauerhaften Belastung im Lebensalltag werden können. Um die möglichen Effekte der Ocrelizumab (OCREVUS®)-Therapie auf das Symptom „Schmerz“ zu untersuchen, wurde das Ausmaß von Schmerzen durch die Patienten der Ocrelizumab-Studien OPERA I und OPERA II bei RMS (6) und ORATORIO bei PPMS (7) anhand der Fragen zu körperlichen Schmerzen aus dem Short Form-36 (SF-36)-Gesundheitsfragebogen bewertet. Mit Ocrelizumab behandelte Patienten berichteten dabei seltener über Schmerzen als Patienten, die Interferon (IFN) beta 1a s.c. oder Placebo erhalten hatten. Die beobachtete Schmerzreduktion könnte auf eine verringerte Neuroinflammation hinweisen – bedingt durch die B-Zell-depletierende Wirkung von Ocrelizumab (1).

Günstiges Sicherheitsprofil von Ocrelizumab im Langzeit-Follow-up bestätigt

Auch hinsichtlich der Sicherheitsdaten überzeugt der Anti-CD20-Antikörper: Weltweit wurden bis Mai 2019 mehr als 100.000 Patienten mit Ocrelizumab behandelt. Aktuelle, im Rahmen kontrollierter Studien gesammelte Daten zur Sicherheit der Ocrelizumab-Therapie stammen von 4.501 RMS- und PPMS-Patienten und entsprechen zusammen 12.559 Patientenjahren (PJ) (2,8). Die gepoolte Analyse dieser Patientenpopulation spiegelt das konsistente Nutzen-Risiko-Profil der Therapie mit OCREVUS wider (2,6,7). Auch nach mehr als 5 Jahren Nachbeobachtung war die Rate unerwünschter Ereignisse pro 100 PJ unverändert (2) verglichen mit den Beobachtungen im Rahmen pivotaler Studien bei RMS (6) und PPMS (7). Auch die Inzidenz von Malignitäten und Brustkrebs bei Frauen blieb unter der Behandlung mit Ocrelizumab in diesem Zeitraum auf dem Niveau epidemiologischer Daten (2).

Studienprogramm zur Langzeitsicherheit und Wirksamkeit von Ocrelizumab

Ein über Jahre konsistentes Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil auch unter Real-World-Bedingungen ist entscheidend für die Lebensqualität der Betroffenen und deren langfristige Behandlung mit Ocrelizumab. Ein umfangreiches Studienprogramm stellt diesen Aspekt in den Mittelpunkt: Eine Langzeitbeobachtung hinsichtlich des Auftretens schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (UE), wie beispielsweise schwerwiegender Infektionen, strebt die MANUSCRIPT-Studie an. MANUSCRIPT analysiert Daten MS-spezifischer Register über einen Beobachtungszeitraum von annähernd 10 Jahren und schließt über 5.000 mit OCREVUS behandelte Patienten ein (3).

Therapievorsprung bei Wechsel zu Ocrelizumab

Zusätzlich wird die offene, einarmige Phase-IIIb-Studie ENSEMBLE die Wirksamkeit und Sicherheit des frühen Einsatzes von Ocrelizumab im Verlauf der RMS untersuchen. Hierzu wurden 648 Patienten mit früher RMS, einem mittleren Alter von 32,4 Jahren sowie einem mittleren EDSS-Wert von 1,7 eingeschlossen (4). In Hinblick auf eine noch patientenfreundlichere Gestaltung der Langzeittherapie – bei einem gleichbleibend positivem Sicherheitsprofil – soll parallel in einer Subgruppe (ENSEMBLE PLUS-Studie) ermittelt werden, inwieweit eine verkürzte Infusionsdauer Einfluss auf das Auftreten von infusionsbedingten Reaktionen (IRR) hat. Geeignete Patienten aus der ENSEMBLE-Studie werden hierfür 1:1 randomisiert und erhalten in einem doppelblinden Setting dieselbe Antikörperdosis entweder wie bisher über 3,5 Stunden oder in einem kürzeren Zeitintervall über 2 Stunden (4). Die Daten bieten folglich die Chance, Sicherheit und Wirksamkeit von Ocrelizumab zu bestätigen sowie gleichzeitig die Relevanz eines frühen Einsatzes zu verdeutlichen. Bereits heute zeigen Langzeitdaten einen Therapievorsprung gegenüber Patienten, die mit 2 Jahren Verzögerung von IFN beta-1a s.c. bzw. Placebo zu Ocrelizumab wechselten (9-12).

Reduziertes Schubrisiko durch Satralizumab bei NMOSD

Ein rechtzeitiger Therapiestart ist auch in der Behandlung anderer neurodegenerativer Leiden wie NMOSD von großer Bedeutung. Die NMOSD ist durch einen schubförmigen, oftmals aggressiven Krankheitsverlauf gekennzeichnet. Die mit Schüben assoziierte Symptomatik bildet sich meist unvollständig zurück und führt bei einem Großteil der Betroffenen bereits innerhalb von 5 Jahren zu funktionellen und insbesondere motorischen Defiziten (13-16). Trotz der Ähnlichkeiten zwischen NMOSD und MS ist die Unterscheidung der beiden Erkrankungsformen und deren Differenzialdiagnose sehr wichtig. So können MS-Basistherapeutika, wie beispielsweise Beta-Interferone, eine NMOSD verschlimmern (17). Primäres Therapieziel ist das Verhindern jeglicher Schübe. Zur Behandlung der NMOSD wird derzeit der monoklonale Antikörper Satralizumab in 2 klinischen Studien der Phase III untersucht. Satralizumab richtet sich gegen den Interleukin-6 (IL-6)-Rezeptor, welcher vermutlich B-Zell-vermittelte Prozesse wie die Produktion von Aquaporin4 (AQP4)-IgG Autoantikörpern und die Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke beeinflusst. In der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie SAkuraSky erhalten NMOSD-Patienten als Ergänzung zur Standardtherapie (Immunsuppressiva und/oder Kortikosteroiden) entweder Satralizumab oder Placebo. Dabei waren 66,3% der Teilnehmer seropositiv für AQP4-IgG und 33,7% AQP4-IgG seronegativ. In der Gesamtstudienpopulation (präspezifizierte Zusatzanalyse) reduzierte Satralizumab als Add-on Therapie signifikant das Risiko für einen Krankheitsschub um 62% verglichen mit Placebo (HR: 0,38; 95%-KI: 0,16-0,88; p=0,018). Bei AQP4-IgG seropositiven Patienten konnte eine Add-on-Gabe von Satralizumab das Schubrisiko gegenüber Placebo um 79% verringern (HR 0,21; 95%-KI 0,06-0,75). Dabei waren sowohl nach 48 als auch nach 96 Wochen 91,5% der seropositiven NMOSD-Patienten ohne Schub. Satralizumab kann folglich effektiv Schübe reduzieren, besonders bei AQP4-IgG seropositiven Patienten (5).
Wie die aktuellen Daten vom EAN-Kongress belegen, ist bei MS wie auch bei NMOSD eine frühzeitige Behandlung entscheidend für die Prognose und kann den späteren Grad der Behinderung und damit die Lebensqualität der Betroffenen langfristig positiv beeinflussen.

Quelle: Roche

Literatur:

(1) Robertson D et al., EAN 2019; Poster POD183.
(2) Hauser SL et al., EAN 2019; ePresentation EPR2072.
(3) Wormser D et al., EAN 2019; Poster EPO3217.
(4) Killestein J et al., EAN 2019; Poster EPO2198.
(5) Yamamura T, EAN 2019; Oral Presentation #O4113.
(6) Hauser SL et al., N Engl J Med 2017; 376: 221-234.
(7) Montalban X et al., N Engl J Med 2017; 376: 209-220.
(8) Hauser SL et al., AAN 2019; Poster P4.2-025.
(9) Fachinformation OCREVUS®, Stand Juni 2019.
(10) Hauser SL et al., EAN 2019; ePoster EPO1250.
(11) Wolinsky JS et al., EAN 2019; ePoster EPR3080.
(12) Arnold DL et al., EAN 2019; ePresentation EPR1077.
(13) Jarius S et al. J Neuroinflammation 2012; 9: 14.
(14) Wingerchuk DM et al. Neurology 2007; 68: 603-605.
(15) Fujihara K Neurol Neuroimmunol Neuroinflammation 2014; 1: e38.
(16) Gelfand JM et al. Neurol Neuroimmunol Neuroinflammation 2014; 1: e34.
(17) Jarius S et al., J Neuroinflammation 2016; 13: 280.


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