Früherkennung von Typ-1-Diabetes bei Kindern ist breit umsetzbar
Seit zehn Jahren untersucht die von Helmholtz Munich koordinierte Fr1da-Studie, ob sich frühe Stadien von Typ-1-Diabetes bei Kindern in der allgemeinen kinderärztlichen Versorgung erkennen lassen. Die aktuelle Bilanz zeigt: Das Screening ist dauerhaft umsetzbar und identifiziert die meisten Kinder, bei denen sich ein Typ-1-Diabetes Stadium 3 in der Zukunft entwickelt.
Lange symptomfreie Phase vor der Erkrankung
Typ-1-Diabetes beginnt meist lange bevor Kinder typische Symptome wie starken Durst, Gewichtsverlust oder Müdigkeit entwickeln. Häufig sind Familien sich dieser Anzeichen nicht bewusst. Wird die Erkrankung zu spät erkannt, können Kinder eine diabetische Ketoazidose entwickeln – ein schwerer medizinischer Notfall. Im Blut lassen sich Jahre vor der Erkrankung sogenannte Inselautoantikörper nachweisen. Wird dadurch ein frühes Stadium erkannt, können Familien vorbereitet, Kinder ärztlich begleitet und schwere Stoffwechselentgleisungen idealerweise vermieden werden.
Über 220.000 Kinder in Bayern getestet
Seit dem Start von Fr1da im Februar 2015 wurden in Bayern mehr als 220.000 Kinder auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes getestet – nicht in spezialisierten Zentren, sondern über die reguläre kinderärztliche Versorgung. Insgesamt beteiligten sich 716 niedergelassene Kinderärzt:innen. Damit liefert Fr1da einen der bislang umfangreichsten Belege dafür, dass ein Screening auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes in der allgemeinen Kinderarztpraxis dauerhaft umsetzbar ist.
Nachweis von Inselautoantikörpern im Labor
Für das Screening wird in der Kinderarztpraxis eine kleine Blutprobe entnommen und im Labor auf Inselautoantikörper untersucht. Von einem frühen Stadium sprechen die Forschenden, wenn mindestens zwei verschiedene Inselautoantikörper in zwei aufeinanderfolgenden Blutproben bestätigt werden. In Stadium 1 sind die Blutzuckerwerte noch unauffällig, in Stadium 2 zeigen sich erste Störungen des Zuckerstoffwechsels. Erst Stadium 3 entspricht dem klinisch manifesten Typ-1-Diabetes, bei dem die Gabe von Insulin erforderlich ist.
0,3% der getesteten Kinder zeigen Frühstadium
Beim ersten Screening wurde bei 590 Kindern ein frühes Stadium von Typ-1-Diabetes festgestellt – das entspricht etwa 0,3% der untersuchten Kinder. Im weiteren Verlauf entwickelten 212 dieser Kinder einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3. Das entspricht 81% der Kinder, die später einen klinischen Typ-1-Diabetes entwickelten. Nach fünf Jahren lag die Wahrscheinlichkeit, vom Frühstadium in den klinischen Typ-1-Diabetes überzugehen, bei 36,2%.
Meist keine familiäre Vorbelastung vorliegend
Kinder mit einem Verwandten ersten Grades mit Typ-1-Diabetes haben zwar ein erhöhtes Risiko, die Erkrankung zu entwickeln. Dennoch hat die Mehrheit der Kinder, die einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln, keine familiäre Vorbelastung. Daher sollte sich das Screening nicht auf Kinder mit familiärem Risiko beschränken. Zudem beobachteten die Forschenden nach Diagnose eines Frühstadiums keinen Unterschied im Krankheitsverlauf zwischen Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung. „Diese Daten zeigen, dass ein Screening in der breiten Bevölkerung sinnvoll ist“, sagt Dr. Christiane Winkler, die das Fr1da-Team bei Helmholtz Munich leitet und Erstautorin der Studie ist. „Wenn wir nur Kinder mit familiärer Vorbelastung testen, übersehen wir den größten Teil der Kinder, die später einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln.“
Krankheitsprozess beginnt bereits mit Einsetzen der Autoimmunität
Eine neue Erkenntnis ist, dass die Erkrankung über alle Stadien hinweg mit einer vergleichbaren Rate fortschreitet. Bei Kindern im Stadium 1 oder 2 betrug die jährliche Progression in weiter fortgeschrittene Stadien rund 20%. „Dies ist der erste belastbare Hinweis darauf, dass der Krankheitsprozess in der Bauchspeicheldrüse bereits mit Einsetzen der Autoimmunität beginnt – und könnte unseren Ansatz für den optimalen Zeitpunkt therapeutischer Interventionen grundlegend verändern", sagt Prof. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich und Studienleiterin.
Zweites Screening identifiziert weitere Fälle
Auch ein zweites Screening erwies sich als wichtig. Bei mehr als 11.700 zunächst unauffälligen Kindern wurde der Test etwa drei Jahre später wiederholt. Dabei wurden 29 weitere Kinder mit einem Frühstadium identifiziert. Das bedeutet, dass durch das erneute Screening nahezu genauso häufig neue Fälle entdeckt wurden wie beim ersten Test. „Einige Kinder entwickeln Inselautoantikörper erst etwas später im Kindesalter“, erklärt Dr. Winkler. „Deshalb empfehlen wir eine zweite Testung nach einigen Jahren.“
Familien erhalten Begleitung und regelmäßige Kontrollen
Für Familien bedeutet ein positives Screening nicht, dass das Kind sofort Diabetes-Symptome hat oder Insulin benötigt. Die Familien erhalten Informationen, Schulungen und Zugang zu spezialisierten Diabeteszentren. Dort wird mit Hilfe eines oralen Glukosetoleranztests geprüft, wie stabil der Stoffwechsel des Kindes noch ist. Danach folgen regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Ziel ist es, den Übergang in einen Typ-1-Diabetes in Stadium 3 frühzeitig zu erkennen und eine diabetische Ketoazidose möglichst zu verhindern. „Die Fr1da-Studie hat maßgeblich dazu beigetragen, das Screening auf Typ-1-Diabetes in der Allgemeinbevölkerung zu erforschen“, sagt Anne Koralova, Program Officer beim Helmsley Charitable Trust. „Wir unterstützen Fr1da, weil eine frühzeitige Diagnose die langfristige gesundheitliche Entwicklung verbessert.“
Die Fr1da-Daten sind auch für neue Präventionsstrategien relevant. Krankheitsmodifizierende Therapien, also Behandlungen, die den Verlauf der Erkrankung beeinflussen und den Übergang in ein Typ-1-Diabetes Stadium 3 verzögern können, setzen eine frühe Diagnose voraus. Zugleich zeigen die Daten, wie schnell Kinder von einem Stadium ins nächste übergehen – eine wichtige Grundlage für künftige Studien.
Integration in die Regelversorgung als langfristiges Ziel
Langfristig zielt Fr1da darauf ab, die Früherkennung in die Regelversorgung zu integrieren. „Die Studie zeigt, dass der Krankheitsprozess bei Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung vergleichbar verläuft. Das bedeutet zum einen, dass ein Screening in der Allgemeinbevölkerung praktikabel ist. Zum anderen, dass Therapien, die in einer Gruppe wirksam sind, voraussichtlich auch in der anderen wirksam sein werden“, sagt Prof. Ziegler. „Unser Ziel ist es, dass ein solches Screening künftig allen Kindern angeboten wird – und nicht nur ausgewählten Risikogruppen.“
Quelle:Helmholtz Zentrum München Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Literatur:
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Winkler et al. (2026): Screening Children for Early-Stage Type 1 Diabetes. JAMA. DOI: 10.1001/jama.2026.6085