Lipodystrophie – eine unterschätzte Differenzialdiagnose in der Diabetologie
Lipodystrophien sind seltene, oft verkannte Erkrankungen mit schwerem metabolischem Phänotyp. Betroffene werden häufig in der diabetologischen Praxis vorstellig. Der selektive Verlust subkutanen Fetts führt über Leptinmangel und Lipotoxizität zu extremer Insulinresistenz, früher Diabetesmanifestation und schwerer Hypertriglyceridämie. Beim Kongress der Deutschen Diabetes-Gesellschaft 2026 stellte Prof. Dr. Martin Heni, Universitätsklinikum Ulm, Klassifikation, Pathophysiologie und klinische „Red Flags“ vor. Bei einer Diskrepanz zwischen Habitus und metabolischer Symptomatik sollte auch an eine Lipodystrophie gedacht werden, denn eine frühzeitige, differenzialdiagnostisch fundierte Abklärung ermöglicht eine zielgerichtete Therapie und verbessert die Prognose.
Heterogene Erkrankungsgruppe mit genetischer und erworbener Ätiologie
Lipodystrophien umfassen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, deren gemeinsames Merkmal der partielle oder generalisierte Verlust von subkutanem Fettgewebe ist – unabhängig vom Körpergewicht. Entscheidend: Fettverlust ist nicht gleichbedeutend mit Gewichtsverlust; Betroffene können norm- oder übergewichtig sein. Die Klassifikation unterscheidet generalisierte von partiellen sowie jeweils kongenitale von erworbenen Formen [1]. Klinisch bedeutsam sind vor allem die kongenitale generalisierte Lipodystrophie (CGL) mit Fettverlust am gesamten Körper und die häufigere familiäre partielle Lipodystrophie (FPLD) mit selektivem Fettverlust vor allem an den Gliedmaßen [2]. Basierend auf Allelfrequenzdaten häufiger LMNA-Varianten wird die FPLD-Prävalenz auf 19-30 pro Millionen Einwohner:innen geschätzt, so dass man in Deutschland von 1.600 bis 2.500 FPLD-Betroffenen ausgehen kann [3].
Pathophysiologie: Lipotoxizität als zentraler Mechanismus
Das fehlende oder funktional veränderte Fettgewebe kann Triglyzeride nicht adäquat speichern. Freie Fettsäuren lagern sich ektop in Leber, Skelettmuskulatur und Pankreas ab und induzieren Lipotoxizität. Parallel sistiert die Leptin-Produktion, was die hypothalamische Energie- und Glukoseregulation nachhaltig stört [4]. „Die metabolischen Konsequenzen sind zum Teil gravierend: extreme Insulinresistenz, früh manifestierender Diabetes mellitus mit entsprechend hohem Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen, schwere Hypertriglyceridämie mit Pankreatitis-Risiko sowie metabolisch assoziierte Steatohepatitis (MASH)“, erläuterte Heni.
Red Flags und Differenzialdiagnosen
Heni empfahl, bei folgenden klinischen Warnsignalen an eine Lipodystrophie zu denken:
schwere Hypertriglyceridämie ohne anderweitige Erklärung
schwere Insulinresistenz u.a. bei schlanken Patient:innen
früher (vor dem 45. Lebensjahr) „Typ-2“-Diabetes
ungewöhnliche Fettverteilungsmuster („Patient:in sieht komisch / ungewöhnlich aus“)
Acanthosis nigricans als Zeichen extremer Hyperinsulinämie
Differenzialdiagnostisch sind metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes, Latenter Autoimmundiabetes bei Erwachsenen (LADA), Hyperkortisolismus, familiäre Hypertriglyceridämie und Akromegalie abzugrenzen. Der diagnostische Pfad umfasst laut Heni klinische Untersuchung, Labordiagnostik zum Ausschluss häufigerer Differenzialdiagnosen, ggf. genetische Testung und die Vorstellung in einem spezialisierten Zentrum.
Eine gezielte Behandlung ist mit der Leptin-Ersatztherapie Metreleptin (Myalepta®) möglich – in Kombination mit einer Diät die bislang einzige spezifische zugelassene Behandlungsoption bei Lipodystrophie. Durch frühe Intervention lässt sich die Prognose der Betroffenen deutlich verbessern, unter anderem hinsichtlich metabolischer Kontrolle (signifikante Senkung von HbA1c, Triglyceriden, Transaminasen und HDL-Werten) und Pankreatitis-Prävention.
Quelle:Chiesi
Literatur:
- (1)
Rodríguez-García C et al., Nutrients 2022;14:4742.
- (2)
Gupta N et al., J Clin Endocrinol Metab 2017;102(2):363–374.
- (3)
Akinci B et al., Diabetes 2024;73(7):1039–1042.
- (4)
Varela L & Horvath T, EMBO Rep 2012;13(12):1079-86.