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Medizin

Cushing-Syndrom bleibt oft lange unentdeckt

Etwa vier von 100.000 Menschen in Deutschland leiden am endogenen Cushing-Syndrom, einer seltenen hormonellen Störung. Ursache für dieses Syndrom ist eine dauerhaft erhöhte Produktion des Hormons Cortisol. Das Tückische: Die Krankheit entwickelt sich schleichend. Typische Anzeichen sind eine starke Gewichtszunahme am Rumpf, Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose oder depressive Verstimmungen. „Weil ähnliche Beschwerden auch im Rahmen anderer Erkrankungen auftreten, bleibt das Cushing-Syndrom oft lange unentdeckt“, erklärt Dr. med. Linus Haberbosch von der Medizinischen Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechselmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Mitautor der Übersichtsarbeit, die im Journal Das Gesundheitswesen erschienen ist [1].

„Bei seltenen Erkrankungen zählt jeder Tag: Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser lassen sich schwere Komplikationen und eine erhöhte Sterblichkeit vermeiden“, betont Dr. Haberbosch. Neben seltenen Erkrankungen betrifft die eingeschränkte endokrinologische Versorgung auch häufiger auftretende Erkrankungen wie Nebennieren- und Hypophysentumoren, Osteoporose und metabolische Störungen wie Diabetes.

Wenige Fachärzt:innen und kaum Lehrstühle

Ein zentrales Ergebnis der Arbeit: In Deutschland gibt es im europäischen Vergleich besonders wenige Endokrinolog:innen. Während in Frankreich 3,52 Endokrinolog:innen auf 100.000 Einwohner:innen kommen, sind es in Deutschland nur 0,81. Und nur sieben der insgesamt 37 staatlichen medizinischen Fakultäten hierzulande haben eine eigenständige Klinik für Endokrinologie und Diabetologie.

Die Folge: Cushing-Syndrom-Patient:innen etwa warten im Schnitt vier Jahre auf die gesicherte Diagnose. International liegt dieser Wert bei 2,8 Jahren. „Vier Jahre sind für eine lebensbedrohliche Erkrankung eine sehr lange Zeit. Im Schnitt konsultieren Betroffene 4,6 verschiedene Ärzt*innen, bevor die Ursache erkannt wird“, so Dr. Haberbosch.

„Diese Lücke wirkt sich gerade bei seltenen Erkrankungen entsprechend negativ aus – denn gerade bei diesen Krankheiten sind Spezialwissen, Erfahrung und interdisziplinäre Koordination besonders entscheidend“, sagt Dr. Haberbosch. Die Autor:innen unterstreichen, dass Endokrinolog:innen eine Schlüsselrolle in Diagnostik, Therapieentscheidung und Langzeitbetreuung einnehmen.

DGE fordert strukturelle Stärkung der Endokrinologie

Aus Sicht der DGE sind die Ergebnisse der Untersuchung ein Warnsignal: Seltene endokrinologische Erkrankungen bräuchten verlässliche Strukturen, damit Diagnosen schneller gestellt und Therapien koordiniert eingeleitet werden könnten.

„Um eine bedarfsgerechte Versorgung für die Bevölkerung sicherzustellen, sind mindestens zwei bis vier Endokrinolog*innen pro 100.000 Einwohner nötig“, sagt Prof. Dr. rer. nat. Jan P. Tuckermann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE) und Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie und Physiologie an der Universität Ulm. „Dafür sind klare gesundheitspolitische Maßnahmen notwendig: Die Endokrinologie muss strukturell gestärkt werden, damit seltene und häufige hormonelle Erkrankungen früh erkannt und gezielt behandelt werden können.“

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Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e.V.

Literatur:

(1)

Haberbosch L. et al. Verbesserungswürdige Versorgungslage bei seltenen endokrinologischen Erkrankungen in Deutschland am Beispiel des endogenen Cushing-Syndroms. Das Gesundheitswesen (2026). DOI: 10.1055/a-2776-2466