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11. April 2020 Karriere mit chronischer Erkrankung: Wie die eigene Leidensgeschichte anderen helfen kann

Nach langer Krankheitsgeschichte steht Marlen Richter vor einer beruflichen Neuorientierung. Passion verfolgen oder neue Wege gehen? Wie die schwierige Entscheidung zu einer persönlichen Erkenntnis führte und wie ihr eigener Leidensweg nun dabei hilft, anderen zu helfen, erzählt die junge Frau im gemeinsamen Gespräch.

Kein Einzelfall: Chronisch krank am Arbeitsplatz

In einer Studie des Robert Koch Instituts aus dem Jahr 2012 gaben 43 % der Frauen und 38 % der Männer an, von mindestens einer chronischen Krankheit betroffen zu sein. Dazu zählen vor allem Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen - tausende Erwerbstätige, die sich Tag ein Tag aus mit Herausforderungen konfrontiert sehen, die für gesunde Menschen nicht existieren. Für das Arbeitsleben heißt das zudem, mit dem Vorurteil leben zu müssen, nicht belastbar zu sein und überdurchschnittliche Fehlzeiten zu haben. Chronisch Erkrankte stehen damit nicht selten vor der Entscheidung, offen mit der Krankheit umzugehen oder das eigene Schicksal so gut es eben geht vor Kollegen zu verbergen. Doch wie stellt sich Betroffenen jene Frage, wenn es der eigene Beruf ist, andere Kranke zu pflegen?

In dieser Situation fand sich auch die 37-jährige Marlen Richter wieder. Als examinierte Altenpflegerin arbeitete sie 13 Jahre mit Demenzkranken und begleitete viele Menschen auf ihrem letzten Weg. Aufgrund ihrer eigenen Erkrankung, Morbus Crohn, entschließt sie sich 2017 zu einer Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen, nachdem sie sich bereits im Jahr 2005 als Praxisanleiterin und 5 Jahre später zur gerontopsychiatrischen Fachkraft ausbilden lassen hatte. Ihr Ziel: Noch tiefer in die rechtlichen Abläufe des Gesundheitswesens eintauchen und Menschen weiterhin mit ihrer Empathie und jahrelangen beruflichen Erfahrung fernab der stationären Pflege unterstützen. So findet Marlen Richter ihren Weg zu patient+, einem Unternehmen mit dem Fokus auf Patientenmanagement-Programme und Geschäftszweig der good healthcare group. Dort arbeitet sie seit April 2019 als Nurse und betreut Patienten bei der Durchführung ihrer Adhärenzprogramme. Im Rückblick schildert die gebürtige Görlitzerin, wie sich ihr beruflicher Alltag veränderte und welches besondere Fingerspitzengefühl sie gegenüber Patienten, dank ihrer eigenen Leidensgeschichte, entwickelte.

Start einer Reise: Mit Vertrauen und Empowerment die gemeinsamen Wege meistern

Die Alzheimer-Erkrankung ihrer Großmutter gibt Marlen schon früh Einblicke in die Pflege. Schnell wird klar, dass sie später auch beruflich Betroffene unterstützen möchte. In einem freiwilligen sozialen Jahr, das die junge Marlen nach ihrem Schulabschluss in der Altenpflege absolviert, zeigt sich, dass sie ihren Traumjob tatsächlich gefunden hat. Ein Ausbildungsplatz als Altenpflegerin in Berlin machte die Hauptstadt zum neuen Lebensmittelpunkt - sowohl für die Arbeit als auch die Liebe.

Die eigene Familiengeschichte und ihre empathische und ruhige Art ermöglichten ihr damals schnell den wichtigen Zugang zu den Betroffenen. Marlen wächst mit ihren Aufgaben. Jedoch fordert die Sterbebegleitung sie immer wieder aufs Neue heraus. Die anspruchsvolle und nicht selten traurige Arbeit wird allerdings auch durch besonders schöne Erlebnisse belohnt: "Vor allem die klaren Momente der Betroffenen, in denen ich die Familien dazu geholt habe, oder die Begleitung der Azubis in der Gerontopsychiatrie, haben mir Kraft für die Ausführung des Jobs gegeben." Trotz herzlicher Belohnung machen der Tagesablauf, die Routine und das Schichtsystem Marlen zu schaffen. Sowohl die im Jahr 2003 diagnostizierte Morbus Crohn Erkrankung als auch ihre Schuppenflechte erfordern ganz besondere Aufmerksamkeit, die ihr Job wiederum nicht zulässt.

Von Hürden und einem Neustart: Aus Missständen wird eine persönliche Chance

Für die Behandlung ihrer Krankheitssymptome muss Marlen diverse Medikamente nehmen, wodurch sie anfällig für Infekte ist. Dieser Umstand macht vor allem die Arbeit in der stationären Pflege problematisch. Die erhöhte Ansteckungsgefahr und die überdurchschnittlichen Fehlzeiten fordern eine berufliche Veränderung - nicht nur um ihren Körper zu schonen, sondern auch, um für ihre kleine Familie da sein zu können. Mit einem starken Krankheitsschub im Winter 2013 wurde die Entscheidung unausweichlich: Marlen konnte in ihrem Beruf nicht mehr arbeiten - zumindest nicht in dieser Form. Zu riskant schienen die gesundheitlichen Folgen für sie selbst. Versperrte die eigene Autoimmunerkrankung nun den weiteren Karriereweg? Mit Hilfe einer Humira-Therapie, die sie im Dezember 2014 begann, eröffneten sich ihr jedoch neue Möglichkeiten.

Die jahrelange berufliche Expertise und auch ihre chronische Krankheit, machten sie zur perfekten Kandidatin für die Beratung von Menschen, die andere gesundheitliche Leiden haben. Mit dieser Zuversicht sah sie ihre Krankheit nicht bloß als Missstand, sondern als persönliche Chance. Optimistisch in die Zukunft zu sehen - für Marlen nicht erst seit dieser schwierigen Zeit der Schlüssel sowohl im privaten als auch beruflichen Leben. "Nachdem auch mein Arzt diagnostiziert hat, dass ich so nicht weiterarbeiten kann, war die Arbeit im sozialen Bereich die perfekte Alternative für mich. Meine Gutachterin schlug mir vor, chronisch Erkrankte zu beraten. Daraufhin habe ich im Internet recherchiert und bin auf die good healthcare group gestoßen. Nach meiner IHK Prüfung zur Kauffrau im Gesundheitswesen im letzten Jahr war mir klar, dass ich als Nurse bei patient+ arbeiten möchte."

Chronisch krank und erfolgreich im Job: Wie lässt sich das vereinen?

Der berufliche Neustart als Nurse bei patient+ kombiniert Marlens Expertise mit ihren persönlichen Anforderungen. So kann sie den Patienten über den gewünschten Kanal wie Telefon, E-Mail oder Video-Anruf die nötige Unterstützung geben, muss aber nicht vor Ort sein und sich einer möglichen Ansteckung aussetzen. Zudem kann sie sich die Patientengespräche frei einteilen und ist nicht unerwartetem Zeitstress ausgesetzt. Manchmal finden die Gespräche im Wochen-Rhythmus statt, andere nur einmal im Monat, bei akuten Erkrankungen bis zu zweimal die Woche. Neben der Beziehung zu den Patienten wird der regelmäßige Kontakt zu den Ärzten gewährleistet, sodass Änderungen im Therapieplan gemeinsam besprochen werden können. Ihr Alltag ist nun immer noch gezeichnet von Begegnungen, die Marlen nie vergessen wird. "Ich erinnere mich noch sehr gerne an meine allererste Patientin, mit der ich tatsächlich bis heute noch telefoniere - obwohl es ihr eigentlich schon besser geht. Es ist einfach toll zu sehen, wie sie sich entwickelt hat."

Das allerwichtigste an der Arbeit ist jedoch, dass Marlen sich gut in die Situation der Menschen hineinversetzen kann, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen, da sie den Zustand aus eigener Erfahrung kennt. Dabei geht es nicht nur um die Krankheit selbst, auch der Alltag und der Umgang mit der Familie sind Themen, die die Patienten beschäftigen. Die psychologische Komponente spielt bei diesen Gesprächen somit eine große Rolle. Bei patient+ erkennt Marlen exakt die Bedürfnisse, die zur Genesung der Patienten beitragen und kann diese befriedigen.

"Traut euch!" - Der Appell an chronisch kranke Menschen

Die Diagnose einer chronischen Erkrankung ist ein Schock - die Welt der Betroffenen steht Kopf. Wie jeder andere Lebensaspekt verändert sich unter Umständen auch die Möglichkeiten einem Job nachzugehen, von dem man schon immer geträumt hat. Doch eine gute Nachricht möchte Marlen Richter an die Betroffenen senden: "Es gibt Orte, an denen Menschen mit Leidensgeschichten wie meiner gebraucht werden, um anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen. Meistens geht es nur am Anfang eines Gesprächs um die Erkrankung, hört man etwas länger zu wird klar, dass mehr dahintersteckt. Ein offenes Ohr für kleine Erlebnisse aus dem Alltag der Betroffenen, das gegenseitige Verstehen und damit auch die psychische Verfassung der Erkrankten, haben großen Einfluss auf den Verlauf einer Krankheit."

Für die Zukunft wünscht Marlen sich für ihr Berufsfeld ein Programm, was unabhängig vom Medikament berät und eine ganzheitliche Therapie bietet, die auch psychologische Aspekte berücksichtigt. Auch eine gute Vernetzung zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Selbsthilfegruppen trägt zu einer schnelleren Genesung bei. Ihren Patienten wünscht sie weiterhin Mut, offen über ihre Erkrankung zu sprechen und sich dafür nicht zu schämen. "Es ist wichtig auch diesen Teil von sich zu akzeptieren. Nur so kann für das Privatleben und eben auch für den beruflichen Werdegang, das Beste für sich und andere herausgeholt werden."

good healthcare group


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