Ketamin gegen Depressionen? Das sollten Sie wissen
Mit professioneller Hilfe sind Depressionen in der Regel gut behandelbar. Zur Therapie kommen Psychotherapie und Medikamente infrage – je nach Schweregrad und Phase der Erkrankung einzeln oder in Kombination. Es gibt aber auch Patient:innen, bei denen Medikamente und Therapie zunächst keine Besserung bringen. Für diese auch als therapieresistent bezeichneten Depressionen können alternative Behandlungsansätze eingesetzt werden. Eine Option ist das auch als illegale Partydroge bekannte Ketamin.
Esketamin seit Ende 2023 ambulant zugelassen
Ketamin wurde ursprünglich als Narkose- und Schmerzmittel entwickelt und wird bis heute in der Medizin eingesetzt. Seit Ende 2023 ist die Variante Esketamin in Deutschland auch zur ambulanten Behandlung von Depressionen zugelassen. In der Regel wird das Medikament in Form eines Nasensprays eingenommen.
Aufklärung über Herkunft und Risiken wichtig
Als Antidepressivum wird Esketamin laut Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, in deutlich geringerer Dosierung eingesetzt als in der Notfallmedizin – etwa ein Drittel der dort üblichen Menge. In dieser niedrigen Dosis führt das Medikament nicht zu einer Narkose oder Anästhesie.
„Wir klären ganz klar darüber auf, dass das ein Medikament ist, das nicht ursprünglich für Depressionen entwickelt wurde, sondern aus der Narkosemedizin kommt", sagt Matthias Knop, Oberarzt am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Patienten sollten über mögliche Gewöhnungseffekte, dissoziative Erfahrungen und das Missbrauchspotenzial informiert werden.
Glutamatsystem statt Serotonin-Botenstoffe
Während herkömmliche Antidepressiva laut Andreas Reif, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist, überwiegend auf Serotonin- oder Noradrenalin-Botenstoffe wirken, spricht Esketamin das Glutamatsystem des Gehirns an. Indem Ketamin bestimmte Glutamat-Rezeptoren (NMDA-Rezeptoren) blockiert, verändert es die Kommunikation zwischen Nervenzellen und setzt eine Reihe von Reaktionen in Gang, die die Verknüpfung und Plastizität von Nervenzellen verbessern können.
Wirkung bereits nach einer Anwendung möglich
Ein zentraler Unterschied von Esketamin zu klassischen Antidepressiva ist deshalb auch die Dauer bis zur einsetzenden Wirkung. „Bei Esketamin ist es häufig schon so, dass es nach nur einer Anwendung zu einer vorübergehenden Stimmungsaufhellung kommt", sagt Andreas Reif, der auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist. Klassische Antidepressiva hingegen benötigen in der Regel drei bis vier Wochen, bis sich möglicherweise eine spürbare Wirkung zeigt.
Zu Beginn kann die Wirkung von Esketamin laut Reif jedoch nur kurz anhalten, sodass es mehrfach verabreicht wird – typischerweise zweimal pro Woche über vier Wochen, bevor das Intervall allmählich verlängert wird. Nach drei bis vier Wochen stabilisiere sich die Stimmung in der Regel überdauernder, so Reif.
Voraussetzung: Zwei Therapieversagen
Ketamin wird zur Behandlung von schweren Depressionen nur nach sorgfältiger medizinisch-psychologischer Abklärung eingesetzt. Ketamin würde „in Kombination mit anderen psychiatrischen Behandlungen, Psychotherapie und innerhalb eines Gesamtbehandlungsplans verabreicht", so Andreas Reif. Voraussetzung ist in der Regel, dass die Patientin oder der Patient auf mindestens zwei unterschiedliche Therapien mit Antidepressiva nicht angesprochen hat. Unter Umständen kann es auch zur kurzfristigen Notfallbehandlung schwerer Depressionen zum Einsatz kommen.
Wie bei vielen anderen Wirkstoffen müsse die Behandlung individuell getestet werden, so Knop. Es gibt derzeit keinen medizinischen Messwert, der zuverlässig vorhersagt, ob und auf welches Antidepressivum Patient:innen ansprechen.
Nicht geeignet bei Wahn oder Sucht
Nicht geeignet ist die Therapie für Menschen mit wahnhaften Depressionen oder Suchterkrankungen. Zwar ist das Suchtpotenzial nicht vergleichbar mit Alkohol oder starken Drogen. Aber: „Es kann passieren, dass Patienten den rasch einsetzenden Effekt vermissen, wenn das Medikament abgesetzt wird", so Knop.
Das Arzneimittel darf in Deutschland nur eine Psychiaterin oder ein Psychiater verschreiben. Dafür erfolgt ein ausführliches fachärztliches Vorgespräch zur Klärung der Indikation und möglicher Kontraindikationen.
Medizinische Überwachung erforderlich
Der Wirkstoff wird als Spray in die Nase gesprüht. Esketamin wird laut Reif in der Klinik oder Arztpraxis angewendet. Das Nasenspray verabreicht sich der Patient oder die Patientin selbst, wird dabei aber medizinisch überwacht. Beim ersten Mal erfolgt meist eine einstündige Beobachtung, später genügt es, wenn eine medizinische Fachkraft in Rufweite ist.
Denn Esketamin kann unter anderem Blutdruck und Puls erhöhen, weshalb diese Werte während der Behandlung überwacht werden. Gelegentlich treten Kopfschmerzen oder Schwindel auf. Typisch ist ein vorübergehender dissoziativer Zustand, in dem sich Betroffene außerhalb ihres Körpers fühlen oder Eindrücke intensiver wahrnehmen. „Diese Effekte sind harmlos und gehen nach ein bis zwei Stunden vorbei, können aber kurzfristig Angst auslösen", so Reif.
„In Deutschland ist Esketamin nur in Kombination mit anderen Antidepressiva zugelassen„, erklärt Andreas Reif. Die Behandlung sollte regelmäßig wiederholt werden, um depressive Episoden langfristig zu verhindern. „Es ist nicht so, dass eine vierwöchige Anwendung die Depression dauerhaft heilt.“
Wirkung lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten
Matthias Knop beschreibt es so: „Ich kann damit jemanden innerhalb von Minuten bis Stunden aus der Depression holen, aber die Wirkung lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten." Dauerhafte Infusionen seien nicht möglich, und es drohen Gewöhnung, Abhängigkeit und Nebenwirkungen.
Trotz offener Fragen gilt Esketamin laut Reif heute als sichere und gut erforschte Therapie. Wichtig sei, dass die Behandlung von einem erfahrenen Arzt durchgeführt und als Kassenleistung verschrieben wird – alles andere sei fragwürdig.
Häufig gestellte Fragen zum Thema Ketamin bei Depressionen
dpa