Freitag, 19. August 2022
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Medizin

Wie Mangelernährung bei Intensivpatient:innen behandelt wird

Wie Mangelernährung bei Intensivpatient:innen behandelt wird
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Viele Patient:innen haben bereits bei Aufnahme auf die Intensivstation eine Mangelernährung, weitere entwickeln diese während ihres Aufenthalts im Krankenhaus. Wie Studien zeigen, hat der Ernährungsstatus dabei sowohl prognostische als auch therapeutische Relevanz. Doch wer gilt als mangelernährt, beziehungsweise wer ist ausreichend mit Nährstoffen versorgt? In einem aktuellen Positionspapier zeigen Intensiv- sowie Ernährungsmediziner:innen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) apparative Untersuchungsmöglichkeiten auf, mit denen sich Risikopatient:innen auf der Intensiv- oder Intermediate Care Station identifizieren lassen.

Positionspapier zur Mangelernährung ergänzt Leitlinie „Klinische Ernährung in der Intensivmedizin“

Das Positionspapier bildet eine wichtige Ergänzung der Leitlinie „Klinische Ernährung in der Intensivmedizin“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM). Die meisten der Autori:nnen sind auch Mitglieder der DGEM. Laut der Fachgesellschaft unterstreicht das Positionspapier erneut die Notwendigkeit einer systematischen Erfassung und Verlaufsbeurteilung des Ernährungsstatus.

Mangelernährung in industriellen Ländern oft unterschätzt

Die westlichen Gesellschaften sind insgesamt eher überernährt, das Risiko einer Mangelernährung wird daher oft unterschätzt. In Studien zeigt sich jedoch deutlich, wie wichtig ein guter Ernährungszustand für die Genesung sein kann. So haben kritisch kranke Patient:innen ein rund doppelt so hohes Sterberisiko, wenn sie bei Aufnahme auf der Intensivstation mangelernährt sind. „Eine Mangelernährung kann sich dabei nicht nur als Untergewicht bemerkbar machen, sondern auch als ungewollte, krankheitsbedingte Gewichtsabnahme, als Verlust von Muskelmasse oder als verminderte Energie- oder Proteinaufnahme“, sagt Prof. Dr. med. Arved Weimann von der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie am Leipziger Klinikum St. Georg, der das DIVI-Positionspapier als DGEM-Experte federführend mitverfasst hat. Auch ein erhöhter Energie- und Proteinverbrauch sowie der Verbrauch von Vitaminen und Spurenelementen – etwa bei akuten schweren Entzündungen, Verbrennungen oder Verletzungen – kann zu einem Zustand der Mangelernährung führen.
 
 

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Erfassung des Ernährungsstatus bei Intensivpatient:innen oft herausfordernd

Gerade bei Intensivpatient:innen ist der Ernährungsstatus jedoch oftmals nicht leicht zu erfassen. Nicht jede:r Patient:in ist mobil genug, um ihn auf eine Waage zu stellen oder zu setzen, Bettwaagen stehen oft nicht zur Verfügung. Weil viele Betroffene zudem nicht ansprechbar sind, lassen sich auch die Ernährungsgewohnheiten oder die Gewichtsentwicklung der vergangenen Wochen nicht immer abfragen. „Oft stehen zunächst – und zurecht – auch akut lebenserhaltende Maßnahmen im Vordergrund der Behandlung“, sagt Prof. Dr. med. Gunnar Elke von der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, der gemeinsam mit Weimann als korrespondierender Autor des Positionspapiers firmiert.

Ernährungsscreening auch bei Intensivpatient:innen so früh wie möglich

Dennoch sollte ein erstes Ernährungsscreening so bald wie möglich erfolgen, indem beispielsweise auch Begleitpersonen zur Ernährungs- und Gewichtsentwicklung der Erkrankten befragt werden. Die Verfügbarkeit einer Stuhl- oder Bettwaage bezeichnen die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers als obligat – schließlich sei die Bestimmung des aktuellen Körpergewichts auch für andere therapeutische Maßnahmen, etwa die Medikamentendosierung, wichtig.
 
 

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BMI bei Ernährungsstatus allein nicht aussagekräftig

Allein der Body-Mass-Index (BMI) führe jedoch leicht zu Fehlschlüssen in Bezug auf den Ernährungsstatus, da Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe gerade bei Intensivpatient:innen häufig sind und einen Mangel maskieren können. Die Autoren empfehlen daher flankierende Untersuchungen, etwa die Messung von Unterhautfettgewebe, Ödemen, Muskelmasse und Muskelkraft. „Die Muskelmasse lässt sich auch an immobilen Patient:innen leicht und kostengünstig per Ultraschall am Oberschenkel messen“, sagt Weimann. Für den Fall, dass ohnehin eine Computertomographie angefertigt werde, solle dabei auch die Muskulatur im Bauchbereich miterfasst und vermessen werden. Darüber hinaus werde auch eine Messung der Handkraft mithilfe eines Dynamometers empfohlen.

Wie wird Mangelernährung bei Intensivpatient:innen behandelt

Wenn sich bei diesen Untersuchungen ein erhöhtes Ernährungsrisiko abzeichnet, sollten die Patient:innen gezielt ernährungsmedizinisch betreut werden. „Eine aggressive Kalorienzufuhr wird dabei nicht mehr empfohlen, vielmehr wird die Nährstoffzufuhr an die individuelle Toleranz von Verdauungsapparat und Stoffwechsel angepasst, genau überwacht und nur langsam gesteigert“, betont Prof. Dr. oec. troph. Dr. med. Anja Bosy-Westphal, Leiterin der Abteilung Humanernährung an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel und Präsidentin der DGEM. Um die weitere Entwicklung zu bewerten, solle mindestens 2x pro Woche das Körpergewicht und mindestens 1x pro Woche die Körperzusammensetzung – mithilfe von Ultraschall oder Bioimpedanzanalyse – sowie die Handkraft gemessen werden.

Präventivmaßnahmen auch bei Intensivpatient:innen ohne auffälligem Ernährungsstatus

Dieselben Maßnahmen sollten präventiv auch bei Patient:innen ohne auffälligen Ernährungsstatus ergriffen werden, falls zu erwarten ist, dass sie länger als 7 Tage auf der Intensivstation bleiben. „Denn allein dadurch ist das Ernährungsrisiko bereits deutlich erhöht“, so Bosy-Westphal.

Quelle: DGEM



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