Immunglobulin-A-Mangel (IgA-Mangel): Häufigster Antikörpermangel mit meist mildem Verlauf
Dr. rer. nat. med. habil. Eva Gottfried und Nina HaußerDer Mangel an Immunglobulin A (IgA) ist ein häufiger primärer Immundefekt, der durch nicht nachweisbares IgA im Serum bei gleichzeitigem Mangel an sekretorischem IgA und normalen Werten anderer Immunglobuline gekennzeichnet ist.
Was ist ein IgA-Mangel?
Bei IgA-Mangel produziert der Körper zu wenig Immunglobulin A, das eine wichtige Rolle in der primären Immunantwort spielt. Der Antikörpermangel kann als selektive IgA-Defizienz (sIgAD) oder als Teil eines kombinierten Immundefekts auftreten. Bei einer selektiven IgA-Defizienz, oft auch als selektiver IgA-Mangel bezeichnet, produziert der Körper weniger IgA-Antikörper, während die Konzentration der anderen Klassen im Normbereich liegt. Er wird oft erst als Zufallsbefund entdeckt und steht im Zusammenhang mit Infektanfälligkeit, Autoimmunerkrankungen und Allergien. Viele Patient:innen bedürfen jedoch keiner speziellen Behandlung.
Wie häufig ist der IgA-Mangel und wer ist betroffen?
Der selektive IgA-Mangel (SIgAD) stellt die häufigste Form primärer Immundefekte in der westlichen Hemisphäre dar. Die Prävalenz variiert jedoch erheblich zwischen verschiedenen ethnischen Populationen und geografischen Regionen. In westlichen Ländern ist durchschnittlich etwa eine von 600 Personen betroffen, während sich in asiatischen Populationen deutlich niedrigere Inzidenzen von etwa einer von 4.000 bis 18.000 Personen zeigen.
Die regionale Verteilung diagnostizierter Fälle zeigt eine klare Konzentration in Europa und Nordamerika, während in Asien und Afrika weitaus weniger Patient:innen registriert sind. Diese Zahlen dürften die tatsächliche Prävalenz unterschätzen, da viele Betroffene asymptomatisch bleiben und etablierte Screeningprogramme für IgA-Mangel fehlen.
Wodurch wird der IgA-Mangel verursacht?
Die exakte Pathogenese des selektiven IgA-Mangels (SIgAD) ist noch nicht vollständig geklärt. Der heterogene Charakter der Erkrankung legt nahe, dass verschiedene ätiologische Faktoren beteiligt sein können. Eine familiäre Vererbung von SIgAD oder CVID (common variable immunodeficiency) tritt in etwa 20% der Fälle auf. Die ausgeprägte familiäre Clusterbildung sowie ein Vererbungsmuster, das mit einem autosomal-dominanten Erbgang vereinbar ist, weisen auf genetische Faktoren in der Pathogenese hin.
Was sind die Symptome eines IgA-Mangels?
Mehr als die Hälfte der Patient:innen mit IgA-Mangel ist asymptomatisch. Die Diagnose erfolgt häufig als Zufallsbefund im Rahmen anderer Erkrankungen oder bei Blut- und Plasmaspenden. Bei symptomatischen Patient:innen manifestiert sich die Erkrankung vorwiegend durch rezidivierende Infektionen, Autoimmunerkrankungen, allergische Erkrankungen und gastrointestinale Störungen.
Pulmonale Manifestationen: Rezidivierende sinopulmonale Infektionen stellen die häufigste klinische Manifestation dar. Etwa 40–90% der symptomatischen Patient:innen präsentieren sich initial mit Infektionen. Die Erreger sind überwiegend bekapselte Bakterien wie Haemophilus influenzae und Streptococcus pneumoniae.
Allergische Erkrankungen: Sie treten bei 25–50 % der Patient:innen auf und können die erste klinische Manifestation darstellen. Zu den häufigsten Manifestationen zählen allergische Rhinitis, Konjunktivitis, Urtikaria, Ekzeme, Nahrungsmittelallergien und Asthma.
Autoimmunerkrankungen: Die Prävalenz von Autoimmunerkrankungen variiert zwischen 5 und 30%. Zu den häufigeren Autoimmunerkrankungen zählen idiopathische thrombozytopenische Purpura, Morbus Basedow, autoimmunhämolytische Anämie, Typ-1-Diabetes mellitus, rheumatoide Arthritis, Thyreoiditis, systemischer Lupus erythematodes und Zöliakie.
Gastrointestinale Störungen: Die Zöliakie ist die häufigste gastrointestinale Manifestation. Weitere assoziierte Erkrankungen umfassen Giardiasis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und perniziöse Anämie.
Wie wird der IgA-Mangel diagnostiziert?
Die Diagnose des SIgAD basiert auf der Messung der IgA-Konzentration im Serum. Nach aktuellen Kriterien der European Society for Immunodeficiencies (ESID) wird SIgAD diagnostiziert bei:
Diagnosestellung nach dem 4. Lebensjahr
Nicht nachweisbarem Serum-IgA (nephelometrisch <0,07 g/l) bei mindestens zwei Messungen
Normalen IgG- und IgM-Spiegeln
Erhöhter Infektanfälligkeit, Autoimmunmanifestation und/oder betroffenen Familienangehörigen
Normalem IgG-Antikörperansprechen auf alle Impfungen
Ausschluss sekundärer Ursachen einer Hypogammaglobulinämie
Ausschluss eines T-Zell-Defekts
Obwohl bei Patient:innen das Serum-IgA nicht nachweisbar ist, kann in mukosalen Systemen noch ausreichend IgA für protektive Funktionen vorhanden sein, was die Asymptomatik vieler Betroffener erklärt.
Wie wird der IgA-Mangel therapiert?
Eine spezifische Therapie des IgA-Mangels existiert nicht. Die Behandlung richtet sich nach den Symptomen und deren Schwere. Viele Patient:innen benötigen keine spezielle Therapie. Häufig wird der Verlauf beobachtet und auftretende Infektionen symptomatisch, z.B. mit Antibiotika, behandelt. Einige junge Patient:innen entwickeln spontan normale IgA-Spiegel, während wenige zu einem common variable immunodeficiency (CVID) progredieren können.
Häufig gestellte Fragen zum Thema IgA-Mangel
Rund um das Thema IgA-Mangel stellen sich für Betroffene und Angehörige oft viele Fragen: zur Diagnose, zu Behandlungsmöglichkeiten, zu Nebenwirkungen oder zum Alltag mit der Erkrankung. In dieser Patient:innen-FAQ finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen.
Literatur:
- (1)
Yazdani R et al. (2016) Selective IgA Deficiency: Epidemiology, Pathogenesis, Clinical Phenotype, Diagnosis, Prognosis and Management, Scandinavian Journal of Immunology, DOI: 10.1111/sji.12499
- (2)
Hammarström L et al. (2000) Selective IgA deficiency (SIgAD) and common variable immunodeficiency (CVID), Clinical & Experimental Immunology, DOI: 10.1046/j.1365-2249.2000.01131.x
- (3)
Fasshauer M.: Selektive IgA-Defizienz – nicht selten, aber auch nicht banal., dsai e.V. Patientenorganisation für angeborene Immundefekte, abrufbar unter: https://www.dsai.de/fileadmin/user_files/fachartikel/dsai_NL29_2021_Fachartikel_igA-Mangel.pdf