Mittwoch, 24. April 2024
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Gesundheitspolitik

Digitale Kurzsichtigkeit der Kranken- und Altenpflege?

Digitale Kurzsichtigkeit der Kranken- und Altenpflege?
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Der wachsende Einsatz smarter Kontroll- und Monitoring-Tools in der Pflege entkoppelt diese zunehmend von ethisch-moralischen Erwägungen – das ist die Kernthese einer jetzt international veröffentlichten Analyse eines Wissenschaftlers der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems (Österreich). Die in Nursing Philosophy erschienene Argumentation legt den Rollenwandel, der sich für Pflegende durch digitales Monitoring und KI-basierende Entscheidungsprozesse ergibt, überzeugend dar: Pflegebedürftige als Menschen mit individuellen Bedürfnissen wahrzunehmen, könnte standardisierten, „smarten“ Entscheidungsprozessen zum Opfer fallen. Das Einbinden von Pflegepersonal in die Entwicklung von Kontrolltechnologien oder eine neue Definition des Pflegeberufs könnte aber Abhilfe schaffen.
Die digitale Kontrolle ist längst Alltag in der Pflege – und im Langzeitbereich erfasst sie viele Lebensbereiche: Vitalfunktionen werden genauso überwacht wie tägliche Aktivitäten und Verhaltensweisen. Sensoren an der Kleidung erfassen physiologische Daten – und solche im Boden das Geh- und Sturzverhalten. Smarte Matratzen informieren über Schlafrhythmen – und Türsensoren alarmieren, wenn jemand die Unterkunft verlässt. Zunehmend werden die erfassten Daten dabei integriert und von Künstlichen Intelligenzen (KI) auf Abweichungen von gewünschten Mustern hin analysiert. Doch wie wirkt sich der stetig wachsende Einsatz dieser digitalen Assistenten auf das aus, was im Englischen als „Nursing Gaze“ („pflegerischer Blick“) bezeichnet wird? Das hat nun Prof. Giovanni Rubeis, Leiter des Fachbereichs Biomedizinische Ethik und Ethik des Gesundheitswesens der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (KL Krems) weltweit erstmals analysiert.

Kreation eines Datendoubles

Der „pflegerische Blick“ beschreibt die Betrachtung des zu Pflegenden sowohl als individuelle Persönlichkeit als auch als Verkörperung einer medizinischen oder altersbedingten Bedürftigkeit. „Doch der stark gestiegene Einsatz digitaler Kontroll- und Monitoring-Tools verengt diesen Blick immer mehr auf quantifizierbare, standardisierte Werte“, argumentiert Prof. Rubeis. „Schmerzbeurteilung, Verlaufsprognosen und Behandlungsempfehlungen erfolgen zunehmend durch Algorithmen. Tatsächlich spricht Prof. Rubeis bereits von der Kreation des „Datendoubles“, also jener digitalen Repräsentation eines Pflegebedürftigen, die aus rein technischen Werten besteht. „Je mehr wir den Pflegebedürftigen hinter seinen Daten verstecken, desto mehr entkoppeln wir auch Entscheidungsprozesse über Maßnahmen von dessen individuellen Bedürfnissen“, merkt Prof. Rubeis an. „Und – bei allen Vorteilen, die diese Technologien natürlich auch bieten – Entscheidungen basieren dort auf Standard-Annahmen, die eben nicht für jedes Individuum optimal sein können. Damit beginnt dann eine Entmenschlichung der Pflege.“
 
 

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Moralische Immunisierung

Der Einsatz digitaler und KI-basierter Technologien, so Prof. Rubeis, wird für das Pflegepersonal aber oftmals rein positiv dargestellt – und dieses damit gegen moralische Beurteilungen „immunisiert“. „Digitale Überwachungstechnologien werden als Mittel zum Erreichen einer höheren Lebensqualität und eines Lebens frei von Einschränkungen gesehen“, so Prof. Rubeis. „Damit werden die Pflegenden auch ihrer moralischen Verantwortung enthoben, zu beurteilen, ob diese hehren Ziele mit den gewählten Technologien überhaupt erzielt werden. Oder ob die Betroffenen ein so kontrolliertes Leben überhaupt leben wollen. Der „pflegerische Blick“ wird auf einem Auge blind.“
 
Laut Prof. Rubeis kann der pflegerische Blick, der über die körperlichen Bedürfnisse hinausgeht und Pflegebedürftige als Individuum wahrnimmt, jedoch durchaus mit der Digitalisierung im Pflegebereich koexistieren. Die Aufgabe der Pflegenden sollte dabei aber nicht sein, als Schutzengel der Menschlichkeit Betroffene vor negativen Auswirkungen digitaler Überwachung zu schützen. Vielmehr sollten Personen aus Pflegeberufen mit ihren Erfahrungen und Fokus auf das Individuum in Entscheidungen über die Entwicklung oder den Einsatz digitaler Kontrolltechnologien eingesetzt werden. Auf diese Weise kann ethischen Risiken vorgebeugt werden, statt Pflegenden das Abfedern von Kollateralschäden der Technik aufzubürden. So zeigt die international beachtete Analyse der KL Krems nicht nur eine mögliche – düstere – Zukunftsvision, sondern bietet auch konkrete Ansatzpunkte, um die enormen Möglichkeiten der Digitalisierung auch in der Pflege zum Wohle aller Betroffenen optimal einzusetzen.

Quelle: Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften

Literatur:

Originalpublikation: Adiaphorisation and the digital nursing gaze: Liquid surveillance in long‐term care. G. Rubeis, Nursing Philosophy. 2022;e12388. , DOI: 10.1111/nup.12388


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