Mittwoch, 19. Juni 2024
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Aktuelle Leitlinie zur Gastroösophagealen Refluxkrankheit: Neuerungen bei Antazida in der Refluxtherapie

Aktuelle Leitlinie zur Gastroösophagealen Refluxkrankheit: Neuerungen bei Antazida in der Refluxtherapie
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Vor wenigen Monaten wurde die neue S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) veröffentlicht. Wir sprachen mit den beiden Mitwirkenden der Leitlinie, Prof. Dr. med. Thomas Frieling (Chefarzt Medizinische Klinik II, Helios Klinikum Krefeld) und Prof. Dr. med. habil. Ahmed Madisch (Partner im Centrum Gastroenterologie Bethanien in Frankfurt am Main), über wichtige Neuerungen und den Stellenwert von Protonenpumpeninhibitoren (PPI) und Antazida wie z.B. Hydrotalcit.

Was sind die Anzeichen einer GERD?

Prof. Dr. med. Thomas Frieling: Die wichtigsten Anzeichen einer GERD sind Beschwerden und/oder Läsionen, die durch Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre entstehen (1, 2). Diese sind üblicherweise Sodbrennen, Brennen im Rachen, Aufstoßen bzw. Regurgitation, die aber unspezifisch sind und nur eine Sensitivität und Spezifität von etwa 60 bis 70% aufweisen. Sie beweisen also für sich alleine nicht die Diagnose einer Refluxkrankheit. Nicht typische Refluxbeschwerden können retrosternale Schmerzen, Schluckstörungen, vermehrtes Räuspern, Heiserkeit, Reizhusten bzw. Asthmaanfälle sein. Hierbei ist anzumerken, dass retrosternale Schmerzen häufig wie Herzinfarktschmerzen empfunden und daher als nicht-kardiale Thoraxschmerzen bezeichnet werden. Dies wird als Thorax-Schmerzsyndrom kategorisiert und ist für etwa 20 bis 40% der Fälle verantwortlich, die sich in einer Notaufnahme mit dem Verdacht eines Herzinfarktes vorstellen. Persistierende Schluckstörungen müssen als Alarmsymptome interpretiert werden und bedürfen einer kurzfristigen Abklärung durch eine Magenspiegelung. Weitere extraösophageale Refluxbeschwerden können Husten, Laryngitis, Asthma und dentale Erosionen sein.
 
 

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Für die Diagnose einer GERD gibt es aktuell allerdings keinen Goldstandard. Konklusive Evidenz für die Diagnose GERD liegt entsprechend der neuen S2k-Leitlinie vor, wenn in der Diagnostik eine erosive Refluxläsion Los Angeles Grad C oder D, ein Barrett-Ösophagus (histologisch > 1 cm), eine peptische Stenose oder eine pathologische pH-Metrie mit einer Säure-Expositionszeit > 6% vorliegt (1).

Welche Neuerungen der S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der GERD sind besonders wichtig?

Prof. Dr. med. habil. Ahmed Madisch: Eine wichtige Neuerung ist definitiv, dass PPI bei Refluxbeschwerden und Betroffenen mit gesicherter GERD zwar Therapiestandard bleiben, sie aber nicht mehr obligat sind (1). Das initiale Management bei Refluxbeschwerden und gesicherter GERD soll aus Allgemeinmaßnahmen wie Gewichtsabnahme, Erhöhung des Kopfendes des Bettes, Zwerchfelltraining, Vermeidung von Spätmahlzeiten, Rauchstopp und Diät bestehen (1). Wenn weiterhin Symptome auftreten, können bei Refluxbeschwerden ohne Alarmsymptome, ohne positive Familienanamnese für Malignome des oberen Verdauungstrakts und ohne Risikofaktoren für Komplikationen, neben den PPI auch H2 Rezeptorblocker, Alginate oder Antazida zum Einsatz kommen, da die Symptomkontrolle das alleinige Therapieziel darstellt (1).

Was sind die Gründe für die verbesserte Stellung der Antazida in der neuen S2k-Leitlinie zu GERD?

Prof. Dr. med. Thomas Frieling: Die gute Wirkung von Präparaten mit anderen Wirkprinzipien ist schon seit längerer Zeit bekannt. Sie werden wieder vermehrt wahrgenommen, da die Wirkung der PPI nicht so effektiv ist, wie früher gedacht (3). So sprechen etwa 30% der Patient:innen nicht ausreichend auf PPI an. Darüber hinaus haben einige Patient:innen Bedenken bezüglich einer Langzeittherapie mit PPI, viele sind zudem sehr unzufrieden mit ihrer Behandlung. Die Nebenwirkungen von PPI sind gering, werden aber im Hinblick auf die häufig sehr unselektive und nicht indizierte Verordnung kritisch gesehen (1).

Wie schätzen Sie den Stellenwert des Antazidums Hydrotalcit ein?

Prof. Dr. med. habil. Ahmed Madisch: Hydrotalcit neutralisiert die Magensäure kontrolliert: Bei niedrigem pH-Wert wird viel Wirkstoff freigesetzt und 99% der überschüssigen Säure innerhalb von Sekunden neutralisiert (4). Mit steigendem pH-Wert hingegen sinkt die Löslichkeit des Wirkstoffs. Ist
ein therapeutisch optimaler pH-Wert von ca. 4,5 erreicht, wird kein Hydrotalcit mehr gelöst. Darüber hinaus stimuliert es die Bildung von schützendem Prostaglandin E2 und aktiviert das Enzym COX-2 in der Magenschleimhaut. In der Folge kommt es zu einer verstärkten Bildung von Mukus, einer gesteigerten Bikarbonatsekretion, einer verbesserten Durchblutung der Magenschleimhaut sowie einer besseren Zellregeneration (5). In klinischen Studien lindert Hydrotalcit innerhalb von Minuten die Refluxbeschwerden, während PPI und H2-Rezeptorblocker erst mit zeitlicher Verzögerung wirken. Aus diesem Grunde ist Hydrotalcit zur bedarfsabhängigen Therapie von Refluxbeschwerden sehr gut geeignet und kann somit helfen, den PPI-Einsatz zu reduzieren (6).

Quelle: Bayer Vital

Literatur:

(1) Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). S2k-Leitlinie Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis. AWMF-Registernummer: 021 – 013.
(2) Frieling T. Der Gastroenterologe 2015;10:213–224.
(3) Labenz J et al. MMW Fortschr Med 2016;158 Suppl 4:7–11.
(4) Miederer SE et al. Chin J Dig Dis. 2003;4:140–146.
(5) In-vitro-Untersuchungen: Tarnawski A et al. Curr Pharm Des 2013;19:125–132.
(6) Konturek JW et al. Med Sci Monit 2007;13(1):CR44–9.



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