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Welt-Adipositas-Tag: Diskriminierung von Betroffenen im Alltag

Welt-Adipositas-Tag: Diskriminierung von Betroffenen im Alltag
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Die chronische Erkrankung Adipositas ist auch in Europa weiterhin ungebremst auf dem Vormarsch und hat inzwischen Pandemie-Charakter (1). Zum Welt-Adipositas-Tag am 4. März 2023 rückt dieser Umstand wieder verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Hierzulande ist fast jede:r 4. Erwachsene von der Erkrankung betroffen, bei Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 19 Jahren sind es etwa 10% (1). Neben den unmittelbaren gesundheitlichen Aspekten – Adipositas ist mit etwa 200 Komorbiditäten und Komplikationen assoziiert (2) – leiden Betroffene oft auch unter den psychosozialen Folgen ihres Gewichts. „Diskriminierung und Stigmatisierung gehören leider für viele zum Alltag“, sagt Prof. Dr. Anja Hilbert, psychologische Leiterin der Adipositasambulanz, Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen, Universitätsklinikum Leipzig. Dabei sind Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz und im Gesundheitssystem häufig vernachlässigte Punkte.

Benachteiligung von Menschen mit Adipositas im Berufsleben

Es ist gut belegt, dass Menschen mit Adipositas im Berufsleben benachteiligt werden (3). So werden sie weniger häufig für Vorstellungsgespräche und Einstellungen in Betracht gezogen als normalgewichtige Kandidat:innen – besonders auf Posten mit repräsentativer Funktion. Zudem bestehen oft die Vorurteile, sie seien unfähig, wenig ambitioniert oder nicht beförderungswürdig. Epidemiologische Daten belegen auch, dass Menschen mit Adipositas seltener leitende Positionen in Unternehmen bekleiden als Menschen ohne die Erkrankung – besonders ausgeprägt sind diese Effekte bei Frauen. Geringere Vergütungen oder Kündigungen aufgrund ihres Gewichts machen das „Diskriminierungspaket“ komplett (3).

Diskriminierende Strukturen abbauen – Mehr Awareness bei den Arbeitgebern

Hilbert appelliert: „Gerade aufseiten der Arbeitgebenden braucht es dringend mehr Awareness, um diskriminierende Strukturen im Arbeitsumfeld nachhaltig abzubauen.“ Wie wichtig das für beide Seiten ist, belegen empirischen Studien: Negative Erfahrungen am Arbeitsplatz wirken sich einerseits oft nachteilig auf die Produktivität der Mitarbeitenden aus. Andererseits können sie den Gesundheitszustand mittel- und langfristig zusätzlich verschlechtern. Die Effekte reichen von Angststörungen und Depressionen bis hin zum Burn-out (4). In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass Arbeitnehmende mit Adipositas im Schnitt krankheitsbedingt 1–2 Wochen mehr auf der Arbeit fehlen als Normalgewichtige (5). Neben den physischen Auswirkungen der Adipositas haben daran sicher auch soziale und psychische Aspekte einen deutlichen Anteil.
 
 

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Gewichtsbedingte Vorurteile bei Angehörigen der Heilberufe

Doch nicht nur im Berufsalltag werden Menschen mit Adipositas benachteiligt. Auch im Gesundheitswesen gibt es ihnen gegenüber Stigmatisierung und Diskriminierung. Studien haben entsprechende Einstellungen unter Krankenpfleger:innen, Ernährungsberater:innen und Ärzt:innen festgestellt – also bei Berufsgruppen, die speziell mit Gewichtsabnahmetherapien betraut sind (6). Die Zuschreibungen reichen von mangelnder Selbstkontrolle und Willensstärke bis zu Hygieneproblemen. Auch wird häufig angenommen, dass Patient:innen mit Übergewicht Behandlungsempfehlungen nicht befolgen und sogar unehrlich oder feindselig sein können. Teile der medizinischen Fachwelt möchten laut eigener Aussage Patient:innen aufgrund ihres Übergewichts daher ungern behandeln. Auf der anderen Seite berichten Menschen mit Adipositas, dass sie sich gerade in Bezug auf ihr Körpergewicht medizinisch nicht gut betreut fühlen (3). Eine Erhebung unter Behandler:innen ergab, dass nur knapp 1/3 an die Motivation von Patient:innen glaubt, überhaupt Gewicht verlieren zu wollen. Rund 71% der Ärzt:innen sprechen Patient:innen mit Adipositas gar nicht erst an, weil sie annehmen, dass kein Interesse an einer Gewichtsabnahme besteht. Im Gegensatz dazu berichteten nur 7% der Betroffenen, dass sie tatsächlich nicht an einer Gewichtsabnahme interessiert sind (7).

Gesprächstipps zum Thema Adipositas

„Um sie zu überwinden, ist es wichtig, sich zunächst der eigenen Vorurteile bewusst zu werden. Hierzu können Aktionstage wie der Welt-Adipositas-Tag einen Anstoß geben“, erklärt Hilbert. „Im nächsten Schritt sollten Ärzt:innen ihre Patient:innen dann in jedem Fall proaktiv auf das Thema Adipositas ansprechen. Denn ohne diese Hilfe und eine entsprechende Diagnose kann keine strukturierte Therapie erfolgen“, so die Expertin. Informationen und Tipps dazu, wie sich ein Gespräch zu diesem sensiblen Thema beginnen lässt, sind auf der Internetseite Rethink Obesity aufbereitet. Weiterhin stehen unter anderem Gesprächstipps zu Gewichtsverlauf und Zielen sowie ein Leitfaden zur Adipositastherapie im Allgemeinen bereit.
 
 

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Stellenwert der Adipositastherapie: Mortalität sinkt mit Reduktion des BMI

Jede nachhaltige Gewichtsabnahme hat positive Effekte auf die Gesundheit von Menschen mit Adipositas. Das zeigen etwa folgende Zahlen: Für eine Abnahme des BMI um 5 kg/m2 oberhalb von 25 kg/m2 sinkt die Gesamtmortalität um 30% (8). Schon eine moderate Gewichtsabnahme im Bereich von 5 bis 15% des Ausgangsgewichtes verbessert diverse klinisch relevante Risikofaktoren und kann sich vorteilig auf unterschiedliche Komorbiditäten auswirken – so zum Beispiel auf Typ 2 Diabetes, Schlafapnoe und andere Atemwegserkrankungen, nichtalkoholische Fettlebererkrankung, Osteoarthritis oder kardiovaskuläre Erkrankungen (9). Eine medikamentöse Therapie kann dabei ein wichtiger Baustein eines ganzheitlichen Adipositasmanagements sein. Der Glucagon-like-Peptide-1 (GLP-1)-Rezeptoragonist Liraglutid kann Menschen mit Adipositas, ergänzend zu einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität, dabei helfen, deutlich Gewicht abzunehmen (10, 11).
Über Adipositas
Adipositas ist laut WHO eine chronische Erkrankung (12), die eine langfristige Behandlung erfordert. Sie kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben und mit einer verringerten Lebenserwartung einhergehen (7, 13, 14). Adipositas-assoziierte Komorbiditäten umfassen unter anderem: Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom und bestimmte Krebsarten (8, 12, 15, 16). Adipositas ist eine komplexe, multifaktorielle Krankheit, die durch genetische, physiologische, psychologische, sozioökonomische und Umweltfaktoren entstehen kann (17). Im Sommer 2020 wurde Adipositas auch durch den Deutschen Bundestag als chronische Erkrankung anerkannt. Mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) ist u. a. die Etablierung eines Disease-Management-Programms (DMP) für Adipositas bis 2023 verbunden, um die defizitären Versorgungsstrukturen und damit die leitliniengerechte Behandlung von Menschen mit Adipositas langfristig zu verbessern (18). Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erarbeitet in Kooperation mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wissenschaftlich fundierte Anforderungen an das geplante DMP (19). Der weltweite Anstieg der Adipositas-Prävalenz ist ein Problem für das Gesundheitswesen und führt zu hohen Kosten für die Gesundheitssysteme (22). 2016 wurden weltweit 13% der erwachsenen Männer und Frauen, d. h. über 650 Millionen Menschen, als adipös eingestuft (12).

Quelle: Novo Nordisk

Literatur:

(1) World Health Organization. WHO European Regional Obesity: Report 2022.
(2) Yuen M, Earle R, Kadambi N. A systematic review and evaluation of current evidence reveals 195 Obesity-Associated Disorders (OBAD). The Obesity Society. Abstract Book: 92.
(3) Hilbert A. Soziale und psychosoziale Auswirkungen der Adipositas: Gewichtsbezogene Stigmatisierung und Diskriminierung. In: Handbuch Essstörungen Und Adipositas. 2008:288-291.
(4) Anjum A, Ming X, Siddiqi AF, et al. An empirical study analyzing job productivity in toxic workplace environments. Int J Environ Res Public Health. 2018;15(5).
(5) Lehnert T, Stuhldreher N, Streltchenia P, et al. Sick leave days and costs associated with overweight and obesity in germany. J Occup Environ Med. 2014;56(1):20-27.
(6) Puhl RM, Heuer CA. The Stigma of Obesity: A Review and Update. Obesity 2009;17:941-964.
(7) Caterson ID, Assim |, Alfadda A, et al. Gaps to bridge: Misalignment between perception, reality and actions in obesity. Diabetes Obes Metab. 2019;21:1914-1924.
(8) Whitlock G, Lewington S, Sherliker P, et al. Body-mass index and cause-specific mortality in 900000 adults: collaborative analyses of 57 prospective studies. Lancet. 2009;373:1083-1096.
(9) Ryan DH, Yockey SR. Weight Loss and Improvement in Comorbidity: Differences at 5%, 10%, 15%, and Over. Curr Obes Rep. 2017;6(2):187-194.
(10) Pi-Sunyer X, Astrup A, Fujioka K, et al. A Randomized, Controlled Trial of 3.0 mg of Liraglutide in Weight Management. New England Journal of Medicine. 2015;373(1):11-22.
(11) Fachinformation Saxenda®; Stand Dezember 2021.
(12) World Health Organization. Obesity and Overweight Factsheet no. 311.
(13) Guh DP, Zhang W, Bansback N, et al. The incidence of co-morbidities related to obesity and overweight: A systematic review and meta-analysis. BMC Public Health. 2009;9.
(14) Peeters A, Barendregt JJ, Willekens F, et al. Obesity in Adulthood and Its Consequences for Life Expectancy: A Life-Table Analysis. Ann Intern Med. 2003;138:24-32.
(15) Gami AS, Caples SM, Somers VK. Obesity and obstructive sleep apnea. Endocrinol Metab Clin North Am. 2003;32(4):869-894.
(16) Eheman C, Henley SJ, Ballard-Barbash R, et al. Annual Report to the Nation on the Status of Cancer, 1975-2008, Featuring Cancers Associated With Excess Weight and Lack of Sufficient Physical Activity. Cancer. 2012;118:2338-2366.
(17) Wright SM, Aronne LJ. Causes of obesity. Abdom Imaging. 2012;37(5):730-732.
(18) Rede von Alexander Krauß, MdB, CDU, vom 3. Juli 2020.
(19) Gemeinsamer Bundesausschuss. G-BA beginnt mit Entwicklung eines DMP Adipositas.



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