Gesundheitskompetenz: Chancen und Grenzen von DiGA
Anne Krampe-ScheidlerMehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland weist eine geringe Gesundheitskompetenz auf. Dies wirkt sich nicht nur auf die individuelle Gesundheit aus, sondern belastet das gesamte System. Patient:innen finden sich nicht zurecht, nehmen ungerechtfertigt Notfallkapazitäten in Anspruch oder bringen die notwendige Therapieadhärenz nicht auf. Welchen Beitrag Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) leisten können, war Gegenstand einer Diskussion auf der diesjährigen DMEA.
DiGA gelten als guter Hebel, um die Gesundheitskompetenz zu stärken. Untersuchungen zeigen, dass zwei Drittel der DiGA dies können. „Die DiGA erläutert und ordnet ein, sie nimmt die Leute noch einmal anders mit, als das im Rahmen des durchschnittlich sechsminütigen Arzt-Patienten-Gesprächs möglich ist“, erläuterte Dr. Madlen Scheibe, Leiterin des Forschungsbereichs Digital Health am Universitätsklinikum Dresden. In der Zulassung von DiGAs spielt das Thema bisher jedoch kaum eine Rolle. „4 von 59 DiGA untersuchen Gesundheitskompetenz als Outcome“, berichtete Dr. Scheibe – meist nur als Nebenfaktor; der wichtigste primäre Endpunkt sei nach wie vor der medizinische Nutzen.
Die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt
Um möglichst viele Menschen zu erreichen, müssen Gesundheitsinformationen personalisiert werden. „Gesundheitskompetenz entsteht, wenn ich die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt bekomme“, betonte Henrik Ohlms, Geschäftsführer bei m.Doc – etwa bei einer neuen Diagnose oder nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Anwendungen müssten Informationen daher nicht nur bereitstellen, sondern auch kontextualisieren und filtern. Ohlms berichtete über eine Kooperation mit der Universitätsmedizin Essen, bei der eine App entwickelt wird, die Kinder während des Klinik-Aufenthalts spielerisch begleiten soll. Denkbar sei so etwas auch für geriatrische Patienten, sagte er. Explizit wies er darauf hin, dass weniger digital affine Menschen weiterhin analoge Zugänge benötigen.
Initiativen wie „Was hab ich?“ zeigen, dass medizinische Inhalte fachlich korrekt in verständliche Sprache übersetzt werden können. Geschäftsführer Ansgar Jonietz berichtete, dass zusätzlich zum regulären Arztbrief ein laienverständlicher Patientenbrief in Form einer gedruckten Broschüre verschickt werden kann. Nicht nur den Patient:innen selbst, sondern auch dem sozialen Umfeld erleichtert dies, Diagnosen und Behandlungen besser zu verstehen. Die Personalisierung lasse sich auch auf viele andere Situationen übertragen, so Jonietz. Mit Vorab-Informationen wie Geschlecht oder Diagnose sei es im Prinzip schon heute möglich, Aufklärungsbögen, etwa vor einer Anästhesie, zu individualisieren.
DiGA erreichen eher urbane Gebiete und Frauen
DiGA haben jedoch auch Grenzen. Viele Zielgruppen werden nicht erreicht. „Wir haben einen Fokus auf dem städtischen Raum, einen Fokus auf Frauen, und auf Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren“, berichtete Dr. Scheibe. Die meisten DiGA lägen zudem nur in deutscher Sprache vor. Deshalb könnte aus ihrer Sicht die elektronische Patientenakte (ePA) bei der Verbesserung der Gesundheitskompetenz eine Schlüsselrolle spielen. „Das Potenzial ist enorm“, sagte sie, „weil die ePA die gesamte Bevölkerung adressiert.“
Quelle:Welche digitalen Anwendungen können die Gesundheitskompetenz verbessern? DMEA 2026, Berlin, 22.04.2026