Gut geschlafen? Hoffentlich
Birgit Frohn Dipl. biol.Bei immer mehr Menschen hilft das Schäfchenzählen nicht mehr und macht die dringend benötigte Nachtruhe zur Herausforderung: Die Zahl der Schlafgestörten steigt stetig. Das hat weitreichende medizinische und gesellschaftliche Konsequenzen.
Schlafen ist bekanntlich ein lebenserhaltendes Grundbedürfnis und müsste somit doch ganz einfach ein. Leider ein Irrtum. Was bei unseren Haustieren, besonders Katzen, zu deren großen Zufriedenheit bestens klappt, kann bei uns Menschen zum Problem werden. Eine Nacht durchschlafen, gut schlafen? Davon träumen immer mehr. Warum das so ist, beschäftigt die Schlafmediziner seit längerem. Dabei kamen sie zu interessanten Erkenntnissen.
Eines gleich vorab: Es gibt nicht die eine „richtige“ Schlafdauer, da jeder Mensch sein individuell anderes Schlafbedürfnis hat. Wer mehr oder weniger als die empfohlenen sieben bis acht Stunden schläft, sollte sich mithin noch keine Schlafstörung attestieren. Die lang gehegte These, der Schlaf vor Mitternacht sei der gesündeste, da tiefste, ist ebenfalls widerlegt. Inzwischen ist bekannt, dass es chronobiologisch gesehen Früh- und Abendtypen gibt. Wer erst um ein Uhr nachts zu Bett geht, hat seinen Tiefschlaf dann einfach später.
Schlafkillern auf der Spur
Wo gerade von Schlafdauer die Rede war: Es werden heute nicht weniger Stunden im Bett verbracht, sondern die Wachzeit im Schlaf hat zugenommen. Was bedeutet, dass die Schlafqualität insgesamt schlechter geworden ist. Die bedeutendsten Trigger dafür sind Stress und Ängste. Das derzeitige Weltgeschehen kann sich durchaus störend auf die Nachtruhe auswirken, da es unser Leben unsicherer macht. Neben immer mehr Kriegen, steigender Kriminalität, wachsender Inflation und entsprechenden finanziellen Schwierigkeiten gibt es weitere potente Schlafkiller. Dazu gehören die zunehmende Lichtverschmutzung, etwa durch Straßenlampen oder Leuchtreklamen, und noch mehr die Lärmbelastung. Selbst wer trotz Verkehrs- oder Fluglärm schläft, hat eine erheblich schlechtere Qualität seines Schlafes. Weitere gewichtige Gründe für eine gestörte Nachtruhe sind die sich ändernden Umweltbedingungen. Deren Einfluss rückt zunehmend in den Fokus der Wissenschaft.
Der Klimawandel raubt den Schlaf
Das trifft gleich in doppelter Hinsicht zu. Zum einen physiologisch, da der Klimawandel den natürlichen Temperaturzyklus verschiebt: Tage und Nächte werden immer wärmer, weshalb die Körperkerntemperatur zu wenig sinkt und so Müdigkeitsgefühl und Einschlafen erschweren. Bei nächtlichen Temperaturen um die 25° Celsius kann schließlich kaum jemand mehr qualitativ gut schlafen. Zum anderen wirkt sich die Veränderung unseres Klimas auch psychologisch aus. Denn die Fakten und Berichte dazu können katastrophenbehaftetes Denken fördern. Diese sogenannte Klimaangst, medizinisch Eco-Anxiety genannt, bedingt ebenfalls Schlafstörungen.
Zeitumstellung im wissenschaftlichen Fokus
Die alljährliche zweimalige Umstellung der Uhren steht bereits lange in der Kritik als Ursache für Schlafstörungen. Wie genau sich diese auf den Schlaf und die Gesundheit auswirkt, ist nach wie vor Gegenstand einer Reihe von aktuellen Forschungen. Die derzeit umfassendste systematische Analyse lieferte differenzierte Hinweise aus epidemiologischer und chronobiologischer Sicht [1]. Deren wichtigstes Ergebnis ist, dass es sowohl negative als auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit gibt. So zeigte sich beispielsweise, dass die Umstellung auf die Sommerzeit das Risiko tödlicher Verkehrsunfälle erhöhen, die Zahl der Straftaten mit Körperverletzung indessen verringern kann. Im Gegensatz dazu geht die Umstellung auf Winterzeit mit einem Rückgang der tödlichen Verkehrsunfälle und der Arbeitsunfälle einher, aber auch mit einem Anstieg der Straftaten mit Körperverletzung. Zudem reduziert sich die Gesamtsterblichkeit. Insgesamt, so das Fazit der Analyse, ist die Sommer- und Winterzeit mit einer Verringerung der Gesamtsterblichkeit verbunden. Allerdings kam eine andere Studie zu dem Schluss, dass die jährlichen Zeitumstellungen das Risiko für einen Myokardinfarkt erhöhen können [2]. Weitere Untersuchungen werden künftig weiteres Licht ins Dunkel um den Effekt der Sommer- und Winterzeit auf die Schlafqualität bringen.
Schlaflos in Angst und Depression
Schlechter Schlaf ist ein Risikofaktor für die psychische Gesundheit. Rund 40% der Menschen mit Insomnien leiden unter Depressionen und Angststörungen. Der Hintergrund dieser starken Korrelation besteht darin, dass Schlafstörungen eine emotionale Dysregulation auslösen, welche die mentale Gesundheit gefährdet. So führen Insomnien beispielsweise zu einem dreifach erhöhten Risiko für Depressionen.
Kognitive Verhaltenstherapie als Mittel der Wahl
Aktuelle Leitlinien ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) empfehlen bei Schlafstörungen eine Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnien (KVT-I). Diese steigert die Lebensqualität der Betroffenen und senkt deren Risiko für psychische und körperliche Folgeerkrankungen. Sie kann in vier bis fünf Sitzungen pro Woche durchgeführt werden und ist sehr effektiv, da sie in relativ kurzer Zeit zu guten Ergebnissen führen kann: Etwa zwei Drittel der Behandelten beenden die Therapie mit ausreichenden Verbesserungen ihres Schlafes oder leiden nicht mehr unter einer Insomnie [3].
Gefahren im Verkehr
Wer schlecht schläft, kann infolge der damit verbundenen Tagesschläfrigkeit zum Verkehrsrisiko werden. Denn die Folgen eines kurzen Einnickens am Steuer können prekär sein. Was absolut keine Seltenheit ist: Schätzungsweise jeder vierte Unfall mit Todesfolge auf deutschen Autobahnen wurde dadurch verursacht. Die enorme Bedeutung von Tagesschläfrigkeit für die Verkehrsmedizin rückt derzeit stärker in das Bewusstsein. Der wichtigste rechtsrelevante Hinweis darauf ist das Fehlen von Bremsspuren vor dem Unfallort. Nur logisch: Wer schläft, kann nicht bremsen.
Hirnwäsche im Schlaf
Eine der derzeit wohl wichtigsten Erkenntnisse der Schlafforschung besteht sicherlich darin, dass sich der Tiefschlaf direkt auf die Hirnleistungen auswirkt. Er wird unterdessen nicht von ungefähr als Anti-Aging für das Gehirn gewertet. Hintergrund dessen ist, dass im Tiefschlaf die neurobiologische Regeneration des Gehirns und die Säuberung dessen Nervenzellen von Giftstoffen erfolgt. Das kann auch dementielle Risiken senken. Was zu diesen Erkenntnissen führte, ist die Entdeckung des glymphatischen Systems. Dabei handelt es sich um ein neuronales Netzwerk im Gehirn, das Stoffwechselabbauprodukte während des Schlafs aus dem zentralen Nervensystem entfernt. Ist dieses Reinigungssystem beeinträchtigt, können sich schädliche Proteine anreichern, die an neurodegenerativen Erkrankungen beteiligt sind [4]. Wie derzeit vermutet wird, ist das glymphatische System vor allem im Tiefschlaf besonders effektiv. Das ist ein weiteres Argument für gesunden Schlaf als therapeutisches Mittel.
Schlafapnoe als Risikofaktor
Wie eben dargestellt, erhöht guter, weil ungestörter Schlaf die kognitive Leistungsfähigkeit. Denn vor allem im Tiefschlaf werden die Nervenzellen im Gehirn von schädlichen Stoffen gesäubert – besonders auch von Beta-Amyloiden, die eine ursächliche Rolle bei der Alzheimer-Demenz spielen. Entsprechend kann eine Therapie des Schlafapnoe-Syndroms das Risiko für eine Demenzerkrankung wie die Alzheimer-Krankheit senken.
Last, not least: Besteht Auskunftspflicht bei Schlafstörungen?
Schlafmedizinische Erkrankungen können das Leistungsvermögen beeinträchtigen. Besonders jene, die Tagesschläfrigkeit, Kataplexie und Restless-Legs-Syndrom verursachen. Diese Einschränkungen müssen dem Arbeitgeber allerdings nicht zwingend mitgeteilt werden. Es sei denn, der Arbeitnehmer ist durch die Symptomatik gefährdet. Dann kann das Verschweigen der Erkrankung eine Kündigung rechtfertigen. Das gilt insbesondere für Berufe mit Fahrgastbeförderung und regelmäßigen Autofahrten wie etwa bei Bus- und Taxifahrern.
Literatur:
- (1)
Steponenaite A. et al. Daylight-Saving Time & Health: A Systematic Review of Beneficial & Adverse Effects, DOI: 10.1101/2025.03.17.25324086.
- (2)
Hurst A. et al. Zeitumstellungen und Herzinfarktrisiko, DOI: Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 490-6; DOI: 10.3238/arztebl.m2024.0078.
- (3)
Riemann D. et al. The European Academy for Cognitive Behavioural Therapy for Insomnia: An initiative of the European Insomnia Network to promote implementation and dissemination of treatment. Journal of sleep research 2020; 29 (2), e12967.
- (4)
Ghanizada, H., Nedergaard, M. (2025): The glymphatic system. Handb Clin Neurol. 2025; 209: 161 – 170.