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Schwerpunkt Februar 2023
Interview mit Dr. Franziska Schaaf

RSV – Diagnostik, Therapie und „Immunschuld“

von Susanne Morisch

RSV – Diagnostik, Therapie und „Immunschuld“
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Gefühlt parallel zur Corona-Pandemie trat ein weiteres Virus in den Mittelpunkt: das Respiratorische Synzitial-Virus (RSV). Warum das Virus tatsächlich nicht neu ist, weshalb eine Maskenpflicht nicht sinnvoll ist und welcher Zusammenhang zu COVID besteht, erläutert im Interview die Kinderärztin Dr. Franziska Schaaff.

RSV ist nicht neu. Warum ist die diesjährige RSV-Welle so heftig?

Dr. med. Franziska Schaaff: Dieses Jahr haben wir eine sehr heftige RSV-Welle. Allerdings war RSV auch nicht so richtig im Bewusstsein der Leute verankert. RSV hat schon immer Zweidrittel der aktiven Atemwegsinfektion bei kleinen Kindern ausgemacht – trotzdem wird mehr über Grippe als über RSV geredet. Die Corona-Pandemie hat RSV mehr in den Fokus der Presse gerückt, entsprechend auch mehr in den Fokus der Eltern, was grundsätzlich zu begrüßen ist, weil RSV auch sehr schwer verlaufen kann.

Mit der Corona-Pandemie wurden aber auch „Experimente“ gemacht – Maskentragen und das Herausnehmen kleinerer Kinder aus den Kindertagesstätten, was dazu geführt hat, dass diese Kinder über einen Zeitraum von ungefähr 2 Jahren eigentlich keine Infekte hatten: die Zahl der Atemwegs-, aber auch der Magen-Darm-Infekte ist seit dem Frühjahr 2020 deutlich gesunken. Das bedeutete aber für die Kinder zwischen 0 und 2 Jahren, dass ihr Immunsystem mit den üblichen Infekten nicht in Kontakt kam. Gleiches galt für die Ungeborenen, weil die Schwangeren Masken trugen und so keine Antikörper weitergeben konnten.
Wir haben sehr viele Effekte gleichzeitig. Was wir auch noch dazugelernt haben: auch für ältere Kinder und Erwachsene ist der wiederkehrende Kontakt mit dem Virus wichtig, weil das Immunsystem bei erneutem Kontakt nicht mehr so heftig reagiert und entsprechend die Symptome auch nicht mehr so ausgeprägt sind.

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie fällt immer wieder der Begriff der „Immunschuld“. Was halten Sie davon?

Dr. Schaaff: In diesem Zusammenhang von „Schuld“ zu sprechen, halte ich für falsch. In der Pandemie wurden Entscheidungen aus dem Moment heraus getroffen. Viele dieser Entscheidungen haben auch in Deutschland dazu geführt, dass manches gut gelaufen. Andere Entscheidungen, wie die Kinder so lange aus den Einrichtungen rauszunehmen, haben sehr viele Probleme mit sich gebracht. Wobei die Infekte nur ein Problem sind. Die psychosozialen Effekte, die wir vor allem auch bei den älteren Kindern sehen, halte ich für gravierender.

Hinzu kommt, dass Ärzt:innen es gewohnt sind, Medizin nach Lehrbuch zu praktizieren. Mit Corona waren Medizin und Politik mit einer Situation konfrontiert, über die noch sehr wenig bekannt war. Dann wurde immer mehr Wissen generiert, ständig kamen neue Studienergebnisse hinzu. Zu Beginn der Pandemie konnte man einfach noch nicht wissen, was richtig und was falsch ist. Hinterher ist man immer schlauer, also jetzt von „Schuld“ zu sprechen, ist unangebracht. Zwar ist es schwierig in diesem Zusammenhang, aber de facto ist es so, dass uns dieses „Experiment“ mit dem Immunsystem auch neue Erkenntnisse gebracht hat. Zum Beispiel sehen wir, dass  bestimmte Autoimmunerkrankungen, wie Typ-1-Diabetes bei kleineren Kindern, deutlich zugenommen haben. Da kommt natürlich der Gedanke auf, dass das mit einer Überreaktion des Immunsystems, nachdem es so lange nichts zu tun hatte, in Verbindung stehen könnte, aber man weiß es eben nicht.
 
 

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Von RSV mit schwerem Verlauf sind vornehmlich jüngere Kinder betroffen. Woran liegt das?

Dr. Schaaff: Bei vielen Infektionen ist es so: die erste Infektion ist die schwerste. Das gilt zum Beispiel auch für Roter Virus und Influenza. Bei RSV ist die Anatomie ein wesentlicher Faktor. Bei kleinen Kindern ist der gesamte Atemwegsapparat entsprechend zur Körpergröße noch sehr klein, ein Anschwellen führt also sehr viel schneller als bei einem Erwachsenen zu Luftnot. Das heißt, bei RSV kommen 2 Sachen zusammen: Zum einen verlaufen Erstinfektionen grundsätzlich schwerer als nachfolgende Infektionen. Zum anderen begünstigt die Anatomie kleiner Kinder die Entstehung tiefer Infektionen, wodurch leicht Bronchitiden und Pneumonien entwickelt werden.

Allerdings hatten wir dieses Jahr auch viele ältere Kinder, die parallel zu RSV extrem lange unter Husten gelitten haben. Das betrifft sonst eigentlich nur die Asthma-Patient:innen. Erklärbar ist das über das lange social distancing während der Pandemie.

Wenn Sie von älteren Kindern sprechen, welche Altersgruppe ist damit gemeint?

Dr. Schaaff: Die Altersklasse so um die 11 oder 12 Jahre, aber auch 15- oder 16-Jährige, die 2 Wochen parallel zu RSV mit einer Bronchitis kämpfen. Genaue Zahlen gibt es leider nicht, weil die Gesetzlichen Krankenkassen die Testung nicht bezahlen, also oft nicht klar ist, ob RSV ursächlich ist oder eine andere virale Infektion.

Die RSV-Testung wird nicht standardmäßig durchgeführt. Wie kann RSV auch ohne Test erkannt werden und welche Maßnahmen müssen dann eingeleitet werden?

Dr. Schaaff: Genau, der Test wird nicht übernommen. Wir wissen in der Kinderarztpraxis, dass eine RSV-Welle begonnen hat, wenn plötzlich sehr viele kleine Kinder mit tiefen Atemwegsinfektionen vorstellig werden. Wir bemühen uns um eine gute Interaktion mit den Kliniken, weil dort ja auf RSV getestet wird. So wissen wir, wenn die ersten Kinder aufgenommen wurden.
Außerdem gibt es das Influenza-Sentinel des Robert-Koch-Instituts. Dort werden auch RSV-Fälle verzeichnet. Wenn man sieht, dass, wie jetzt gerade, 70% der Abstriche positiv auf RSV sind, ist das ein sicherer Indikator für eine RSV-Welle. Es ist also sinnvoll, sich epidemiologisch zu orientieren.

RSV kann ziemlich gemein sein. Oft haben die Betroffenen erstmal nur 5 oder 7 Tage Schnupfen und dann geht es ihnen plötzlich sehr schlecht, weil das Virus in die tiefen Atemwege eingedrungen ist. Die Kinder zeigen dann eine sehr schnelle oder flache Atmung. In solchen Fällen sollte die Sauerstoffsättigung überprüft werden. Sauerstoff zu geben, ist nämlich eine der wenigen therapeutischen Optionen. Wenn die Infektion noch in einer frühen Phase ist, hat sich in der Praxis auch die Inhalation mit hypertoner Kochsalzlösung bewährt, obwohl die Wirksamkeit klinisch bislang nicht nachgewiesen werden konnte.
 
 

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Halten Sie eine Maskenpflicht zum Schutz vor RSV für sinnvoll?

Dr. Schaaff: Eine Maskenpflicht zum Schutz vor RSV halte ich für keine sinnvolle Maßnahme. Zwar gibt es vereinzelte Situationen, in denen man darüber nachdenken kann, zum Beispiel bei extrem Frühgeborenen. Da kann beim Einkaufen eine Maske tragen, um RSV nicht an das Kind weiterzugeben, oder auf Krabbelgruppen zu verzichten. Da aber die meisten Ansteckungen im privaten Bereich stattfinden, wo in der Regel keine Masken getragen werden, sind die Masken keine gute Option.

Wie ist der aktuelle Stand bei Impfstoffen gegen RSV?

Dr. Schaaff: Wir haben ja schon seit Jahren eine passive Impfung, eine passive Immunisierung für die Risiko-Kinder, vor allem extrem Frühgeborene, späte Frühgeborene, Kinder mit Herzleiden usw. Das ist ein Antikörper, der monatlich gespritzt werden muss. Seit Ende 2022 ist ein neuer Antikörper zugelassen, der nur einmal gegeben werden muss. Damit rückt natürlich auch die Impfung, die man allen Kindern geben könnte, in greifbare Nähe. Ich halte eine Impfung für sinnvoll, da es sich durchaus lohnt, alle Kinder zu immunisieren – zum einen, um Krankenhausaufenthalte und intensivmedizinische Maßnahmen zu minimieren, zum anderen, um die Last in den Hausarztpraxen zu senken. Bis sich das durchsetzt, muss aber noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. Andere Länder, wie zum Beispiel Spanien, sind da schon weiter: dort wurde bereits eine Empfehlung herausgegeben.

Bis auf die Sauerstoffgabe gibt es bei RSV bislang nicht viele Optionen – tut sich im Bereich der Medikamentenentwicklung was?

Dr. Schaaff: Bislang gibt es keine RSV-spezifischen Medikamente. Es wurde versucht, verschiedene antivirale Medikamente zu geben, die aber alle ohne große Wirkung blieben. Bei Fieber können fiebersenkende Wirkstoffe verabreicht werden. Auch Bronchodilatatoren können sinnvoll sein. Ansonsten sind die Maßnahmen bei RSV noch immer sehr limitiert. Aber die Forschung geht weiter, Antikörper werden ausprobiert, aber um mit so kleinen Kindern Studien zu machen, muss die Forschung schon sehr weit gereift sein, weil dadurch ja ein allgemeiner Eingriff ins Immunsystem stattfindet.

Gibt es spezifische Biomarker, anhand derer man den RSV-Verlauf prognostizieren kann?

Dr. Schaaff: Eigentlich nur die Sauerstoffsättigung, die Atemfrequenz und das Trinkverhalten des Kindes. Also klinische Beobachtungen. Das klingt erstmal nicht nach viel, aber die Sauerstoffsättigung ist etwas, das sehr gut hilft, die Gefahr einzuschätzen.

Wie wirkt sich RSV auf onkologische Patient:innen aus?

Dr. Schaaff: Immer, wenn das Immunsystem heruntergefahren ist, können auch onkologische Patient:innen schwerer erkranken. Da kann es nötig sein, ähnlich wie bei Säuglingen oder sehr jungen Kindern, zu inhalieren oder Sauerstoff zu geben. Mir sind aber im onkologischen Bereich keine RSV-bedingten Todesfälle bekannt.
 
 

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Ihre Take-Home-Message zum Thema RSV für die medizinischen Kolleg:innen?

Dr. Schaaff: Es ist wichtig, dass uns das Bewusstsein, dass RSV ein ganz wichtiger Erreger ist, auch nach der Corona-Pandemie erhalten  bleibt. Das würde bedeuten, dass die Forschung dranbleibt und eben auch die Gesundheitspolitik.

Eltern sollten verstehen, dass bei Kindern in den ersten Lebensjahren 6 bis 12 Infekte pro Jahr völlig normal sind, davon mehr als die Hälfte im Winter. In diesem Alter lernt das Immunsystem – häufige Infekte haben also nichts mit falscher Kleidung oder Ähnlichem zu tun, sondern sind Ausdruck einer Immunsystem-Schulung.

Dr. Schaaf, vielen Dank für das Gespräch!

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