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30. März 2021
aktualisiert: 31. März 2021

Colitis ulcerosa

Colitis ulcerosa ist eine chronische Entzündung des Darms, an der in Deutschland etwa 400.000 Patienten leiden. Die Erkrankung zählt zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, kurz CED, zu denen auch das weniger häufig auftretende Morbus Crohn gerechnet wird. Colitis ulcerosa tritt in der Regel zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr ohne klare Ursache auf und verläuft in Schüben, an denen das Immunsystem wesentlich beteiligt ist.


Symptome

Hauptmerkmal der Colitis ulcerosa ist die Entzündung der Darmschleimhaut, das heißt der obersten Schicht des Verdauungstraktes. Die Erkrankung breitet sich schubweise vom Mast- oder Enddarm her auf den Dickdarm (Kolon) aus. Anders als bei Morbus Crohn ist nicht der gesamte Magen-Darm-Trakt durch die Entzündung geschädigt, sondern nur der Dickdarm; bei etwa 20 % der Patienten der gesamte Dickdarm (sog. Pankolitis), bei den übrigen Patienten nur einzelne Abschnitte des Kolons.
Die Erkrankung tritt meist im frühen Erwachsenenalter auf, wird aber häufig erst spät im Verlauf erkannt. Zu den Symptomen zählen mit Blut oder Schleim vermischte Durchfälle, krampfartige Bauchschmerzen (insbesondere im linken Unterbauch), häufiger Stuhldrang, Fieber, Müdigkeit und Abgeschlagenheit sowie Gewichtsverlust. Auch außerhalb des Verdauungstrakts können sich bei den Patienten Krankheitszeichen und Beschwerden zeigen. So tritt die Colitis ulcerosa bei manchen Patienten gepaart mit rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew, Osteoporose, Hauterkrankungen wie Psoriasis oder Augenentzündungen auf.


Diagnosestellung

Neben einer klinischen Untersuchung und Anamnese, Laborwerten und Ultraschall des Bauchraums, werden eine Darmspiegelung (Endoskopie) und histologische Befunde der entnommenen Biopsieproben zur Diagnose herangezogen. Im Rahmen der Endoskopie wird die Ausdehnung der Entzündung bestimmt und die Erkrankung als Proktitis (Ausdehnung ist begrenzt auf den Mastdarm), Linksseitencolitis (Befall bis zum Übergang von Dickdarm zum Dünndarm) oder ausgedehnte Colitis klassifiziert.


Ursachen und Entstehung

Als Ursachen einer Colitis ulcerosa kommen mehrere Faktoren infrage, deren Zusammenspiel derzeit noch intensiv erforscht wird.  Neben einer genetischen Veranlagung scheinen Defekte in der Epithelbarriere, das heißt der schützenden obersten Schicht der Darmwand, in Kombination mit einer fehlgeregelten Immunreaktion und Umweltfaktoren eine Rolle zu spielen. So kommt es aufgrund einer verstärkten Durchlässigkeit der Epithelschicht zum Eintritt von Fremdstoffen und Erregern in tiefere Darmwandschichten. Diese Fremdantigene führen zur Aktivierung der Immunantwort, an der das angeborene Immunsystem mit Fresszellen (Makrophagen) und das erworbene Immunsystem mit T-Zellen beteiligt ist. Durch eine hohe Produktion von entzündungsfördernden Mediatoren (Zytokine) wird die Entzündung angetrieben und die Zerstörung der Epithelschicht breitet sich aus.
Zu Beginn der Diagnosestellung ist die Unterscheidung zu einer infektiösen Colitis mit Erregerbefall schwierig, sodass sich der chronische Charakter oft erst im Verlauf der Krankheit zeigt. Weil die Colitis ulcerosa insbesondere in industrialisierten Ländern mit entsprechendem Lebensstil immer häufiger auftritt, wird auch ein Zusammenhang zu Umweltfaktoren diskutiert.


Therapie

Anhand der Lage und Ausdehnung der entzündeten Darmbereiche wird die Therapie festgelegt. Die Behandlungsziele haben sich in den letzten Jahren von der reinen Behandlung der Symptome hin zum zusätzlichen Erhalt der gesunden Darmschleimhaut und Verbesserung der Lebensqualität ausgeweitet. Dabei stützt sich die Therapie überwiegend auf sogenannte Immunmodulatoren zur Beeinflussung der Immun- und Entzündungsreaktion. So werden Immunmodulatoren wie 5-Aminosalicylsäure (5-ASA, Mesalazin), Corticosteroide, Immunsuppressiva und monoklonale Antikörper gegen TNF-α zum Eindämmen der Entzündung eingesetzt. Mithilfe neuartiger Therapien wird versucht, die Einwanderung von entzündungstreibenden Immunzellen in die Darmwand zu verhindern, um die Ausweitung der Erkrankung zu hemmen. Auch ein gesunder Lebensstil mit Blick auf Ernährung und wenig Stress wird angeraten, um die Entzündung nicht unnötig anzutreiben.


Krebsvorsorge durch Kontroll-Endoskopie

Wichtig ist auch eine regelmäßige Kontrolle zur Überwachung des Risikos eines Colitis-assoziierten Kolonkarzinoms (Dickdarmkrebs). Hierzu sind regelmäßige Kontrollendoskopien mit Probenentnahme erforderlich, deren Zeitintervalle vom Risiko des einzelnen Patienten abhängen und von jährlich bis alle 4 Jahre reichen.  
Auch wenn es sich um eine chronische Erkrankung handelt und derzeit keine echte Heilung möglich ist, stehen etliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, mit deren Hilfe sich die gesunden Darmabschnitte schützen, die Beschwerden lindern und die Lebensqualität verbessern lassen.
 

Interessante neue Ansätze und Daten


Forschende des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ haben ein Fusionsprotein konstruiert, Wirkstoffkandidat Olamkicept, das die Entzündung im Darm unterdrückt, wie eine in Gastroenterology veröffentlichte Studie zeigte. Olamkicept wirkt über den IL-6-Trans-Signalweg. Es gibt bereits IL-6-Inhibitoren. Durch die Blockade von IL-6 kann das Immunsystem so stark unterdrückt werden, dass der Körper deutlich anfälliger gegenüber Infektionen wird. Dies ist bei bereits erhältlichen Antikörpern gegen IL-6 oder seinen spezifischen Rezeptor der Fall.
„Das Besondere an Olamkicept ist, dass es gezielt nur einen Teil der IL-6-Wirkung über den  IL-6-Trans-Signalweg hemmt. Vorangegangene Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass der klassische IL-6-Signalweg vor allem bei der Immunabwehr beispielsweise gegen Krankheitserreger eine Rolle spielt. Wir gehen davon aus, dass der Trans-Signalweg hingegen besonders bei chronischen Entzündungen aktiv ist“, erläuterten Prof. Dr. Stefan Schreiber und Co-Autor Prof. Philip Rosenstiel. „Indem wir gezielt nur den Trans-Signalweg blockieren, bleibt der für eine gesunde Immunreaktion wichtige klassische IL-6-Signalweg ungestört."
 

Redaktion journalmed.de (EG)

Literatur:

  • Roeb, E. Colitis ulcerosa, Therapie nach neuer Leitlinie, Pharm. Ztg. 2019 https://www.pharmazeutische-zeitung.de/therapie-nach-neuer-leitlinie/
  • Berg, C. Gut leben mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, Pharm. Ztg. PTA-Forum 2019,
  • https://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/gut-leben-mit-morbus-crohn-oder-colitis-ulcerosa/
  • AWMF, Colitis ulcerosa - Living Guideline, https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-009.html
  • Wehkamp, Jan; Götz, Martin; Herrlinger, Klaus; Steurer, Wolfgang; Stange, Eduard F.
  • Chronisch entzündliche Darm¬er¬krank¬ungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 72-82; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0072 https://www.aerzteblatt.de/archiv/173706/Chronisch-entzuendliche-Darm%C2%ADer%C2%ADkrank%C2%ADungen
  • Leben mit CED  https://www.leben-mit-ced.de/ 

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