Gendermedizin: Was Hausärzt:innen wissen müssen
Dr. rer. nat. Carola GöringAm Anfang war Max Mustermann – männlich, jung, 1,75 Meter hoch, 75 Kilogramm schwer. Herr Mustermann ist auch ein häufig rekrutierter Teilnehmer an klinischen Studien. Denn was Ärztinnen und Ärzte über die Diagnose, Behandlung und Prävention von Krankheiten wissen, stammt aus Studien, die hauptsächlich an männlichen Zellen, männlichen Mäusen und Männern durchgeführt wurden. Zwar wurden in den letzten Jahren zunehmend geschlechts-abhängige Daten in verschiedensten medizinischen Fachgebieten erforscht und erhoben – 2021 waren es knapp 9.000 Publikationen in der Datenbank Pubmed, die unter dem Suchbegriff „Gender“ UND „differences“ angezeigt wurden. Trotzdem ist die Datenlage zu therapierelevanten geschlechtsassoziierten Unterschieden immer noch lückenhaft und das bereits vorhandene Wissen wird in Klinik und Praxen noch zu selten umgesetzt – auch weil es bisher in den existierenden Leitlinien kaum aufscheint.
Was ist Gendermedizin?
Die Gendermedizin beschäftigt sich mit dem Einfluss von – biologischen sowie soziokulturellen – Geschlechteraspekten auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen. Ihr Ziel ist es, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu optimieren. Als junge Wissenschaft fehlen der Gendermedizin nach wie vor Daten zum weiblichen Geschlecht und zu non-binären, trans- oder inter-identen Personen. Hier besteht Nachholbedarf, sowohl in der Forschung als auch was die Umsetzung der bereits vorliegenden Erkenntnisse in der Praxis angeht. Denn Frauen, Männer und andere Geschlechter haben Anspruch auf die bestmöglichste, geschlechtsspezifische Medizin – die Gendermedizin. Das erfordert einen Bewusstseinswandel und weitere Forschung.
Was ist der Unterschied zwischen Sex und Gender?
Der Begriff Geschlecht umfasst sowohl das biologische Geschlecht als auch das soziokulturelle Geschlecht. Damit ist der Begriff „geschlechtsspezifische Medizin" oder besser noch „geschlechtssensible Medizin“ (GSM) viel umfassender als der häufig verwendete Begriff „Gendermedizin“. Denn erstens bezeichnet der aus dem englischen Sprachraum kommende Begriff „gender“ ausschließlich die soziokulturellen Aspekte des Geschlechts. Daher wird im englischen häufig auch korrekterweise von „sex-and-gender-specific-medicine“ gesprochen. Es findet sich jedoch auch sehr häufig die inhaltlich unkorrekte Abkürzung „gender-medicine“. Zweitens ist anzumerken, dass geschlechtsspezifisch tatsächlich bedeutet: „nur“ für dieses Geschlecht, Beispiel: der Uterus ist ein geschlechtsspezifisches Merkmal. Unterschiede, das heißt Merkmale, die zwischen den Geschlechtern unterschiedlich stark ausgeprägt sind, werden als geschlechts-abhängig oder geschlechts-sensibel bezeichnet, Beispiel: der Muskelanteil am Gesamtkörpergewicht ist geschlechtsabhängig.
Was ist geschlechtssensible Medizin?
Die geschlechtssensible Medizin untersucht, wie sich Prävention, Diagnostik, Behandlungen, Ergebnisse, aber auch Wahrnehmung und Präsentation von Krankheiten zwischen Mann, Frau und anderen Geschlechtern unterscheiden. Auf biologischer Ebene finden sich solche Unterschiede zum Beispiel in der Genetik, speziell den Geschlechtschromosomen, bei den Hormonen, im Stoffwechsel und damit in jeder Zelle. Maßgeblich sind jedoch auch Umwelt, Kultur, soziale, gesellschaftliche und psychologische Einflüsse. Dabei interagieren all diese körperlichen und psychosozialen Faktoren lebenslang und beeinflussen Gesundheit und Wohlbefinden. Ein wichtiger körperlicher Unterschied ist, dass sich Frauenkörper im Leben stärker und häufiger als Männerkörper verändern. Allein hormonell bedingt unterscheidet man vier verschiedene Phasen im Leben der Frau: Pubertät, Fertilität, Menopause und Postmenopause. Dazu kommen verschiedene gesellschaftliche Rollen und seelische Belastungen. Zu letzterem gehören auch die häusliche Gewalt und die sexualisierte Gewalt, hier sind vor allem Mädchen und Frauen das Opfer. Das sind schwierige, aber auch sehr wichtige Themen, gerade in der hausärztlichen Praxis.
Pharmakologie der Geschlechter
Viele Arzneimittel wirken bei Frauen anders als bei Männern. Die individuellen Wirkungen und Nebenwirkungen hängen von verschiedenen pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Faktoren ab. Diese können zurückgeführt werden auf die Genetik (XX oder XY-Chromosomen), unterschiedliche epigentische Veränderungen und die Wirkung von Sexualhormonen. So sorgen Unterschiede in Bioverfügbarkeit, Verteilung, Metabolisierung und Elimination von Arzneimitteln dafür, dass Medikamente von Frauen in anderem Tempo und auch anderer Menge resorbiert, verteilt, verstoffwechselt und ausgeschieden werden.
Wichtig sind auch hier Gender-Aspekte, denn Frauen haben häufig eine bessere Compliance als Männer. Auch nehmen Frauen häufiger freiverkäufliche Arzneimittel ein, die möglicherweise mit verordneten Substanzen interagieren. All dies gilt es zu berücksichtigen. Die Tabelle führt einige häufig eingesetzte Medikamente auf, die bei Frauen anders wirken als bei Männern. Es gibt jedoch in Deutschland keine Übersicht bzw. Datenbank, die solche Unterschiede in Wirkungen oder Nebenwirkungen systematisch erfasst. Anders ist dies in Schweden, hier gibt es mit „Janusmed Sex an Gender“ eine Datenbank, die auch in englisch zur Verfügung steht. Hier kann in einer Suchmaske nach Substanznamen gesucht werden. Sind geschlechtsspezfische Unterschiede bekannt, werden diese aufgeführt.
Hier gelangen Sie zur Suchmaske der englischsprachigen Datenbank.
Welche Unterschiede gibt es bei verschiedenen Erkrankungen?
Gender und biologisches Geschlecht werden im medizinischen Alltag in der Regel zu wenig beachtet, obwohl es deutliche Abweichungen zwischen Frauen und Männern gibt. Deutliche Geschlechterunterschiede finden sich im Immunsystem und bei den meisten chronischen Krankheiten wie Herzerkrankungen, Krebserkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Schlaganfall, Alzheimer, Typ-2-Diabetes, chronische Nierenerkrankungen, chronische Lebererkrankungen sowie bei Depressionen und Suiziden. Frauen manifestieren häufiger Autoimmunerkrankungen und Schmerzsyndrome und im Alter neurodegenerative Veränderungen. Das Schmerzempfinden und Stressantworten unterscheiden sich meist deutlich zwischen den Geschlechtern. Bei Männern werden „weiblich konnotierte“ Erkrankungen wie Depressionen und Osteoporose seltener erkannt.
Was bedeutet genderspezifische Medizin für die Therapie und den Therapieerfolg?
Im Zusammenhang mit dem Geschlecht lassen sich Über-, Unter- und Fehlversorgung mit Arzneimitteln nachweisen. Das birgt Risiken für die Betroffenen und verursacht unnötige Kosten im Gesundheitssystem. Hier sind zweu Beispiele für Medikamenten-Unterversorgungen:
Vorhofflimmern: Frauen erhalten nach einer US-amerikanischen Studie seltener eine leitliniengerechte Therapie mit Antikoagulanzien als Männer.
Herzinsuffizienz: Frauen werden seltener leitliniengemäß therapiert. Dabei können auch unterschiedliche Nebenwirkungsprofile bei Frauen und Männern eine Rolle spielen. Wie eine neuere Studie zeigt, könnten Medikamente gegen Herzinsuffizienz bei Frauen sehr wahrscheinlich mit der Hälfte der in den Leitlinien empfohlenen Dosis ihren vollen Effekt erreichen.
Welche Substanzen wirken bei Frauen anders als bei Männern?
ACE-Hemmer: Schlechtere Wirksamkeit, mehr Reizhusten
Acetylsalicylsäure: Schwächer ausgeprägte Thrombozytenaggregation; in der Primärprävention Einfluss auf die Rate ischämischer Schlaganfälle, nicht aber auf die Herzinfarktrate
Antiarrhythmika, QTc-Zeit verlängernde Pharmaka: Mehr Torsade-de-pointes-Tachykardien
Antikoagulantien und Thrombolytika: Mehr Blutungskomplikationen
Antipsychotika: Besseres Ansprechen, geringere Dosis nötig
Betablocker: Mehr Nebenwirkungen, v.a. Myopathien
Digitalis-Präparate: Höhere Sterblichkeit
Diuretika: Mehr Nebenwirkungen
Morphin: Wirkt stärker analgetisch
Statine: Häufigere Myopathien
Zolpidem: Langsamerer Abbau
Häufig gestellte Fragen zum Thema Gendermedizin
Rund um das Thema Gendermedizin stellen sich oft viele Fragen. In dieser Patient:innen-FAQ finden Sie Antworten.
Literatur:
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