Journal MED
Gendermedizin
Inhaltsverzeichnis

Was ist Gendermedizin?

Die Gendermedizin beschäftigt sich mit dem Einfluss von – biologischen sowie soziokulturellen – Geschlechteraspekten auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen. Ihr Ziel ist es, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu optimieren. Als junge Wissenschaft fehlen der Gendermedizin nach wie vor Daten zum weiblichen Geschlecht und zu non-binären, trans- oder inter-identen Personen. Hier besteht Nachholbedarf, sowohl in der Forschung als auch was die Umsetzung der bereits vorliegenden Erkenntnisse in der Praxis angeht. Denn Frauen, Männer und andere Geschlechter haben Anspruch auf die bestmöglichste, geschlechtsspezifische Medizin – die Gendermedizin. Das erfordert einen Bewusstseinswandel und weitere Forschung.

Was ist der Unterschied zwischen Sex und Gender?

Der Begriff Geschlecht umfasst sowohl das biologische Geschlecht als auch das soziokulturelle Geschlecht. Damit ist der Begriff „geschlechtsspezifische Medizin" oder besser noch „geschlechtssensible Medizin“ (GSM) viel umfassender als der häufig verwendete Begriff „Gendermedizin“. Denn erstens bezeichnet der aus dem englischen Sprachraum kommende Begriff „gender“ ausschließlich die soziokulturellen Aspekte des Geschlechts. Daher wird im englischen häufig auch korrekterweise von „sex-and-gender-specific-medicine“ gesprochen. Es findet sich jedoch auch sehr häufig die inhaltlich unkorrekte Abkürzung „gender-medicine“. Zweitens ist anzumerken, dass geschlechtsspezifisch tatsächlich bedeutet: „nur“ für dieses Geschlecht, Beispiel: der Uterus ist ein geschlechtsspezifisches Merkmal. Unterschiede, das heißt Merkmale, die zwischen den Geschlechtern unterschiedlich stark ausgeprägt sind, werden als geschlechts-abhängig oder geschlechts-sensibel bezeichnet, Beispiel: der Muskelanteil am Gesamtkörpergewicht ist geschlechtsabhängig.

Östrogen schützt die Nieren vor Schäden durch Ferroptose

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Östrogen schützt die Nieren vor Schäden durch Ferroptose

Jetzt lesen

Was ist geschlechtssensible Medizin?

Die geschlechtssensible Medizin untersucht, wie sich Prävention, Diagnostik, Behandlungen, Ergebnisse, aber auch Wahrnehmung und Präsentation von Krankheiten zwischen Mann, Frau und anderen Geschlechtern unterscheiden. Auf biologischer Ebene finden sich solche Unterschiede zum Beispiel in der Genetik, speziell den Geschlechtschromosomen, bei den Hormonen, im Stoffwechsel und damit in jeder Zelle. Maßgeblich sind jedoch auch Umwelt, Kultur, soziale, gesellschaftliche und psychologische Einflüsse. Dabei interagieren all diese körperlichen und psychosozialen Faktoren lebenslang und beeinflussen Gesundheit und Wohlbefinden. Ein wichtiger körperlicher Unterschied ist, dass sich Frauenkörper im Leben stärker und häufiger als Männerkörper verändern. Allein hormonell bedingt unterscheidet man vier verschiedene Phasen im Leben der Frau: Pubertät, Fertilität, Menopause und Postmenopause. Dazu kommen verschiedene gesellschaftliche Rollen und seelische Belastungen. Zu letzterem gehören auch die häusliche Gewalt und die sexualisierte Gewalt, hier sind vor allem Mädchen und Frauen das Opfer. Das sind schwierige, aber auch sehr wichtige Themen, gerade in der hausärztlichen Praxis.

Pharmakologie der Geschlechter

Viele Arzneimittel wirken bei Frauen anders als bei Männern. Die individuellen Wirkungen und Nebenwirkungen hängen von verschiedenen pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Faktoren ab. Diese können zurückgeführt werden auf die Genetik (XX oder XY-Chromosomen), unterschiedliche epigentische Veränderungen und die Wirkung von Sexualhormonen. So sorgen Unterschiede in Bioverfügbarkeit, Verteilung, Metabolisierung und Elimination von Arzneimitteln dafür, dass Medikamente von Frauen in anderem Tempo und auch anderer Menge resorbiert, verteilt, verstoffwechselt und ausgeschieden werden.

Wichtig sind auch hier Gender-Aspekte, denn Frauen haben häufig eine bessere Compliance als Männer. Auch nehmen Frauen häufiger freiverkäufliche Arzneimittel ein, die möglicherweise mit verordneten Substanzen interagieren. All dies gilt es zu berücksichtigen. Die Tabelle führt einige häufig eingesetzte Medikamente auf, die bei Frauen anders wirken als bei Männern. Es gibt jedoch in Deutschland keine Übersicht bzw. Datenbank, die solche Unterschiede in Wirkungen oder Nebenwirkungen systematisch erfasst. Anders ist dies in Schweden, hier gibt es mit „Janusmed Sex an Gender“ eine Datenbank, die auch in englisch zur Verfügung steht. Hier kann in einer Suchmaske nach Substanznamen gesucht werden. Sind geschlechtsspezfische Unterschiede bekannt, werden diese aufgeführt.

Hier gelangen Sie zur Suchmaske der englischsprachigen Datenbank.

Harnsäure als kardiovaskulärer Risikofaktor auch im Normbereich – Frauen besonders betroffen

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Harnsäure als kardiovaskulärer Risikofaktor auch im Normbereich – Frauen besonders betroffen

Jetzt lesen

Welche Unterschiede gibt es bei verschiedenen Erkrankungen?

Gender und biologisches Geschlecht werden im medizinischen Alltag in der Regel zu wenig beachtet, obwohl es deutliche Abweichungen zwischen Frauen und Männern gibt. Deutliche Geschlechterunterschiede finden sich im Immunsystem und bei den meisten chronischen Krankheiten wie Herzerkrankungen, Krebserkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Schlaganfall, Alzheimer, Typ-2-Diabetes, chronische Nierenerkrankungen, chronische Lebererkrankungen sowie bei Depressionen und Suiziden. Frauen manifestieren häufiger Autoimmunerkrankungen und Schmerzsyndrome und im Alter neurodegenerative Veränderungen. Das Schmerzempfinden und Stressantworten unterscheiden sich meist deutlich zwischen den Geschlechtern. Bei Männern werden „weiblich konnotierte“ Erkrankungen wie Depressionen und Osteoporose seltener erkannt.

Was bedeutet genderspezifische Medizin für die Therapie und den Therapieerfolg?

Im Zusammenhang mit dem Geschlecht lassen sich Über-, Unter- und Fehlversorgung mit Arzneimitteln nachweisen. Das birgt Risiken für die Betroffenen und verursacht unnötige Kosten im Gesundheitssystem. Hier sind zweu Beispiele für Medikamenten-Unterversorgungen:

  • Vorhofflimmern: Frauen erhalten nach einer US-amerikanischen Studie seltener eine leitliniengerechte Therapie mit Antikoagulanzien als Männer.

  • Herzinsuffizienz: Frauen werden seltener leitliniengemäß therapiert. Dabei können auch unterschiedliche Nebenwirkungsprofile bei Frauen und Männern eine Rolle spielen. Wie eine neuere Studie zeigt, könnten Medikamente gegen Herzinsuffizienz bei Frauen sehr wahrscheinlich mit der Hälfte der in den Leitlinien empfohlenen Dosis ihren vollen Effekt erreichen.

Neue Erklärung für Geschlechtsunterschiede bei Alterskrankheiten

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Neue Erklärung für Geschlechtsunterschiede bei Alterskrankheiten

Jetzt lesen

Welche Substanzen wirken bei Frauen anders als bei Männern?

  • ACE-Hemmer: Schlechtere Wirksamkeit, mehr Reizhusten

  • Acetylsalicylsäure: Schwächer ausgeprägte Thrombozytenaggregation; in der Primärprävention Einfluss auf die Rate ischämischer Schlaganfälle, nicht aber auf die Herzinfarktrate

  • Antiarrhythmika, QTc-Zeit verlängernde Pharmaka: Mehr Torsade-de-pointes-Tachykardien

  • Antikoagulantien und Thrombolytika: Mehr Blutungskomplikationen

  • Antipsychotika: Besseres Ansprechen, geringere Dosis nötig

  • Betablocker: Mehr Nebenwirkungen, v.a. Myopathien

  • Digitalis-Präparate: Höhere Sterblichkeit

  • Diuretika: Mehr Nebenwirkungen

  • Morphin: Wirkt stärker analgetisch

  • Statine: Häufigere Myopathien

  • Zolpidem: Langsamerer Abbau

Patient:innen-FAQ

Häufig gestellte Fragen zum Thema Gendermedizin

Rund um das Thema Gendermedizin stellen sich oft viele Fragen. In dieser Patient:innen-FAQ finden Sie Antworten.

Literatur:

(1)

Mauvais-Jarvis F et al. (2020) Sex and gender: modifiers of health, disease, and medicine, Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31561-0.

(2)

Regitz-Zagrosek (2014): Geschlechterunterschiede in der Pharmakotherapie, Bundesgesundheitsblatt, DOI: 10.1007/s00103-014-2012-6.

(3)

Karlsson Lind et al. (2017) Sex differences in drugs: the development of a comprehensive knowledge base to improve gender awareness prescribing, Biology of sex differences, DOI: 10.1186/s13293-017-0155-5.

(4)

Eckman MH et al. (2016) Using an Atrial Fibrillation Decision Support Tool (AFDST) for Thromboprophylaxis in Atrial Fibrillation: Impact of Gender and Age, Journal of American Geriatriatics Society, DOI: 10.1111/jgs.14099

(5)

Santema BT et al. (2019) Identifying optimal doses of heart failure medications in men compared with women: a prospective, observational, cohort study, Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(19)31792-1

(6)

Thürmann P. (2006): Geschlechtsspezifische Aspekte in der Pharmakotherapie — was ist gesichert?, Zeitschrift für Allgemeinmedizin, DOI: 10.1055/s-2006-942089

(7)

Skilving N et al. (2016) Statin-induced myopathy in a usual care setting-a prospective observational study of gender differences, European Journal of Clinical Pharmacology, DOI: 10.1007/s00228-016-2105-2