Samstag, 15. Juni 2024
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Diabetes: Geschlechterunterschiede bei Entstehung, Diagnostik und Behandlung

von Dr. rer. nat. Carola Göring und PD Dr. med. Susanne Reger-Tan

Diabetes: Geschlechterunterschiede bei Entstehung, Diagnostik und Behandlung
Beim Typ-2-Diabetes lohnt es sich genau hinzuschauen, denn es gibt geschlechterspezifische Unterschiede bei der Diagnose, in der Häufigkeit der Erkrankung oder den Nebenwirkungen der Antidiabetika. Aber „auch wir als medizinisches Personal behandeln die Geschlechter unterschiedlich“, sagt PD Dr. Susanne Reger-Tan im Podcast: „Diese Lücke muss geschlossen werden“. Weitere spannende Themen: Frauen mit Oberlippenbärtchen, das eines von 3 Merkmalen für das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) ist. Liegt tatsächlich ein PCOS vor, ist das Risiko für Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht. Noch ein wichtiger Punkt: Neuere Erkenntnisse zum Onko-Diabetes legen die konsequente Nutzung der Krebsscreening-Angebote für Menschen mit Diabetes nahe.

Was erwartet Sie in der fünften Folge des Podcasts „GENDERMED – Geschlechter-sensible Medizin“?

Dies sind die Highlights (Minuten:Sekunden)
 
  • 02:34 Männer erkranken häufiger an Diabetes als Frauen – Stimmt das?
  • 06:51 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Diabetes im Alter
  • 11:29 Diabetes und Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS)
  • 15:24 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Diagnostik des Diabetes
  • 19:05 Krebs und Diabetes – Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen?
  • 23:47 Gibt es „männliche“ und „weibliche“ Risikofaktoren für Diabetes?
  • 28:21 Nebenwirkungen bei Diabetes-Therapien: Unterschiede zwischen Frauen und Männern
  • 29:58 Diabetes und COVID – Haben Frauen mit Diabetes ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf?
 

Hören Sie rein!

GENDERMED – ein Podcast von journalmed.de · Diabetes: Geschlechterunterschiede bei Entstehung, Diagnostik und Behandlung
 

Shownotes zur Podcast-Folge „Diabetes: Geschlechterunterschiede bei Entstehung, Diagnostik und Behandlung“

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Transkript zur Podacastfolge: „Diabetes: Geschlechterunterschiede bei Entstehung, Diagnostik und Behandlung“

(Es gilt das gesprochene Wort)

Patientin oder Patient. Das macht einen Unterschied. Medizinjournalistin Dr. rer. nat. Carola Göhring erklärt Geschlechter-sensible Aspekte der Medizin gemeinsam mit Expert:innen hier im GenderMED-Podcast von journalmed.de.

Dr. rer. nat. Carola Göring: Liebe Hörerinnen und Hörer! Es freut mich, dass Sie wieder mit dabei sind beim GENDERMed-Podcast. Heute geht es um das Thema Diabetes und wie das biologische und auch das soziale Geschlecht die Erkrankung beeinflusst. Ich bin Carola Göring und freue mich schon sehr auf das Gespräch mit meiner Expertin heute, Frau Dr. Reger-Tan. Herzlich willkommen hier im Podcast!

PD Dr. Susanne Reger-Tan: Hallo Frau Göring! Vielen Dank für die Einladung! Ich freu mich sehr.

Carola Göring: Schön, ich darf Sie kurz noch etwas unseren Hörer:innen vorstellen: Frau Dr. Reger-Tan ist Oberärztin an der Klinik für Endokrinolgie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. Sie leitet das dortige Diabeteszentrum, das als Diabetologikum DDG von der Deutschen Diabetes Gesellschaft ausgezeichnet wurde. Sie ist Spezialistin für das polyzystische Ovarsyndrom PCOS und als solche ist sie auch Koordinatorin für die nationale Leitlinie dazu, die  gerade erarbeitet wird. Und das PCOS ist ein Risikofaktor für Diabetes, und über diese Schiene ist Frau Dr. Reger-Tan dazu gekommen, sich mit geschlechter-sensiblen Aspekten bei Diabetes zu befassen. Habe ich jetzt etwas Wichtiges zu Ihrer Person vergessen?

Susanne Reger-Tan: Nein, das war exzellent (lacht).

Carola Göring: Gut, dann gleich meine erste Frage. Für die Vorbereitung dieser GENDERMED-Podcastfolge habe ich mir diesen Gesundheitsbericht Diabetes 2022 der Deutschen Diabetes Gesellschaft mal angeschaut und ich war erstaunt, dort kein eigenes Kapitel zu Geschlechterunterschieden gefunden zu haben. Sind Geschlechterunterschiede bei der Volkskrankheit Diabetes unwichtig oder warum werden die nicht thematisiert?

Susanne Reger-Tan: Es sind Geschelchterunterschiede zu sehen. Ich glaube aber, dass das Thema Geschlechtsunterschied und auch Genderaspekte ein relativ junges Thema in der Medizin sind. Und das gilt nicht nur für den Diabetes, so dass wir uns da sicherlich in der Entwicklung befinden. Aber das ist eine gute Entwicklung, finde ich. Sicherlich, Sie haben recht, es könnte jetzt im Augenblick mehr Aufmerksamkeit erfahren, aber vielleicht kommt das noch.

Carola Göring: Ja, vielleicht ist ja dann im nächsten Jahr schon ein Kapitel drin.

Susanne Reger-Tan: Ja, vielleicht.

Carola Göring: Genau. Und auch beim Diabetes gibt es ja diese Geschlechterunterschiede. So erkranken ja Männer häufiger an Diabetes als Frauen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Susanne Reger-Tan: Also es ist tatsächlich so, wenn man weltweit schaut und mal durchzählt, sind mehr Männer weltweit betroffen als Frauen. Aber man muss ein bisschen berücksichtigen, dass es regionale Unterschiede gibt. Also man sieht diesen Geschlechterunterschied nicht überall. In Großbritannien zum Beispiel ist er nachweisbar, in den Vereinigten Staaten aber nicht.

Carola Göring: Ah.

Susanne Reger-Tan: Ja, Und man muss es auch so ein bisschen über die Lebensspanne sehen. Also Frauen erkranken häufiger in früheren jungen Jahren. Im mittleren Lebensabschnitt sind es wieder die Männer, die häufiger betroffen sind. Und am Ende des Lebensjahres sind beide gleichermaßen betroffen. Also egalisieren sich dann. Dass Frauen am Anfang des Lebens häufiger betroffen sind, das ist insofern relevant … Also man sieht bei den Kindern und Jugendlichen, dass die Rate an Typ-2-Diabetes zum Beispiel, die ja weltweit steigt, wegen Adipositas, Frauen mehr trifft oder weibliche Kinder als männliche. Und das ist insofern relevant, als dass wir denken, je länger man Zeit mit zu viel Glukose im Blut herumläuft oder verlebt, dass das Risiko für kardiovaskuläre, also Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Insofern sind Frauen vielleicht deswegen alleine schon einem höheren Risiko später an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu leiden, ausgesetzt.

Carola Göring: Verstehe. Also, weil sie schon recht früh häufiger erkranken und über die Lebenszeit mehr Glukose im Blut ist, haben Sie hinterher ein höheres Risiko? Ah ja, das ist ja interessant. Sie gaben mir eben schon ein Stichwort: Typ-2 Diabetes. Über das, was wir jetzt sprechen, gilt das alles für Typ-2-Diabetes, oder unterscheiden wir das noch? Weil es sind ja 2 ganz unterschiedliche Erkrankungen.

Susanne Reger-Tan: Das sind sie tatsächlich. Sie münden beide in einem Überschuss an Zucker im Blut und haben deswegen natürlich auch nach hinten hin ein entsprechendes Risiko. Aber das sind vom Ursprung her total unterschiedliche Dinge. Beim Typ-2-Diabetes, der ja so 90 bis 95% der Diabetesfälle ausmacht, liegt eben eine Insulinresistenz vor. Das heißt, die Körperzellen sind nicht sehr empfindlich auf das Hormon Insulin, was wir ausschütten und was in dieser Situation eigentlich auch in einem hohen Maß ausgeschüttet wird. Dahingegen ist Typ-1-Diabetes eine eher verhältnismäßig seltene Diagnose, und sie beruht eher auf einer Kombination von Autoimmunerkrankungen und eben Umweltfaktoren. Und das kann wiederum sehr komplex sein. Und typischerweise ist Typ-1-Diabetes etwas Besonderes unter den Autoimmunerkrankungen, wenn man Geschlechtsverteilung wieder angeht, weil diese Autoimmunerkrankungen normalerweise eigentlich viel häufiger Frauen betreffen als Männer. Aber bei Typ-1-Diabetes scheint es so zu sein, dass ein bisschen häufiger die Jungen und die Männer betroffen sind als die Frauen und die Mädchen.

Carola Göring: Auch interessant. Haben Sie dafür irgendeine Erklärung, warum sich das so unterscheidet von den anderen Autoimmunerkrankungen?

Susanne Reger-Tan: Ist Schwierig, weil Typ-1-Diabetes sehr komplex ist. Also wir haben früher ja immer relativ simplistisch gedacht. Das ist wie bei allen Autoimmunerkrankungen, dass versehentlich Antikörper, die gegen unsere Körperzellen gerichtet sind, nicht aussortiert werden und deswegen die Bauchspeicheldrüse kaputt geht. Wir sehen aber immer mehr, dass es nicht nur ein einziger Gendefekt ist, sondern es sind viele kleine Gendefekte, die mit unterschiedlichem Risiko verbunden sind.

Wir sehen, dass mal auch Antikörper nicht nachweisbar sind; dass wenn der Insulinmangel, der absolute auftritt, unterschiedlich sein kann. Und es gibt sehr viele noch nicht sehr gut verstandene Umweltfaktoren, die das Auftreten eines Typ-1-Diabetes begünstigen können. Und wir verstehen noch nicht so ganz, warum steigt die Fallzahl des Typ-1-Diabetes jetzt in den letzten Jahren; das kann nicht genetisch alleine bedingt sein; das kann nicht durch das Geschlecht allein bedingt sein; in den Industrienationen ist es viel häufiger als in den anderen Nationen. Bei uns ist es so, dass die Kinder, die im Frühjahr geboren werden, häufiger von dem Typ-1-Diabetes betroffen sind. Man denkt, dass wenn in den Industrieländern einfach die Kinder vielleicht zu wenig mit – plakativ gesagt – Dreck ausgesetzt sind und deswegen dazu neigen, einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln, superkomplex und da Geschlechtsaspekte noch rauszufiltern, ist schwierig.

Carola Göring: Gut. Das war der Typ-1-Diabetes. Ich denke, im Folgenden reden wir dann hauptsächlich über den Typ-2-Diabetes. Und wenn nicht, würde ich Sie bitten, das auch zu sagen.

Susanne Reger-Tan: Ja.

Carola Göring: Und wenn wir über Geschlechter und Genderunterschiede sprechen, also biologisches und soziales Geschlecht, wie entwickelt sich das beim Diabetes mit dem Alter, bzw. das haben Sie ja eben schon gesagt, mit den hormonellen Umstellungen, die ja auch mit dem Alter bedingt sind.

Susanne Reger-Tan: Wenn man darüber nachdenken will, ob – jetzt auf sex bezogen –, Sexualhormone einen Einfluss auf einen Krankheitsverlauf haben oder auf das Risiko einer Erkrankung, dann ist es natürlich sehr interessant zu gucken, gerade in den Phasen, wo Hormonumstellungen passieren, ob es dann Veränderungen im Risiko zum Beispiel gibt. Und bei uns sind es natürlich dann 2 Phasen, nämlich einmal die Pubertät, wo der Anstieg von weiblichem Hormon quasi Anlauf nimmt und dann die Phase, wo der Körper weniger weibliche Hormone produziert in der Menopause.

Und man kann sich denken, dass Östrogen Einflüsse nimmt auf das Entstehen von Diabetes und kardiovaskulären Risiko. Also die Vorstellung ist, dass zum Beispiel mit der Pubertät die weiblichen Hormone dazu führen, dass Frauen mehr Körperfett am Gesäß entwickeln als im Bauchbereich. Früher sagte man immer so der Birnen- und der Apfel-Typ …und die Frauen sind mehr die Birne, weil es nach unten hin und tiefer, also gerade am Gesäß  einen weiteren Umfang gibt. Und bei den Männern ist es mehr so der Apfel-Typ, weil halt gerade am Bauch der Umfang zunimmt und das mit viszeralem Fett erklärbar ist. Und dieses viszerale Fett eher ein kardiovaskuläres Risiko macht.

Das kann einen Teil erklären, ist aber ein bisschen komplexer als man das denkt. Man sieht, dass Frauen, die in die Menopause gehen, dann hinterher wieder ein höheres Risiko für Diabetes haben und man dann quasi postuliert, dass die mehr Richtung von Birne zum Apfel sich entwickeln. Und man sieht auch, wenn die Frauen weibliche Hormone ersetzen, was wir ja auch mal tun in bestimmten Situationen, dass das Diabetes Risiko dann wieder niedriger ist. Also es muss da irgendwie eine Verbindung geben.

Es ist aber nicht nur so ganz plakativ, weil Männer wiederum, die einen männlichen Hormonmangel haben, ebenfalls wieder ein höheres Risiko haben, einen Diabetes zu bekommen und sie das wiederum egalisieren können, wenn diese Hormone, die fehlen, ersetzt werden.

Carola Göring: Also bei Männern wäre es dann das Testosteron.

Susanne Reger-Tan: Genau, dann wärs das Testosteron. Es scheint so zu sein, dass der Mangel an Geschlechtshormon an und für sich einfach ungünstig für das jeweilige Geschlecht ist.

Carola Göring: Na ja, das ist ja schon mal eine ziemlich klare Aussage, auch wenn es doch kompliziert ist. Sie haben ja eben schon angesprochen, das viszerale Fett, das Bauchfett, ist ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Komplikationen …  zum Stichwort Risikofaktoren. Gibt es da eine unterschiedliche Wichtigkeit oder Wertigkeit bei Männern und Frauen, wenn man auch Adipositas, Hyperlipidämie … wenn man diese Dinge mal anschaut.

Susanne Reger-Tan: Also Frauen sind tendenziell bei Erstdiagnose Diabetes übergewichtiger als die Männer. Also Männer bekommen einen Diabetes mit ungefähr 1 bis 3 BMI-Punkten niedriger. Diese Verbindung zwischen Übergewicht und Diabetesrisiko scheint bei Frauen stärker ausgeprägt zu sein, dementsprechend. Es ist deutlicher zu sehen, dass ein vermehrter Taillenumfang gerade bei älteren Frauen mit einem Diabetesrisiko verbunden ist, und sie weisen häufiger Bluthochdruck und Übergewicht auf, aber Männer zeigen häufiger einen Mangel an dem guten Cholesterin HDL, und sie weisen häufiger Störungen der Harnsäure auf.

Bei jüngeren Menschen ist es so, dass diese Kombination Fettstoffwechselstörungen, Taillenumfangsvermehrung häufiger bei Frauen zu beobachten ist. Und hinsichtlich Verhaltensfaktoren scheint es so zu sein, dass Männern es ganz gut tut, zu arbeiten und auch hohe Belastungsarbeit auszuüben. Also das scheint irgendwie protektiv für das Diabetesrisiko zu sein.

Carola Göring: Also Sie meinen körperliche Arbeit?

Susanne Reger-Tan: Ja, genau, körperlich aktiv zu sein ist gut, gerade im männlichen Geschlecht. Und hinsichtlich des Rauchens ist es so, dass das für beide Geschlechter hinsichtlich des Diabetesrisiko ungünstig ist; gerade bei Frauen das Rauchen mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert ist.

Was man noch betonen muss ist, dass es natürlich bei Frauen genderspezifische Risikofaktoren gibt, die Männer einfach nicht haben. Ganz wichtig ist der Schwangerschaftsdiabetes, also der Gestationsdiabetes, ein sehr relevanter Risikofaktor für Frauen. Wenn Frauen in der Schwangerschaft einen Diabetes entwickelt haben, geht er häufig nach Entbindung weg, aber er ist für immer, lebenslang, mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden, dass sie im Verlauf ihres Lebens einen Typ-2-Diabetes entwickeln, so dass wir diese Frauen eigentlich sorgfältig nachbeobachten.

Da kommen wir ein bisschen zu meinem wissenschaftlichen Hintergrund. Es gibt eine sehr häufige Hormonerkrankung bei Frauen. Das nennt sich das polyzystische Ovarsyndrom. Und diese Frauen haben eine leichte Überproduktion von männlichen Hormonen, dass nur ganz diskret. Aber diese Erkrankung ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für Schwangerschafts- und auch Typ-2-Diabetes verbunden.

Carola Göring: Und darf ich da gleich nachfragen? Wie wird das dann diagnostiziert?

Susanne Reger-Tan:  Es gibt 3 Charakteristika dieser Erkrankung. Also man sagt einmal, die Frauen haben einen Überschuss männlicher Hormone. Das kann man im Labor bestimmen. Aber häufig reicht es auch aus, dass man die Patientinnen anguckt. Sie weisen eine vermehrte Körperbehaarung auf an Stellen, die Männer typischerweise so haben: Oberlippenbärtchen zum Beispiel. Oder sie haben einen Haarausfall entsprechend des männlichen Verteilungsmusters zum Beispiel an den Schläfen oder am Scheitel entlang nach außen. Oder Sie haben eine Akne, die nach der Pubertät nicht weggeht. Das sind so Zeichen eines männlichen Hormonüberschusses. Die Frauen beobachten häufig, und das beginnt schon nach der ersten Periodenblutung, dass ihr Zyklus länger dauert als man erwartet. Also jeder geht ja in der Regel davon aus, dass alle 4 Wochen ungefähr eine Menstruationsblutung eintritt. Und bei den Frauen sind es dann halt statt 4 Wochen, 5 Wochen oder länger und in Extremformen tritt er halt gar nicht auf.

Wenn der Frauenarzt untersucht, sieht man im Ultraschall auch schon mal so perlschnurartige Veränderungen der Eierstöcke. Das hat der Erkrankung den Namen gegeben. Das sind eigentlich keine Zysten, aber es sind so kleine Ei-Bläschen, die sich da ansammeln und die es nicht schaffen zum Eisprung. Und die sieht man im Ultraschall. Und wenn 2 von diesen 3 Kriterien, also Überschuss männlicher Hormone, Zyklusstörung oder eben dieses sonographisch typische Bild vorhanden ist und kein Hinweis für andere Erkrankung vorliegen, dann spricht man von einem polyzystischen Ovarsyndrom und es trifft mehr Frauen als sie eigentlich denken.

Carola Göring: Wie viele Frauen sind das etwa?

Susanne Reger-Tan: Also Bis zu 15%.

Carola Göring: Ui, das ist aber viel.

Susanne Reger-Tan: Ja, das ist sehr häufig. Und die Frauen kommen natürlich, weil sie an den äußerlichen Veränderungen leiden. Das ist ja sehr stigmatisierend auch. Sie haben es schwerer, schwanger zu werden, spontan. Dieses Syndrom ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für Übergewicht, Insulinresistenz und dann Typ-2-Diabetes und am Ende auch kardiovaskulären Erkrankung assoziiert.

Carola Göring: Oh, das war jetzt ein ganz wichtiger Exkurs, glaube ich zu dem Thema polyzystisches Ovarsyndrom, eben auch ein Risikofaktor für Diabetes. Und Sie haben eben schon andere Risikofaktoren genannt. Und vom Risikofaktor kann man ja sagen, die Krankheit ist ja noch nicht ausgebrochen. Hoffentlich. Wie sieht es dann aus mit der Prävention? Was wäre wichtig?

Susanne Reger-Tan: Ich glaube, dass man tatsächlich konsequent diese Geschlechtsunterschiede berücksichtigt und vermehrt darauf achtet. Also wenn ich weiß, dass eine Frau ein PCOS hat, sollte ich konsequent nachverfolgen, Therapiemaßnahmen einleiten, die Optimierung der Lebensgewohnheiten. Ich sollte früher, wenn Sie schwanger sind, dann darauf achten, liegt schon ein Diabetes vor in der Schwangerschaft? Und wenn ich weiß, dass Frauen bestimmte Risikofaktoren eher ausprägen als Männer, dann adressiert man bei den Frauen eher diese Risikofaktoren. Und bei den Männern, da achtet man dann zum Beispiel eher so auf HDL-Erniedrigung. Also, dass man einfach individuell entsprechend des Geschlechts darauf achtet.

Und man muss auch so ein bisschen bei der Diagnostik tatsächlich darauf achten: Frauen in den Frühformen des Diabetes weisen häufiger mal eine sogenannte gestörte Glukosetoleranz auf und Männer weisen häufiger als Frauen eben eine gestörte Nüchternglukose auf. Das heißt also, wenn ich nur nüchtern Glukose als Diagnostik heranziehen würde, übersehe ich es bei den Frauen – und andersherum, wenn ich nur Zuckerbelastungstests mache und nur auf den 2-Stunden-Wert im Zuckertest achte, dann übersehe ich vielleicht Männer, die dann Diabetes oder Prädiabetes haben, sodass man sicherlich da einfach mehr Bewusstsein haben muss.

Carola Göring: Was würde das konkret heißen? Also eher bei den Frauen häufiger mal einen oralen Glukose-Toleranztest machen, oder wie wäre die Empfehlung?

Susanne Reger-Tan: Es gibt ja 3 Kriterien, die wir nehmen können, um ein Diabetes zu diagnostizieren. Das ist der Langzeitzuckerwert. Der ist bei beiden Geschlechtern gleichermaßen aussagekräftig. Das heißt also, wenn ich mich auf den verlasse, dann weiß ich, da gibt es keinen Unterschied. Aber wenn ich die anderen 2 Parameter nur als einzige diagnostische Kriterien nehmen muss, dann muss ich mir darüber bewusst sein, dass ich bei einem der beiden Geschlechter möglicherweise unterdiagnostiziere. Entweder man geht die Strategie, dass man das geschlechtsneutrale Kriterium nimmt, oder man guckt halt vielfältig, also verlässt sich nicht nur auf einen Marker, einfach weil man sich den Unterschieden bewusst ist.

Carola Göring: Und der Langzeit Blutzuckerwert ist der HbA1c?

Susanne Reger-Tan: Genau.

Carola Göring: Ja, okay. Und die Volkskrankheit Diabetes ist ja auch so berüchtigt, eben weil es so häufig zu Komplikation und Folgeerkrankungen führt. Es kann Krebs entstehen – das ist glaube ich auch eines Ihrer Spezialgebiete, der Onko-Diabetes –  und Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch erektile Dysfunktion bei Männern. Gibt es bei diesen Komplikationen auch Geschlechter- oder Genderunterschiede?

Susanne Reger-Tan: Ja, es ist tatsächlich so, dass es da in mehreren Bereichen Unterschiede bei Frauen und Männern gibt. Hinsichtlich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist es so, dass Männer absolut häufiger ein kardiovaskuläres Ereignis, also zum Beispiel einen Herzinfarkt, entwickeln, aber nicht-fatale kardiovaskuläre Ereignisse, also die, an dem man nicht akut verstirbt, die treten häufiger bei Frauen auf. Es ist schon mal auch mit anderen Risikofaktoren verbunden und wir haben das Gefühl, dass das Risiko bei Frauen dann ansteigt, wenn eben die Menopause eingetreten ist. Gleichzeitig ist es so, dass sie andere Symptome oft schildern, also es nicht dieser typische Brustschmerz, sondern es sind untypischere Symptome, also Schmerzen zwischen den Schulterblättern zum Beispiel, oder Sie projizieren das in den Bauch hinein, so dass man das häufiger vielleicht mal übersehen kann oder fehldeutet. Und dann ist es tatsächlich so, dass Frauen, die mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme kommen, unterversorgt zu sein scheinen. Also sie werden seltener dann einer Herzkatheter-Untersuchung zum Beispiel unterzogen.

Es gibt Studien, die sagen, dass eine Frau mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme kommt und sie trifft auf einen ärztlichen männlichen Kollegen, die Wahrscheinlichkeit, dass es ungünstig verläuft, höher ist, als wenn sie auf einen weiblichen Arzt trifft. Das heißt also, wir scheinen Menschen je nach Geschlecht unterschiedlich zu versorgen. Und das ist natürlich ein neuer Aspekt noch, den wir unbedingt adressieren müssen, wo wir einfach besser sein werden müssen. Es darf da keine Unterschiede geben.

Carola Göring: Ja, ja ja, Da muss sich jeder mal nach den eigenen Bildern im Kopf fragen oder den eigenen Diagnosekriterien. Oder was würden Sie empfehlen, um diesen Gender-Bias – klingt natürlich toll, sagt wenig aus – um diesem Ungleichgewicht in der Betrachtung von Patientinnen und Patienten zu ergründen bei sich selber?

Susanne Reger-Tan: Ja, ich glaube natürlich, dass das einfach so sich entwickelt hat im Laufe der Jahrzehnte, dass man Herzinfarkte eher mit Männern assoziiert und das muss dann einfach, dann ist natürlich auch die Lösung des Problems, dass man durch mehr Bewusstsein das einfach wieder verändern muss. Es gibt Studien, die sagen, dass eben dieser Nachteil der Behandlung auch wieder aufgehoben wird, wenn diese Männer mit weiblichen Kollegen zusammenarbeiten oder mehr Erfahrung aufbauen mit Frauen, die einen Herzinfarkt hatten und die versorgt haben. Also es gibt Hoffnung.

Carola Göring: Ja, das ist gut.

Susanne Reger-Tan: Und es muss einfach nur eine Lernkurve sein, und dann glaube ich, wird das in den nächsten Jahren deutlich besser werden. Ich glaube, das ist so eine Sache, deren sind wir uns einfach nicht bewusst. Und dann ist es ja ein Leichtes, je mehr wir darüber reden und deswegen sind solche Podcasts sicher gut.

Carola Göring: Ja.

Susanne Reger-Tan: ...umso größer ist die Chance, dass wir das einfach ändern.

Carola Göring: Sicher auch ganz wichtig, diese unbewussten Vorstellungen im eigenen Kopf und Handeln. Ja, danke. Wir haben ja jetzt schon über einige Komplikationen und Folgeerkrankungen des Diabetes gesprochen. Und da Sie ja auch sich sehr gut auskennen mit dem sogenannten Onko-Diabetes, möchte ich Sie noch fragen: Was ist denn dazu wichtig?

Susanne Reger-Tan: Also ich beschäftige mich da mit Diabetes als Begleiterkrankung bei onkologischen Erkrankungen, aber auch als Nebenwirkung von onkologischen Therapien, da ist ein ganz spannendes Feld. Hinsichtlich Geschlecht und Krebserkrankung ist es so, dass durchweg eigentlich bis auf wenige Ausnahmen Männer häufiger von Krebserkrankungen betroffen sind. Das ist global zu beobachten, und sie haben auch eine kürzere Überlebensdauer. Das ist schon mit dem Geschlecht direkt verbunden, auch wenn man für andere Risikofaktoren adjustiert, also rausrechnet, bleibt dieser Unterschied immer noch zu beobachten. Man vermutet – es ist auch noch nicht so ganz klar – aber man vermutet, dass es auch mit unterschiedlichen Verhaltensmuster von Frauen und Männern zusammenhängt.

Also dass sie sich unterschiedlich ernähren, dass sie ein anderes Risikoverhalten auch aufweisen, also mehr trinken zum Beispiel, häufiger geraucht haben. Man merkt ja auch, dass Frauen dann im Rahmen der Gleichberechtigung im negativen Sinne eine Zeit lang aufgeholt haben, was Nikotinkonsum anging, und dann man auch beobachtet hat, dass sie häufiger natürlich an Lungenkrebs erkrankt sind. Na, es ist natürlich auch ein dynamischer Prozess, aber auch schon bevor Hormone aktiv werden und bevor dieses Risikoverhalten auftreten kann, beobachtet man bei Kindern oder bei Jungen einen Geschlechtsunterschied. Also es muss irgendwie mit dem Geschlecht tatsächlich zusammenhängen und auf genetischer Ebene unterscheiden sich Männer und Frauen ja einfach dadurch, dass Frauen 2 X-Chromosomen haben und Männer ein X- und ein Y-Chromosom und dass mit dem Y-Chromosom verbunden ist, dass Mechanismen in Gang gesetzt werden, die bei Frauen nicht auftreten können, dass bestimmte Gene, Onkogene sagt man, aktiviert werden – warum auch immer – die dann dazu führen, dass Männer einfach häufiger Krebserkrankungen erleiden.

Carola Göring: Und wie ist jetzt diese Verbindung zum Diabetes? Auf was muss man da achten?

Susanne Reger-Tan: Die Verbindung zwischen Diabetes und Krebserkrankungen ist zu beobachten, statistisch. Also das Risiko, eine Krebserkrankung zu entwickeln, ist höher, wenn eine Diabetesdiagnose vorliegt. Man diskutiert viel darüber, dass Insulinresistenz eine Rolle spielt und Hyperinsulinämie, weil es ein Wachstumsfaktor ist. Das ist nicht für alle Krebserkrankungen so, aber es gibt relativ deutliche Verbindungen zwischen Insulinresistenz oder Diabetes-Diagnose und Darmkrebs oder Leberkrebs zum Beispiel. Da überlegt man sich, ob das einfach was damit zu tun hat – Insulin kommt ja aus der Bauchspeicheldrüse – und hohe Konzentrationen einfach genau in diesen Gegenden dann quasi vorhanden sind. Aber es sind auch für andere Organe höhere Risiken verbunden, wo man nicht so gleich mit dem Blutkreislauf das so einfach erklären kann. Man sieht, andersherum wird sehr viel diskutiert, ob wenn man diese Insulinresistenz verbessert oder eben das Gewicht, das ja immer sehr schwer zu trennen, das Risiko für bestimmte Erkrankungen dann wieder senken kann. Also kann ich mit einer Gewichtsreduktion, kann ich das Risiko für bestimmte Krebserkrankung minimieren?

Oder Metformin wird gerade sehr intensiv untersucht wieder, ob es einen positiven Einfluss auf das Entstehen oder den Verlauf einer Krebserkrankung hat. Also weil es einfach Beobachtungen gibt, dass Menschen, die eine Diabetestherapie mit Metformin drin haben, bei bestimmten Erkrankungen einfach besser laufen als diejenigen, die kein Metformin haben. Aber es ist schwierig, muss man ganz ehrlich sagen. In diesen prosspektiven Studien, also wo man jetzt sagt, ich untersuche Frauen mit Brustkrebs und die kriegen die ganz herkömmlichen Brustkrebs Therapien, und dann dazu Metformin oder Placebo, diese Studien, die das dann untersucht haben, konnten das nicht eindeutig nachweisen oder sie laufen noch.

Carola Göring: Verstehe, Und wenn ich jetzt noch mal zurückgehe und so einen praktischen Aspekt überlege, würde es Sinn machen zu sagen, du hast Diabetes und bist übergewichtig. Also bitte mach einmal im Jahr das Darmkrebscreening, auch wenn du noch gar nicht so alt bist, zum Beispiel?

Susanne Reger-Tan: Es ist schon so, dass wir als Diabetologen natürlich sehr darauf achten, dass unsere Patienten alle Präventionsmaßnahmen konsequent durchführen. Es gibt keine gesonderten Regelungen für Patienten mit Diabetes. Aber wir achten darauf, dass wer macht das schon gerne? Wenn man dann 50 ist, dass man sagt zwar jetzt ist ein guter Zeitpunkt, Darmspiegelung einzuleiten und regelmäßig durchzuführen, um einfach das Entstehen von Darmkrebs zu verhindern. Wenn man dann schon gutartige Ausstülpung sieht, die man dann entfernen kann, ist es natürlich besser, man macht es dann, als wenn man 5 Jahre später oder 10 Jahre später, Darmkrebs behandeln muss. Also die Chance sollten wir systematisch nutzen.

Carola Göring: Noch mal zurück auf die verschiedenen Risikofaktoren und die möglichen Komplikation. Wie sollten denn Ihre Kolleginnen diese Unterschiede adressieren? Was sollten Sie Ihren Patientinnen und Patienten empfehlen?

Susanne Reger-Tan: Im Grunde ist es ja so, dass die die Empfehlungen ja für beide Geschlechter eigentlich gleich sind. Also wenn ich mal was Auffälliges finde, soll ich es genau so stringent bei einem Mann wie auch bei einer Frau behandeln. Da gibt es ja eigentlich keine Unterschiede. Das einzige ist, wir müssen uns darüber bewusst sein, dass bestimmte Risikofaktoren einfach häufiger in bestimmten Geschlechtern auftreten. So, dass wir einfach, wenn es um HDL-Mangel geht, bei Männern konsequenter hingucken. Wenn es um Gewichtsreduktion geht, dann müssen wir bei den Frauen wahrscheinlich konsequenter hingucke und es nicht einfach hinnehmen und dann auch adressieren und einfach den Menschen mitteilen, dein Risiko ist mit dem gleichen Taillenumfang möglicherweise höher als bei deinem Ehemann, der genauso übergewichtig ist.
Ich glaube tatsächlich, dass wir am Ende diese Lücke, dass wir bestimmte Bereiche unterversorgen, die müssen wir einfach aufholen.

Carola Göring: Also Appell auch an alle Kolleginnen und Kollegen! Wir haben jetzt noch gar nicht über die Diabetes-Therapien gesprochen. Ich glaube, da gibt es teilweise auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Wirkung und der Nebenwirkungen. Können Sie dazu was sagen und hier vor allem auf Praxis- oder Patienten-relevante Aspekte eingehen?

Susanne Reger-Tan: Also es ist so, dass von den älteren Substanzen Daten da sind, dass bestimmte Sachen halt einfach geschlechterspezifisch anders wirken. Also die alte Gruppe der Sulfonylharnstoffe, die dazu führen, dass mehr Insulin aus der Bauchspeicheldrüse ausgeschieden wird und eben so den Blutzucker reguliert, dass das häufiger bei Männern eher dazu führt, dass tatsächlich der Blutzucker sinkt. Während eine andere Gruppe von Substanzen, die es auch eigentlich fast nicht mehr gibt, das sind die sogenannten Glitazone, die haben bei Frauen besser funktioniert als bei Männern. Jetzt ist es nicht mehr so praxisrelevant, weil es diese beiden Substanzen fast nicht mehr, nicht mehr zum Einsatz kommen, weil wir einfach viel schönere Substanzklassen haben, die deutlich größere Effekte aufweisen und sicherer sind.

Und da ist es so, dass wir jetzt im Augenblick sehr häufig sogenannte SGLT2-Inhibitoren oder GLP1-Rezeptoragonisten verschreiben. Die SGLT2-Inhibitoren sind eine Gruppe von Medikamenten, die dazu führen, dass mehr Glukose in den Urin ausgeschieden wird. Also aus dem Blut in die Niere und dann mit dem Urin raus, und das sind so ungefähr 300 Kalorien Verlust, die man da ausscheidet. Das hat aber nicht nur diesen Kalorieneffekt und den Blutzucker-senkenden Effekt, sondern ganz viele andere positive Eigenschaften. Und diese Substanzgruppe hat gezeigt, dass sie das Überleben verlängert, dass kardiovaskuläre Ereignisse reduziert werden können, dass man mit dieser Therapie seltener ins Krankenhaus muss wegen einer Herzinsuffizienz, dass die Nierenfunktion länger erhalten bleibt, und diese Effekte sind erfreulicherweise geschlechtsunabhängig.

Und bei der zweiten Substanzgruppe den GLP1-Rezeptoragonisten, das sind Substanzen, die körpereigene Hormone nachahmen. Die wurden so gebaut, dass die dann aber deutlicher wirken und länger wirken als das, was wir normalerweise ausschütten. Die führen zu einer verzögerten Entleerung des Magens, sie vermitteln ein Sättigungsgefühl. Sie modeln aber auch die Darmhormone günstig um. Und die haben ebenfalls sehr eindrückliche Effekte gezeigt auf Überleben, kardiovaskuläre Ereignisrate, gerade auch im Schlaganfallbereich. Und sie sind damit assoziiert, dass sie substanziell Gewichtsreduktion erreichen können. Sie wirken sich wahrscheinlich günstig auf eine Fettlebererkrankung aus. Das ist auch ebenfalls eine sehr, sehr schöne Substanzklasse. Da scheint es so zu sein, dass der Effekt auf den Diabetes vergleichbar ist zwischen beiden Geschlechtern, die Frauen aber irgendwie mehr Gewicht verlieren als die Männer.

Carola Göring: Ah, interessant. Und das gute alte Basismedikament, das Metformin.

Susanne Reger-Tan: Metformin ist ein Medikament, was wir immer noch sehr, sehr gerne einsetzen und von dem wir das Wirkungsprofil sehr gut einschätzen können. Wo wir immer mutiger werden, dass auch bei schlechter Nierenfunktion einzusetzen, das in alten Studien ja gezeigt hat, dass es eben auch einen guten Einfluss hat auf Überlebensrate. Das scheint meines Erachtens gleichwertig zu sein für beide Geschlechter.
Wir setzen es sehr gerne Off-label ein, in unterschiedlichen Konstellationen. Bei Frauen mit PCOS ist einer der Standardmedikamente, um zum Beispiel auch Zyklusregulierung und Erfüllung des Kinderwunsches zu erreichen. Das ist das Besondere, glaube ich, was das Geschlecht angeht. Ja.

Carola Göring: Und die Nebenwirkung von diesen ganzen Therapien. Wissen Sie da was zu Geschlechterunterschieden?

Susanne Reger-Tan: Es gibt bei den SGLT2-Inhibitoren natürlich immer dieses dadurch, dass sie eine Glucosurie, also eine Ausscheidung von Zucker, begünstigen, ein höheres Risiko, dass sie Urogenitalinfekte entwickeln, das heißt also bakterielle und Pilzinfektion an den harnableitenden Wegen. Und weil Frauen natürlich eine kürzere Harnröhre haben als Männer, haben die häufiger dann Blasenentzündungen zum Beispiel. Und das ist anatomisch dann bedingt. Pilzinfektionen der Scheide sind natürlich häufiger, als dass ein Mann jetzt eine Pilzinfektion an der Pinselspitze zum Beispiel entwickelt. Das ist das, was geschlechtsspezifisch bei den SGLT2-Inhibitoren anders ist, was anatomisch bedingt ist.

Carola Göring: Aber es ist ja auch gut, das zu wissen, weil dann kann man ja entsprechend vorbeugen oder auch entsprechend schnell handeln.

Susanne Reger-Tan: Ja, das stimmt. Wir klären die Patienten immer auf, dass es dieses Risiko gibt. Also üblicherweise klären wir darüber auf. Warum wollen wir das geben? Was ist der Nutzen für für dich? Aber was sind auch die möglichen zu erwartenden Nebenwirkungen? Und was für Vorsichtsmaßnahmen können wir ergreifen, damit diese Nebenwirkungen nicht auftreten, und oder wie würden wir dann handeln.
Da sagen wir den Frauen, wir sagen eigentlich beiden Geschlechtern, dass sie darauf aufpassen müssen und dass das Risiko minimiert werden kann, indem man einfach Bewusstsein hat für diese möglichen Nebenwirkungen, dass man ausreichend trinkt und dass man halt eine konsequente Intimhygiene durchführt. Aber ist den Frauen auch schon klar, dass Harnwegsinfekte sie häufiger erwischen als Männer.

Carola Göring: Ja, ich glaube, das war auch jetzt noch mal sehr wichtig, auch für unsere Hörer:innen. Jetzt habe ich noch eine ganz andere Frage zu COVID-19 und Diabetes. Meines Wissens ist Diabetes auch ein Risikofaktor, schwer an COVID-19 zu erkranken, und das soll auch vor allem Frauen betreffen. Können Sie dazu noch was sagen?

Susanne Reger-Tan: Diabetes ist wie Adipositas ein sehr relevanter Faktor, der einen dazu prädisponiert, einen schweren COVID-Verlauf zu bekommen. Wir haben auch einmal jetzt eine wissenschaftliche Untersuchung gemacht der ersten COVID-Fälle in Deutschland. Da haben wir alle Patientinnen, die wegen COVID auf die Station gekommen sind, untersucht und sehr viele, also 38% aller eingewiesenen Menschen, hatten einen Diabetes und noch mal 38% hatten einen Prädiabetes, den die alle nicht kannten. Das heißt also, nur 1 von 5 hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme überhaupt keinen Diabetes oder keine Glukose-Stoffwechselstörung. Und was wir gesehen haben, schon an Tag 1 der Aufnahme: Das Risiko, einen schweren Verlauf zu haben, ist mit Prädiabetes und noch deutlicher mit Diabetes erhöht. Also das ist ein ganz klarer Risikofaktor, dass eine COVID-Infektion schlechter läuft. Also beide Geschlechter stecken sich gleich häufig an, aber Männer haben ein höheres Risiko, einen schweren Verlauf zu entwickeln. Also die Lungenbeteiligung ist einfach bei den Männern deutlicher ausgeprägt. Warum das so ist, haben wir noch nicht verstanden.

Carola Göring: Sollte man, wenn man das weiß, seinen Patientinnen und Patienten das mitgeben und sagen, ihr wisst, ihr habt den Diabetes, also seid wirklich vorsichtig mit dem COVID?

Susanne Reger-Tan: Genau. Das erste ist, man muss sich darüber klar sein, dass es diese Verbindung gibt. Und das beginnt nicht nur erst mit Diagnose des Diabetes, sondern auch schon mit Vorformen des Diabetes, also mit einem Prädiabetes. Das heißt, es lohnt sich in diesen Zeiten sicherlich, mehr Bewusstsein zu haben und auch abzuklären, wenn Risikofaktoren vorliegen wie,
 
  • Ich habe in meiner nahen Verwandtschaft jemanden, der schon Diabetes hat.
  • Ich habe eine Frau vor mir sitzen, die schon einen Schwangerschaftsdiabetes hatte,
  • jemand, der übergewichtig ist und andere Risikofaktoren aufweist,
dass man dann sicherlich mal konsequent abklärt und bei denjenigen, bei denen man so was detektiert, einfach konsequent die Maßnahmen umsetzt.

Also es gibt eine ganz klare Korrelation zwischen Risiko, schwer zu erkranken und der Güte der Glukosestoffwechsellage. Das ist ja im positiven Sinne eine Chance, weil wir, wenn wir den Diabetes gut behandeln, das Risiko minimieren können. Also wir können tatsächlich was Gutes tun, indem wir einfach wieder motiviert sind, den Diabetes besser einzustellen. Und dann beeinflussen wir auch direkt quasi das Risiko, schwer an COVID zu erkranken. Darüber hinaus klar, die in dieser Risikogruppe sollten natürlich alle möglichst geimpft sein, wenn sie nicht schon gerade frisch erkrankt waren.

Carola Göring: Ja, und Maske tragen hilft.

Susanne Reger-Tan: Maske tragen, klar. Also auf diese Patienten haben wir natürlich besonders geachtet – gerade so in den ersten Phasen, wo es sehr schlimm war – und haben alle aufgeklärt, dass sie insbesondere Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen. Also das Beste ist, man steckt sich erst gar nicht an!

Carola Göring: Jetzt haben wir schon sehr lange geredet über die vielen, vielen Facetten von Geschlechterunterschieden beim Diabetes. Jetzt wird es etwas persönlicher. Meine vorletzte Frage: Wie sind Sie darauf gekommen, Frau Dr. Reger-Tan, sich mit Geschlechter und Genderunterschieden bei Diabetes zu beschäftigen?

Susanne Reger-Tan: Also ich komm tatsächlich historisch wissenschaftlich aus dem Bereich des polyzystischen Ovarsyndroms. Also erst mal sind das alles Frauen natürlich, die betroffen sind und sie haben aber eben diesen etwas Überschuss an männlichen Hormonen und das ist superspannend, da zu gucken, was macht diese Konstellation mit dem metabolischen und dem kardiovaskulären Risiko? Das ist so eine Sache, die ich mir in den letzten Jahren sehr gerne angeguckt habe und es hat so ein bisschen was Fließendes. Also das ist genauso wie mit Genderaspekten. Das, was wir ja lernen, ist, dass es natürlich nicht eine binäre Codierung gibt von Geschlechtszugehörigkeit. Ich finds superspannend, sich Studien anzugucken – es gibt leider noch nicht sehr viele davon und es ist wirklich methodisch schwer umzusetzen und es gibt noch keinen richtigen Standard – aber wenn man einfach guckt, gibt es Geschlechtsunterschiede, aber auch, welchem Geschlecht gender-technisch fühle ich mich zugehörig – und nicht nur im Sinne von links und rechts, sondern auch Facetten dazwischen – und das dann mit mit der Krankheitsrelevanz zu korrelieren, finde ich schon super spannend.

Und wenn man sich ehrlicherweise einmal bewusst wird, das meiste, was wir wissen, basiert rein auf Untersuchung zu männlichen Zellen, männlichen Tieren und Männern und dass das nicht 1:1 auf Frauen einfach übertragbar ist, ich glaube, das müssen wir mehr, mehr ins Bewusstsein bekommen und das fängt jetzt an, man sieht es ja an der Studienlage, auch wenn es noch schwierig ist, sich da lang zu hangeln und sehr komplex ist und im Augenblick sehr viel noch auf Assoziationsstudien, also „was ist verbunden mit“.

Aber ich glaube, es lohnt sich da zu gucken, vor allen Dingen, wenn man sieht, dass wir nicht nur geschlechtsspezifische Unterschiede haben in Häufigkeiten, sondern dass wir als medizinisches Behandlungspersonal auch Geschlechter unterschiedlich behandeln. Und das ist ja eigentlich eine Lücke, die wir unbedingt aufholen müssen, die müssen wir schließen! Das, das kann nur zu einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung für unsere Bevölkerung führen. Und das ist finde ich superspannend. Es hat auch ein bisschen was mit Gleichberechtigung zu tun, weil es häufig tatsächlich so ist, dass Frauen da benachteiligt sind und unterversorgt.

Carola Göring: Das war jetzt schon ein tolles Schlusswort, aber ich würde Sie trotzdem noch bitten, einen Ausblick zu wagen. Wie ist es in 10 Jahren im Bereich Diabetes und geschlechtersensible Aspekte? Wie sieht die Versorgung dann aus?

Susanne Reger-Tan: Zeitliche Perspektiven zu geben, das ist immer schwierig. Ich denk schon, wenn man sich die Literatur anguckt, dass das Ganze sehr viel Dynamik gewonnen hat. Und man liest auch Andeutungen, dass genderspezifische Risikofaktoren in die Leitlinien einfließen sollen. Also man diskutiert gerade darüber, ob Gestationsdiabetes, der ja ausschließlich natürlich nur Frauen betrifft, als als geschlechtsabhängiger kardiovaskulärer Risikofaktor in die Leitlinien einfließen soll.

Ich würde mir als nächstes wünschen, dass PCOS mehr Beachtung findet als geschlechtsabhängiger Risikofaktor für Diabetes, für kardiovaskuläre Erkrankungen. Ich glaube aber, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen jetzt immer mehr eben diesen Geschlechtsunterschied mit berücksichtigen und auch geschlechtsabhängig Ergebnisse präsentieren. Also nicht mehr nur sagen, die ganze Population so und so und so, sondern Männer und Frauen. Gab es einen Unterschied? Ja oder nein? Wir werden dazu angehalten. Das liest man schon in den Statuten der Journals. Das finde ich super, einfach, weil es mehr Bewusstsein schafft.
Und vielleicht schaffen wir es in der Zukunft tatsächlich nicht nur über Sex und Geschlecht zu reden, sondern auch Genderaspekte in all ihren Facetten darzustellen. Das fände ich super.

Carola Göring: Liebe Frau Dr. Reger-Tan, vielen Dank, dass Sie mir und auch unseren Hörer:innen so viele Einblicke gegeben haben in verschiedenste Bereiche vom Diabetes und Assoziationen mit Geschlecht und Gender und auch so viele praktische Hinweise. Vielen Dank! Alles Gute für Sie und auf Wiederhören!

Susanne Reger-Tan: Ja, ich danke sehr für die Einladung. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Auf Wiederhören!

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Quelle: journalmed.de


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