Wie probiotische Bakterien die Darmfunktion
beeinflussen
Probiotika können einen erheblichen Einfluss auf die Regulation verschiedener Darmfunktionen haben und bei leichten Beschwerden zur Normalisierung der Darmtätigkeit beitragen. Führende Gastroenterologen, Ernährungsmediziner und Oecotrophologen trafen sich Ende September 2004 zu einem wissenschaftlichen Danone-Workshop in Bad Nauheim. Fünf namhafte Experten brachten mit ihren Vorträgen rund um das Thema „Microflora & Motility - Der Einfluss der Darmflora auf die Darmfunktion“ die teilnehmenden Wissenschaftler und Ärzte auf den neuesten Stand der Forschung. Besonders im Fokus: Die Studien zu Bifidobacterium animalis DN-173 010.
Der menschliche Darm eines Erwachsenen beherbergt bis zu 1014 Bakterien von 400 bis 600 verschiedenen Spezies. Einen Überblick über die vielfältigen bakteriellen Stoffwechselvorgänge im Darm und deren Endprodukte gab Prof. Blaut (Deutsches Institut für Ernährungsforschung, Potsdam). Typische bakterielle Abbauprodukte im Kolon sind kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat: Sie beeinflussen durch Senkung des pH-Werts das Darmmilieu und sind für eine erhöhte Resorption von Natrium und Wasser im Kolon verantwortlich. Darüber hinaus „erhöhen die kurzkettigen Fettsäuren den mukosalen Blutfluss und beeinflussen die mukosale Zellproliferation“, so Prof. Blaut.
Neben den Milchsäurebakterien, wie beispielsweise den Lactobazillen, zählen Bifidobakterien zu den bekanntesten im Darm vorkommenden Bakteriengattungen. Im Säuglingsalter dominieren sie die Darmflora, bevor sie in den folgenden Lebensjahren zurückgedrängt werden. Prof. Kneifel (Universität Wien) erläuterte die charakteristischen Merkmale der Bifidobakterien.
Die positive Rolle der Bifidobakterien in der kindlichen Darmflora ist unbestritten. Doch auch Erwachsene profitieren von diesen Bakterien. Bifidobakterien, für die in Studien probiotische Effekte nachgewiesen wurden, werden heute Joghurtprodukten zugesetzt, wobei Bifidobacterium animalis DN-173 010 in Activia® eine besondere Bedeutung zukommt. Dort – so Prof. Kneifel – „erfüllen diese vielfach wichtige sensorische, nicht zuletzt aber auch probiotische Funktionen, z.B. durch ihren Beitrag, die gastrointestinale Transitzeit zu verkürzen.” Dies kann eine interessante Option beispielsweise bei leichter Obstipation oder anderen leichten Darmbeschwerden darstellen.
Neuere Daten machen deutlich, dass Funktionsstörungen wie Obstipation, Reizdarmsyndrom oder veränderte Transitzeit mit der neuronalen Steuerung des Darms zusammenhängen: Die Steuerung des gastrointestinalen Transits und der Darmmotilität erfolgt durch das enterische Nervensystem. Es besteht aus ca. 100 Millionen Nervenzellen und wird auch als „Bauchhirn“ bezeichnet. Wie Prof. Bischoff (Medizinische Hochschule, Hannover) erläuterte, steuert das enterische Nervensystem neben der Muskulatur der Darmwand auch das Epithel, das Immunsystem und die Gefäße des Darms. Obwohl das enterische Nervensystem keinen direkten Kontakt mit dem Darmlumen hat, werden Signale aus dem Darminneren an dieses weitergeleitet. Verantwortlich dafür ist wahrscheinlich der Neurotransmitter Serotonin, der Signale von spezialisierten Epithelzellen an das enterische Nervensystem weiterleitet. Dies wäre eine Möglichkeit, wie Nahrung und Darmbakterien im Darminneren regulierend auf das enterische Nervensystem und damit indirekt auf die Darmfunktion wirken könnten.
Dass die Regulation des Darms trotz ausgeklügelter Steuerungsmechanismen häufig gestört sein kann, zeigt die weite Verbreitung von Verdauungsbeschwerden und Obstipation: 10-25% der Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten berichten beispielsweise von Verstopfungen, so Prof. Krammer (Universitätsklinik Mannheim).
Chronische Verstopfung und Obstipation aufgrund eines Reizdarmsyndroms sind die häufigsten Typen der Obstipation. Nur 10-25% der Patienten konsultieren wegen ihrer Verstopfung den Arzt. In der Therapie sollten zunächst dietätische Maßnahmen ausgeschöpft werden, dann erst sollten Laxantien zum Einsatz kommen. Auf dem Gebiet der Verstopfungen finden neue Probiotika wie Bifidobakterien ein potentielles Anwendungsgebiet: “insbesondere probiotische Lebensmittel sind ein hoffnungsvoller Ansatz in der dietätischen Therapie vieler Formen der Verstopfung“ folgerte Prof. Krammer. Allerdings erlaube nur eine gute Studienlage zum jeweiligen probiotischen Produkt einen therapeutischen Einsatz.
In ersten Studien (1,2) wurde eine Reduktion der orofäkalen Transitzeit für einen probiotischen Joghurt mit dem Stamm Bifidobacterum animalis DN–173 010 nachgewiesen (Activia®). Prof. Schrezenmeir (Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel, Kiel), neben Prof. Elmadfa (Universität Wien) Chairman des Workshops, wies zum Abschluss auf weitere Einsatzmöglichkeiten von Probiotika bei gastrointestinalen Erkrankungen hin. Für mehrere Stämme, wie z.B. LGG, konnte eine positive Wirkung auf Antibiotika-assoziierte Diarrhöen nachgewiesen werden. Auch einen positiven Einfluss auf infektiöse Enteritis konnten Studien für einige probiotische Stämme belegen, z.B. für Lactobacillus Casei Defensis (Actimel®). Eine Verbesserung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen durch bestimmte Stämme wird ebenfalls diskutiert und erste Studien geben den Befürwortern der Probiotika recht.
Die ermutigenden Studienergebnisse auf dem Gebiet der Probiotik ließen Prof Schrezenmeir folgendes Resümee ziehen: „Somit liegen durchaus Belege dafür vor, dass Probiotika die Darmflora beeinflussen und dabei präventive und therapeutische Effekte erzielen.”
Literatur:
(1): Bouvier M, et al: Effects of consumption of a milk fermented by the probiotic Bifidobacterium animalis DN-173 010 on colonic transit time in healthy humans. Bioscience and Microflora 2001; Vol 20(2): 43-48, 2001.
(2): Meance S, et al: Recent advance in the use of functional foods: Effect of the commercial fermented milk with Bifidobacterium animalis strain DN-173 010 and yoghurt strains on gut transit time in the elderly. Microb Ecol Health Dis 2003; 15: 15-22.