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   19.03.2006
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Ernährung von Leberpatienten: Verzweigtkettige Aminosäuren verhindern Komplikationen bei Leberzirrhose

Die Leberzirrhose ist das Endstadium vieler Lebererkrankungen und betrifft aktuell etwa 800 000 Menschen in Deutschland. Als Folge des fortschreitenden bindegewebigen Umbaus der Leber kommt es unter anderem zu Störungen der Eiweißsynthese mit Anhäufung von Ammoniak im Blut. Daraus kann sich als schwerwiegende Komplikation eine hepatische Enzephalopathie (HE) entwickeln, die mit einer minimalen Hirnleistungsschwäche beginnt und unbehandelt zum Leberkoma führen kann. Zur Vorbeugung und Behandlung der HE eignen sich verzweigtkettige Aminosäuren, die auch zu einer Verbesserung des Ernährungszustandes beitragen.


Eine Leberzirrhose hat Auswirkungen auf den Blutfluss, den Stoffwechsel und die Entgiftungsaufgabe der Leber. Die im Darm anfallenden Stoffwechselprodukte (insbesondere Ammoniak) werden an der Leber vorbeigeführt, gelangen in den systemischen Kreislauf und können auch das Gehirn schädigen. Bis zu 70 Prozent der Patienten haben zusätzlich eine Eiweiß- und Energiemangelernährung, dadurch kommt es zu körperlicher Schwäche, Störung des Immunsystems und in der Folge zu einer weiteren Verschlechterung der Leberfunktion.

„Durch eine optimierte Ernährung kann der Eiweißabbau bei Leberpatienten gestoppt werden“, sagte Professor Jürgen Stein aus Frankfurt bei einer Fortbildungsveranstaltung in Hannover, „außerdem wird damit einer HE vorgebeugt oder eine bereits eingetretene Hirnfunktionsstörung gemildert.“ Es gelte, einen katabolen in einen anabolen Stoffwechsel umzuwandeln. „Das ist eine ernährungsmedizinische Herausforderung“, betonte Stein. Auf keinen Fall sollte die Diagnose Leberzirrhose reflexhaft zu einer reduzierten Eiweißdiät führen, weil die Katabolie dadurch noch verstärkt wird. Stein plädiert für eine hochkalorische Ernährung mit einer Eiweißaufnahme von täglich etwa 1–1,2 g/kg Körpergewicht, dazu Vitamine und Spurenelemente. Das Nahrungseiweiß sollte vorzugsweise aus Milch- und Pflanzenprodukten stammen, weil darin viele verzweigtkettige Aminosäuren enthalten sind. Diese Aminosäuren werden – unabhängig von der Leberfunktion – vorwiegend im Muskel verstoffwechselt und liefern wertvolle Bausteine für den Eiweißaufbau.

Die verzweigtkettigen Aminosäuren Valin, Leucin und Isoleucin sind im Blut von Zirrhose-Patienten erniedrigt. Um das Defizit auszugleichen, kann die Nahrung von Leberpatienten mit verzweigtkettigen Aminosäuren angereichert werden. „Wir empfehlen eine solche Supplementation bei mangelernährten Leberpatienten, besonders wenn sich bereits eine minimale HE entwickelt hat“, sagte Stein. Bewährt habe sich die Nahrungsergänzung auch bei Patienten, die wegen weit fortgeschrittener Leberzirrhose auf eine Lebertransplantation warten. „Wenn diese Patienten eine niedrige Serumkonzentration an verzweigtkettigen Aminosäuren haben, ist das Risiko für Infektionen und Komplikationen nach der Organübertragung erhöht“, so Stein. In einer kontrollierten Studie ließen sich durch enterale Ernährung plus verzweigtkettige Aminosäuren Gewichtsverluste nach der OP reduzieren und die Patienten erholten sich schneller.

Weniger Komplikationen bei Leberzirrhose

Bei Patienten mit fortgeschrittener Leberzirrhose ist die Ernährung ein zentraler Bestandteil der Therapie. Nach intensiver Ernährungsberatung wird das Maß der notwendigen Eiweißaufnahme viel eher erreicht, so das Ergebnis einer Untersuchung an der Medizinischen Hochschule Hannover. Bei den zuvor kachektischen Patienten kommt es zum erneuten Muskelaufbau und damit einhergehend zu einer Verbesserung der Lebensqualität. Zudem kann eine orale Langzeittherapie mit verzweigtkettigen Aminosäuren nach Angaben von PD Dr. Johann Ockenga aus Berlin den weiteren Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen. In einer prospektiven kontrollierten 2-Jahres-Studie1 erhielten 323 Zirrhose-Patienten täglich 12 g verzweigtkettige Aminosäuren als Granulat, eine Kontrollgruppe ernährte sich mit Normalkost.

Wie Ockenga berichtete, gab es in der Gruppe mit der Aminosäuren-supplementierten Ernährung ein Drittel weniger Komplikationen, dazu gehörten Verschlechterung der Leberfunktion, Leberkrebs und Tod. Außerdem führte die Langzeittherapie mit verzweigtkettigen Aminosäuren zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität. Für die Supplementation sprechen auch die Ergebnisse einer doppelblinden Multicenterstudie2, an der 174 Patienten mit fortgeschrittener Leberzirrhose teilnahmen. Ein Drittel der Patienten erhielt ein Jahr lang eine Nahrungsergänzung mit verzweigtkettigen Aminosäuren, die anderen Patienten bekamen ein Produkt mit gleichem Stickstoff und/oder gleichem Proteingehalt. In der mit Aminosäuren behandelten Gruppe kam es unter der Therapie signifikant seltener zu einer Verschlechterung der Leberfunktion (16% im Vergleich zu 27% und 32% in den Kontrollgruppen), es waren weniger Krankenhausaufenthalte nötig und die Patienten hatten einen besseren Ernährungszustand. „Diese Erfahrungen sind ermutigend und sollten Anlass für weitere Studien zum Stellenwert von verzweigtkettigen Aminosäuren in der Ernährung von Leberpatienten sein“, sagte Ockenga.

Wann immer möglich, sollte eine Supplementation in ein enterales Ernährungsprogramm eingebaut werden, weil eine künstliche Ernährung aus Sicht der modernen Intensivmedizin immer nur die zweitbeste Lösung ist. Das gilt selbst für Patienten mit akutem Leberversagen. Diese Patienten sind durch Hirnschwellung und schwere HE vital bedroht. Besonders bei beginnendem Hirnödem sollten zur Ernährung auch verzweigtkettige Aminosäuren gehören, empfahl Dr. Andrea Schneider, Hannover. Außerdem werden die Patienten mit Zink und Ornithinaspartat behandelt, um das HE-Risiko zu mindern.


Literatur:
1. Muto Y et al. Effects of Oral Branched-Chain Amino Acid Granules on Event-Free Survival in Patients With Liver Cirrhosis. Clin Gastroenterol Hepatol 2005; 3:705-713

2. Marchesini G et al. Nutritional Supplementation With Branched-Chain Amino Acids in Advanced Cirrhosis: A Double-Blind, Randomized Trial. Gastroenterology 2003;124:1792-1801

Quelle: von der Falk Foundation e.V. unterstütztes Seminar „Ernährung von Leberpatienten – optimal versorgt?“4. März 2006 in Hannover

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Zuletzt geändert am: 19.03.2006